#37 - Mutig ausprobieren mit Kathrin

Die heutige Studie zeigt auf, wie Ergotherapeut*innen in Japan arbeiten, um ihren Klient*innen in der stationären psychiatrischen Behandlung den “Drehtüreffekt” zu ersparen. Kathrin Bösiger überträgt die Ergebnisse in den deutschen Kontext und wir finden heraus, was es braucht, um den Alltag in der Klinik zum Thema zu machen.

Geschichten aus dem Alltag: Kathrins Klient*innen haben Meinung zum Angeln, Sara und ihr Bücherregal stehen “zwischen den Jahren”.

Lust auf mehr Evidenz für dein Team?

Alle Infos von und mit Kathrin Bösiger gibt es auf ihrer Homepage und bei Instagram.

Die Daten zur durchschnittlichen Aufenthaltsdauer in Kliniken könnt ihr bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung einsehen.

Hier gibts das Assessment OPISI-DE.

Und hier geht’s zu den “Positive Aktivitäten”-Karten.

Das OPHI-II fiindet ihr hier.

Studien in dieser Folge

Masango, J., van der Merwe, T. R., Casteleijn, D., & Adams, F. (2025). An Occupational Therapy Programme for a Psychiatric Day Hospital: Voice of Occupational Therapy Practitioners and Patients. Mental Illness, 2025(1), 6341561.
 
Sasaki, T., & Tanimura, A. (2025). Intervention Strategies for Promoting Occupational Participation in Early Mental Health Occupational Therapy in Japan: Focus Group Discussions With Occupational Therapists. Cureus, 17(6), e85600.
 
Sabour Eghbali MostafaKhan, H., Hasanati, F., & Nobakht, Z. (2025). Occupational Therapy Interventions for Acute Psychiatric Inpatients: A Scoping Review. Journal of Rehabilitation Sciences & Research, 12(1), 1–9.

00:00–06:30 Begrüßung und Vorstellung

Zu Beginn begrüßt Sara Mohr die Zuhörenden zu „Evidenz auf die Ohren“ und stellt ihre Gästin, die Ergotherapeutin und Sexualtherapeutin Kathrin Bösinger vor. Kathrin berichtet von ihrer Praxis „Alltagslust“, in der sie überwiegend mit psychisch erkrankten Menschen und Klient*innen mit sexuellen Themen arbeitet und beschreibt, wie Sexualberatung im ländlichen Raum oft noch als „heißes Eisen“ wahrgenommen wird.

06:30–12:00 Geschichten aus dem Alltag

Im Alltagsblock erzählt Kathrin von der ersten Therapiestunde im neuen Jahr, in der sie mit Fotokarten arbeitet und wie dasselbe Angler-Motiv bei zwei Klienten völlig gegensätzliche emotionale Reaktionen auslöst. Sara schildert anschließend, wie sie sich mit einem neuen Bücherregal mehr Struktur am Arbeitsplatz geschaffen hat und verweist auf neue Fortbildungen bei Ergo Unterwegs, u. a. zu Betätigungsanalyse, Flow und ergotherapeutischen Modellen.

12:00–17:30 Science-Drama: Predatory Journals

Sara führt in die Studie ein, die Interventionsstrategien zur Förderung von Partizipation bei stationär psychiatrisch behandelten Menschen untersucht. Sie erklärt den Unterschied zwischen seriösen Fachzeitschriften und „Predatory Journals“, beschreibt das Journal „Cureus“ mit extrem kurzen Peer-Review-Zeiten und diskutiert, warum das für die Bewertung der Studienqualität relevant ist, ohne die Studie pauschal zu verwerfen.

17:30–20:30 Kontext Psychiatrie: Verweildauer, Drehtür-Effekt & Fragestellung

Anhand von Zahlen erläutert Sara die sehr langen durchschnittlichen Aufenthaltsdauern in japanischen psychiatrischen Kliniken (ehemals rund 275 Tage) im Vergleich zu OECD-Ländern und Deutschland, sowie den hohen Anteil an Rehospitalisierungen innerhalb eines Jahres. Daraus leitet sie die Kernfrage der Studie ab: Wie kann Ergotherapie im stationären Setting dazu beitragen, den Drehtür-Effekt zu verringern, indem bedeutungsvolle Betätigungen und ein tragfähiger Alltag nach der Entlassung vorbereitet werden.

20:30–38:30 Thema 1: Bedeutungsvolle Betätigungen identifizieren 

Die Studie zeigt als erstes Hauptthema, dass Therapeut*innen zunächst die für Klient*innen bedeutsamen Betätigungen identifizieren müssen, was im stationären Setting oft herausfordernd ist. Beschrieben werden Gespräche, Interviews, Betätigungsprofile, Assessments wie COPM, Bildkarten (z. B. ADOC-App, BIDOG-Karten, Activity Card Sort) und die Unterscheidung zwischen Betätigungen in Klinik, früherem Alltag und gewünschter Zukunft.

Kathrin erläutert, wie sie Betätigungsprofile nutzt, Betätigungen farblich nach Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit ordnet und so Betätigungsbalance und Anliegen sichtbar macht.

Zum Thema Beziehungsgestaltung betont Kathrin die Bedeutung des eigenen Nervensystems: Sie beschreibt, wie sie bei einem wütenden Klienten über Körperwahrnehmung, Haltung, Atmung und Grounding zunächst sich selbst reguliert, um Emotionen des Gegenübers halten zu können. Beide sprechen darüber, dass therapeutische Verfügbarkeit, Präsenz und das „Feiern“ individueller Betätigungsinteressen (z. B. stundenlanges Klavierspielen) eine stabile, vertrauensvolle Arbeitsbeziehung fördern und Klient*innen darin stärken, sich mit ihren Betätigungen zu zeigen.

Sara schließt Thema 1 mit einem Studienzitat, das betont, dass eine Entlassung nicht nur an Symptomreduktion gekoppelt sein darf, sondern an die Möglichkeit, bedeutungsvollen Betätigungen nachzugehen.

38:30–50:30 Thema 2: Motivation für Betätigungs­partizipation

Als zweites Thema stellt die Studie heraus, dass Therapeut*innen Motivation fördern, indem sie Klient*innen früh vermitteln, warum Betätigung zentral für Gesundheit und Wohlbefinden ist und wie sie nach der Entlassung wieder wichtig wird. Kathrin ergänzt klinische Beispiele: Aktivitätsexperimente wie begleitete Telefonate bei Angst vor Anrufen, Duschen oder Nägel lackieren, sowie kleinschrittige Zielplanung helfen, Selbstwirksamkeit zu erleben und Hürden realistisch anzupassen.

Die beiden diskutieren, dass in der Psychiatrie fehlender Antrieb oft Symptom ist und nicht als mangelnde „Motivation“ missverstanden werden darf. Kathrin zeigt, wie sie Inspiration (z. B. Filmtrailer, YouTube-Tutorials für Aquarell, Minimalismus-Videos) gezielt nutzt, um niedrigschwellige Einstiege zu schaffen, und wie ergotherapeutisch begleitete Umsetzung die Wahrscheinlichkeit realer Handlung erhöht.

50:30–01:00:00 Thema 3: Möglichkeiten finden, um Betätigungserfahrungen zu sammeln

Im dritten Themenkomplex geht es darum, die spätere Wohn- und Lebensumwelt mitzudenken, obwohl Ergotherapie in der Klinik immer ein künstlicher Rahmen bleibt. Kathrin berichtet, wie sie mit Klient*innen Zimmer neu plant, Barriere- und Förderfaktoren in der Wohnung analysiert, Aufgaben wie Wandfarbe kaufen oder Wohnungsrecherche schon während des stationären Aufenthalts anbahnt, um den Transfer in den Alltag vorzubereiten.

Die Rolle der physischen und sozialen Umwelt wird ausführlich beleuchtet: einfache Interventionen wie Lüften, Reizreduktion am Arbeitsplatz oder das Entfernen von „Sofa-Fallen“ können Betätigungsverhalten deutlich beeinflussen. In Gruppen können Umweltfaktoren gemeinschaftlich reflektiert werden (z. B. Barrieren/Förderfaktoren in der Wohnung), um Ideen zu teilen und sich gegenseitig zu verpflichten, Schritte tatsächlich umzusetzen.

01:00:00–01:10:00 Thema 4: Erkrankungsspezifische Probleme & Betätigungsbiografie

Das vierte Thema der Studie betont, dass Ergotherapeut*innen neben Betätigung auch Erkrankungen, Symptome und individuelle Schwierigkeiten kennen und verstehen müssen. Besprochen werden Instrumente wie das OPHI-II, Lebenslinien und Betätigungsbiografien, die sowohl Ressourcen (langjährig erfolgreiche Betätigungen) als auch Brüche sichtbar machen und Klient*innen ermöglichen, sich selbst als handelnde Personen durch die Zeit zu reflektieren.

01:10:00-01:15:00 Gruppen in der Psychiatrie betätigungszentriert gestalten

Im Hinblick auf Gruppensetting wird diskutiert, wie vermeintlich „kreativ“ etikettierte Gruppen betätigungszentriert umgestaltet werden können, z. B. durch gemeinsame Reflexion von Schlaf, Mediennutzung, Essen, Alltagstaktung und Umwelteinflüssen. Kathrin empfiehlt, aus der Praxis zu lernen, Arbeitsblätter erst nach ersten Gruppenerfahrungen zu entwickeln und wiederkehrende Themen wie Schlaf, Bildschirmzeit, Selbstversorgung und Freizeitgestaltung systematisch zu nutzen.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Betätigungsanalyse, die beide als „Schlüssel der modernen Ergotherapie“ beschreiben, weil sie Barrieren sichtbar macht, die sonst unentdeckt blieben. Besprochen werden verschiedene Formen (beim Tun, per Video, bei Nicht-Ausführung) und der Gedanke, Klient*innen in Gruppen zu befähigen, selbst Betätigungsanalysen zu erstellen, um das Prinzip auf andere Betätigungen (z. B. Wäsche waschen, Fahrradfahren) zu übertragen.

01:15:00-01:30:00 Drei (plus) To-Dos für betätigungszentrierte psychiatrische Gruppen

Zum Abschluss sammeln die beiden praxisnahe Schritte, mit denen Ergos ihre psychiatrischen Gruppen kurzfristig betätigungszentrierter gestalten können. Genannt werden u. a.: Anschaffung und Einsatz von Bildkarten (z. B. „Positive Aktivitäten“), konsequente Nutzung des Betätigungsprofils, Reflexion von Umweltfaktoren in der Gruppe, gemeinsame Planung realistischer Ziele mit Plan A/B/C und Ermutigung, auch mit wenigen Materialien niedrigschwellig zu starten.

01:30:00 Verabschiedung & Ausblick

Am Ende fassen Sara und Kathrin ihre zentrale Botschaft zusammen: Betätigungszentrierung, Betätigungsanalyse und das ernsthafte Wahrnehmen von Sexualität und Alltagsthemen sind essenziell, um psychisch erkrankte Menschen nachhaltig zu unterstützen. Sie verweisen auf Kontaktmöglichkeiten (Praxis Alltagslust, Ergo Unterwegs), kündigen mögliche weitere Folgen zu Sexualität, Gruppenarbeit und Betätigungsanalyse an und verabschieden sich gut gelaunt in die Mittagspause.

#37BetätigungPsych

Sara Mohr: [00:00:14] Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Evidenz auf die Ohren, eurem Podcast für evidenzbasierte Praxis in der Ergotherapie. Mein Name ist Sara Mohr und hier bei mir im digitalen Podcast-Studio ist Kathrin Bösiger. Hallo. Hallo. Kathrin, schön, dass du da bist. Ich freue mich sehr auf unsere Folge zusammen. Möchtest du dich kurz einmal vorstellen, wer bist du und was ist los in deinem Ergo-Leben?

Kathrin Bösiger: [00:00:51] Schöne Frage. Also ich bin die Kathrin Bösiger. Ich bin Ergotherapeutin mit sexualtherapeutischer Ausbildung im Schwarzwald, habe hier meine eigene Praxis namens Alltagslust und ich behandle überwiegend Menschen mit psychischen Erkrankungen und Leute, die irgendwelche sexuellen Themen und

Sara Mohr: [00:01:11] Anliegen und Fragen haben. Total spannend. Wie ist das so in der Kombination für dich mit den beiden Themen? Wie kommt das bei den Leuten an? Finde ich total spannend.

Kathrin Bösiger: [00:01:22] Wie kommt es bei den Leuten an? Also ich bin sehr ländlich gelegen. Deswegen ist es schon so, dass ich denke, dass ich ein bisschen weniger Anfragen habe deswegen, weil sie einfach auf der Visitenkarte oder auf dem Schild stehen sehen, ja Sexualberatung und dann, ja, das nicht so richtig einordnen können vielleicht, vielleicht auch ein Thema damit haben oder sie selber sagen, ist ein heißes Eisen und dann wollen sie auch nicht mit dem Thema konfrontiert werden, dann gehen sie lieber in eine andere Praxis. Okay, obwohl man ja gar nicht mit

Sara Mohr: [00:01:51] einem unbedingten, zwingenden Anliegen in dem Bereich haben muss, um bei dir Therapie zu bekommen.

Kathrin Bösiger: [00:01:57] Ja genau, aber ich könnte sie ja damit konfrontieren, dass sie damit ein Thema haben und sie wissen nicht, ob sie diese Konfrontation aushalten können. Okay. Genau und ich glaube, dass es ein Thema ist, aber genau, ich finde es nicht schlimm, weil ich trotzdem voll bin, von dem her passt es für mich, aber ich kriege es halt einfach mit, dass auch im Dorf darüber geredet wird und so. Das ist so die Meinung der Bevölkerung, aber zum Beispiel, als ich die Ausbildung angefangen habe zur Sexualtherapie, da habe ich noch in der Psychiatrie gearbeitet und dort waren, also das ganze Kollegium war mega begeistert, dass ich es mache, weil sie wussten, das Thema wird einfach von niemandem aufgegriffen, auch von den KörperpsychotherapeutInnen nicht, weil sie einfach, sie haben viel über den Körper gelernt und den Zusammenhang zwischen Nervensystem und Körper und Psyche und das alles. Aber Sex war bei denen maximal ein ganz kleines Modul, wenn überhaupt. Ja krass. Und deswegen haben auch sie sich gefreut, dass sie gesagt haben, hey cool, dann alle mit Erektionsstörung oder Lustlosigkeit oder sonst was kommen jetzt zu [00:02:57] dir. Und das war schon richtig cool. Also diese Wertschätzung vor allem im therapeutischen

Sara Mohr: [00:03:02] Team finde ich super. Es kann ich mir auch gut vorstellen, dass wenn dann das Thema angegangen wird, dass das auch mit einer Erleichterung dann, oder? Also jetzt endlich hat das mal einen

Kathrin Bösiger: [00:03:12] Platz irgendwo. Ja, also ich kann mich auch an eine Klientin erinnern, da war das richtig, richtig arg zu spüren. Sie konnte die Sexualität nicht mehr ausleben aufgrund von einer onkologischen Erkrankung. Das war so der Auslöser, aber sie war in der Psychiatrie natürlich wegen einer Depressionen, ähm, auch einer Suchterkrankung. Und sie hat halt mit niemandem drüber reden können. Sie hat schon manchmal vor allem bei den ÄrztInnen probiert zu sagen, hey, dass sie da irgendwie Schmerzen hat in der Sexualität und deswegen das nicht mehr haben kann. Und ihr Mann halt, der hat das ein Jahr lang einfach so mitgemacht. Aber irgendwann hat er halt angefangen, immer mehr so den Wunsch zu äußern. Und der Druck ist gestiegen und sie wusste halt nicht, wohin damit, weil niemand wollte und konnte ihr helfen. Und als ich dann das COPM mit ihr gemacht habe, ich habe halt die Sexualität, frage ich halt im COPM in der Selbstversorgung mit ab. Weil das ist einfach ein Grundbedürfnis. Das frage ich dann ganz oben immer mit ab. Und da hat sie gesagt, was? Sie fragen mich jetzt über meine Sexualität. Darf ich hier was dazu sagen? Und habe ich gesagt, [00:04:14] ja, also sie haben jetzt hier den Raum dafür, um darüber zu reden, wenn sie da was haben. Und dann sind wie so Steine von ihr runtergefallen. Und sie hat erzählt und erzählt und erzählt und erzählt. Und danach ging es ihr schon so viel besser. Ich habe noch nichts gemacht, keine Intervention dazu. Ich habe mir nur ihr Problem angehört. Die Frau ist schwebend aus dem Handlungszimmer rausgeschwebt. Ich habe mitbekommen, sie hatte in den folgenden Tagen verschiedene Gruppentherapien. Sie hat überall, statt zu sagen, wie es ihr geht, hat sie gesagt, in der Ergotherapie darf man über Sex reden, sexuellen Problemen zu Frau Bösiger. Und das war so cool. Also allein das zu sagen, hat schon so viel gebracht. Und deswegen will ich einfach auch voll gerne so andere Ergos ermutigen. Selbst wenn sie keine sexualtherapeutische Ausbildung haben, also sich allein einfach mal die Sachen anzuhören, bringt schon so viel. Und ja, finde ich einfach super wichtig, dass dieser Bereich nicht immer so ausgegrenzt

Sara Mohr: [00:05:16] wird. Es ist halt ein super wichtiger Betätigungsbereich einfach, ne, für so viele Menschen. Und es bei so vielen Krankheitsbildern sind irgendwie Einschränkungen bei sexuellen Betätigungen möglich. Also das ist was, was total häufig vorkommt. Das ist uns nur nicht so bewusst, weil es eben so irgendwie schambehaftet ist dann in der Gesellschaft. Ja. Und das Spannende

Kathrin Bösiger: [00:05:34] ist ja, dass seit es OPC draußen ist, nutze ich das OPC auch mit jedem Klienten oder mit jedem, ja doch, wie sagt man, mit jedem Menschen, der vor mir sitzt, nutze ich das OPC. Und das Spannende ist, dass wirklich 95 Prozent geben im OPC an, dass sie ein Anliegen haben. Krass. Das finde ich halt so krass. Und also es sind wirklich die Ausnahme, dass jemand sagt, ne, mein Sexleben ist super. Also da denke ich jetzt wirklich nur an einen Klienten. Es ist nicht so, dass jeder daran arbeiten möchte. Also ich habe viele KlientInnen, die haben zwar einen Vaginismus und können keinen Sex haben oder haben sonst irgendeine sexuelle Störung und sagen, ne, dann will ich trotzdem lieber Freizeithobbys finden, wie meine Sexualität verbessern, ist voll okay. Aber einfach nur zu sehen, dass die Anliegen einfach sehr, sehr weit verbreitet sind. So an sich. Ja. Aber die Priorisierung kann trotzdem auf einem

Sara Mohr: [00:06:35] anderen Betätigungsanliegen höher sein. Ja. Das OPC, liebe Zuhörenden da draußen, verlinke ich euch auch nochmal in den Shownotes als Assessment in dem Bereich. Cool. Jetzt sind wir direkt in so ein Thema eingestiegen, was ich total spannend finde. Ich will dich auch unbedingt nochmal für eine Folge zum Thema Sexualität in der Ergotherapie da haben, Kathrin. Sehr gerne. Aber für heute hast du dir ja ein anderes Thema gewünscht. Wir reden gleich über Betätigung in der psychiatrischen Ergotherapie. Vorher erzählen wir aber kurz noch Geschichten aus dem Alltag. Kathrin, hast du eine mitgebracht? Ja, ich habe eine mitgebracht, denn vor der

Kathrin Bösiger: [00:07:15] Aufnahme hatte ich schon zwei Therapien und es waren die ersten Therapien im neuen Jahr 2026. Und da dachte ich, was wäre denn jetzt so ein schöner Einstieg? Und ich habe so Bildkarten da. Und da sind einfach verschiedene Bilder von irgendwelchen Sachen auf der Welt drauf. Also zum Beispiel ein Kind auf der Schaukel oder so Entenbabys oder ein schöner Wald oder eine liegende Kuh. Also ganz verschiedene Motive. Und ich habe die so ausgebreitet auf meinem Tisch, weil also meine KlientInnen sitzen mir gegenüber auf dem Sofa und ich sitze im Sessel und dazwischen ist so ein Couchtisch und darauf habe ich alle so Fotos ausgebreitet, sind so Fotokarten. Und dann habe ich so gefragt, welches Bild passt zu Ihnen und welches Bild passt überhaupt nicht zu Ihnen? Einfach um so einen Einstieg zu finden. Und dann genau habe ich so diese Therapieeinheit dann weiter gefreestylt so mit diesen Karten. Und ich fand es super witzig, dass der erste Klient hat die Bildkarte rausgesucht mit einem Angler. Also da sieht man ein Boot, [00:08:17] das schwimmt auf dem See bei Sonnenuntergang und da steht so ein friedlicher Mann drauf mit einer Angel in der Hand und angelt da einfach. Und der erste Klient hat gesagt, wow, dieses Bild, das strahlt Ruhe aus, das zeigt die Betätigung Angeln, ich liebe Angeln, habe ich als Kind voll gern gemacht und so. Also es war super positiv. Der Klient, eine Einheit später, hat dasselbe Bild ausgewählt. Ich hasse Angeln, ich hasse dieses Bild, das sieht so langweilig aus, diese Ruhe, das ist so langweilig. Auf keinen Fall will ich jemals angeln. Wie cool. Und das finde ich so cool, weil es so, ja, für den einen ist diese, also diese Betätigung einmal so das Wunderschönste auf der Welt und hat so, das bringt ihn runter. Also fährt auch so das Nervensystem irgendwo runter und den [00:09:20] anderen bringt es auf die Palme. Ist doch mega. Ist so cool, wie bunt das immer ist, ne? Ja, so ein und dasselbe Bild. Hey, richtig cool. Ja, und was geht bei dir in deinem Alltag? Ja, mein Alltag ist,

Sara Mohr: [00:09:35] ich habe mir wirklich Mühe gegeben, halbwegs ruhig und strukturiert ins neue Jahr zu starten. Mir ist es in den letzten Jahren, habe ich immer den Fehler begangen. Gibt es bei euch auch den Ausdruck, die Zeit zwischen den Jahren? Ja. So zwischen Weihnachten und Silvester. Und in meinem Kopf war die immer Monate. Und ich habe mir unglaublich viele Aufgaben. Ah, das mache ich zwischen den Jahren und das mache ich auch zwischen den Jahren und das mache ich zwischen den Jahren. Und das kann man dann zwischen den Jahren klären. Aber in Wahrheit sind es ja im Endeffekt nur drei oder vier Tage, die dann wirklich zwischen den Jahren sind. Und dieses Jahr habe ich es geschafft, mir zwischen den Jahren nichts vorzunehmen. Ich hatte da keinen Termin zwischen den Jahren und habe dann die Zeit genutzt, um etwas zu tun, auch dass ich schon sehr, sehr, sehr lange gewartet habe. Ich bin zu Ikea gefahren. Tut das nicht. Fahrt nicht zwischen den Jahren zu Ikea. Das war ein Fehler. Aber ich habe mir da ein neues Bücherregal gekauft und habe jetzt ein riesengroßes Bücherregal neben meinem Schreibtisch stehen für alle Fachbücher. Und die waren vorher in [00:10:35] so einem Mini-Regal so aufeinander gestapelt. Und wenn ich unten eins raus haben musste, musste ich 15 Bücher wegräumen. Und das hat mich total gestresst. Und ich sitze jetzt, ich merke die letzten Tage schon immer, wie ich teilweise einfach hier am Schreibtisch sitze und gar nicht auf meinen Bildschirm schaue, sondern einfach auf das Regal starre. Weil es mir so eine Ruhe und Struktur gibt.

Kathrin Bösiger: [00:10:55] Ja, das ist sehr schön. Das freut mich total. Es ist auch irgendwo befriedigend, so ein schönes Buchregal zu sehen und die ganzen Fachbücher, die ja auch total wertvoll sind. Bedeutungsvoll auch. //Sara Mohr: Genau.//

Sara Mohr: [00:11:07] Und das hat mich sehr froh gemacht. Und dann habe ich diese kleine Lehre, die dann da entstanden ist zwischen den Jahren, genutzt, um ein bisschen das Programm für Ergo unterwegs für dieses Jahr zu planen. Das heißt, kurzer Werbeblock, noch bis zum 28. Februar, also bis Ende Februar, gibt es auf ganz, ganz viele Workshops und Fortbildungen bei Ergo unterwegs Rabatt. Also es lohnt sich gerade auf die Homepage zu gucken. Unter anderem machen wir, biete ich im Mai zum ersten Mal eine Fortbildung zum Thema Betätigungsanalyse an. Es gibt auch Fortbildungen zu Flow und so weiter wieder und zu Modellen in der Ergotherapie. Guck da mal rein. Habe ich ein bisschen gebastelt zwischen denen. Genau. Das aus dem Alltag. Und dann würde ich sagen, gehen wir mal rein in die Forschung, oder?

Kathrin Bösiger: [00:11:57] Yes. Yes, let’s go.

Sara Mohr: [00:12:00] Die Studie, die du dir ausgesucht hast, ist eine Studie aus Japan. Und da geht es um Interventionsstrategien, um Partizipation zu ermöglichen für Menschen, die stationär in einer psychiatrischen Klinik aufgenommen sind. Und bevor wir inhaltlich reingehen, habe ich noch kurz ein kleines Science Drama, das mit dieser Studie verbunden war, das ich euch noch kurz erzählen möchte, so zur Einordnung. Wenn ich so eine Studie für den Podcast vorbereite, dann lese ich mir die durch natürlich. Ich gucke mir nicht nur den Inhalt aber an, sondern ich versuche auch immer so die Qualität einzuschätzen der Studie. Wer noch mal mehr zur Studienqualität hören will, da haben wir, glaube ich, Podcast-Folge 11, geht es um Studienqualität. Aber eins der Dinge, die ich dann tue, ist, ich gucke immer, in welchem Fachjournal wurde die Studie denn veröffentlicht. Und ganz oft sind die Studien, die wir hier im Podcast haben, so aus den typischen Ergo-Fachzeitschriften, also aus dem skandinavischen Journal of Occupational Therapy oder aus dem [00:13:01] australischen. Unsere heutige Studie ist aber nicht in einer Ergo-Fachzeitschrift erschienen, sondern bei einer Fachzeitschrift namens Kureus. Und weil ich die nicht kannte, habe ich einmal eine ganz schnelle Internetrecherche gemacht, um zu gucken, ob die vertrauenswürdig ist, diese Fachzeitschrift. Weil ja, auch Fachzeitschriften können nicht vertrauenswürdig sein. Also nur weil was publiziert, veröffentlicht wurde, heißt es nicht, dass es stimmt. Es gibt nämlich sogenannte Predatory Journals, also räuberische Zeitschriften. Das klingt sehr dramatisch auf Deutsch. Was die machen ist, die stellen sich nach außen so dar wie eine vollwertige wissenschaftliche Fachzeitschrift. In Wahrheit ist deren Strategie aber, dass sie von den Forschenden Geld kassieren, dafür, dass sie deren Artikel veröffentlichen und kommen aber gleichzeitig nicht ihren Pflichten nach. Also zum Beispiel werden die eingereichten Artikel nicht einem ordentlichen [00:14:02] Peer-Review unterzogen. Also die werden nicht nochmal von unabhängigen Fachpersonen überprüft. Und diese Strategie von diesen Predatory Journals, die funktioniert im Wissenschaftsbetrieb, weil es gibt einen ganz großen Publikationsdruck. Also damit ich auf der Karriereleiter in der Wissenschaft nach oben klettern kann, brauche ich Publikation. Und bei einem Predatory Journal kann ich so ziemlich alles einreichen, auch qualitativ schlechte Arbeiten. Solange ich bezahle, wird es veröffentlicht. Und das heißt für mich oder für uns als KonsumentInnen von diesen Artikeln muss ich natürlich sehr aufpassen, weil das, was da drin steht, stimmt gegebenenfalls überhaupt nicht und wurde nur publiziert, weil jemand dafür bezahlt hat. Ich habe also geguckt, ob diese Zeitschrift Correos ein Predatory Journal ist. Das kann man einfach Suchmaschine eurer Wahl und meistens steht es sogar im Wikipedia-Artikel zu den Zeitschriften mit drin. Die gute Nachricht, Correos ist nicht bekannt als Predatory Journal. Aber die schlechte Nachricht, die Zeitschrift hat ein anderes Problem. Die hat nämlich sehr, sehr kurze Peer-Review-Zeiten. Also das heißt, [00:15:09] was beim Peer-Review passiert, ist ja der Artikel, den jetzt eine Forscherin eingereicht hat, der wird anonymisiert und dann wird der an zwei, manchmal drei Fachpersonen geschickt, die sich mit dem Thema der Studie gut auskennen. Und die bewerten den anonym und auch unabhängig voneinander. Und dafür kriegen die üblicherweise mehrere Wochen, dass die sich wirklich mit dem Text auseinandersetzen können, gucken, wie ist die Qualität, passt das in die Fachzeitschrift, wurde da wirklich eine gute Studie gemacht oder muss man da noch irgendwo nachbessern. Bei Correos haben die ReviewerIn nur wenige Tage Zeit für das Peer-Review.

Kathrin Bösiger: [00:15:46] Ah, okay.

Sara Mohr: [00:15:47] Und wenn ich halt nur wenige Tage Zeit habe für was, dann mache ich es wahrscheinlich nicht so besonders ordentlich. Und Correos selber sagt, ja, das stimmt, bei uns hat man nur wenige Tage für so ein Peer-Review, aber bei uns auf der Homepage gibt es die Möglichkeit, wenn dann so eine Studie veröffentlicht wurde, dass man die kommentiert. Also dass dann quasi NutzerInnen auf der Homepage nochmal kommentieren können und schreiben können, hey, das ist aber eine besonders schlechte Qualität oder besonders gute Qualität oder das ist schwierig an der Studie. Das ist gut und schön, aber es ist halt trotzdem nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal, das so zu machen. Und als eine Konsequenz dieser Praxis hat Correos eine ziemlich hohe Retraktionsrate. Also Forschungsarbeiten sind durch das Peer-Review gekommen, wurden veröffentlicht und nach der Publikation hat es aber so viele schlechte Bewertungen gehagelt, dass die AutorInnen das Manuskript doch wieder zurückgezogen haben.

Kathrin Bösiger: [00:16:42] Ja.

Sara Mohr: [00:16:42] So. Was heißt das jetzt für unseren Artikel, den wir uns heute angucken? Unsere heutige Studie ist innerhalb von zwei Wochen durchs Peer-Review gekommen und es gibt auf der Homepage noch keine Kommentare. Das ist jetzt, es heißt jetzt nicht, dass diese Studie kompletter Humbug ist, weil das kann durchaus eine gute Studie sein. Ich habe beim Lesen besonders darauf geachtet, ob alles, was die da schreiben, auch irgendwie sinnvoll klingt. Ich habe auch die beiden Forschenden, die den Artikel geschrieben haben, nochmal recherchiert. Das sind beides Ergos aus Japan und die arbeiten da an Hochschulen. Und die haben auch schon mehrere Artikel zu dem Thema auch in hochwertigen Journalen veröffentlicht. Also ich glaube, wir können mit dieser kleinen Vorwarnung, können wir da, glaube ich, inhaltlich reingehen. Aber ich fand es total spannend, dieses kleine Science-Drama nochmal anzugucken. Gut, gehen wir inhaltlich rein. Okay. Die Studie wurde in Japan durchgeführt und die Forschenden schreiben auch, dass die Ergebnisse der Studie sehr japan-spezifisch seien und nicht so einfach auf andere Länder [00:17:45] übertragbar. Aber für den Übertrag haben wir ja dich, Kathrin.

Kathrin Bösiger: [00:17:49] Ja. Ich werde deutsche Sachen liefern.

Sara Mohr: [00:17:52] Genau. Japan hat in den letzten Jahren sehr stark in die ambulante Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen investiert und dadurch versucht, die stationären Aufenthaltszeiten zu verkürzen. Und ich habe da ein paar spannende Zahlen gefunden. Die Forschenden selber schreiben in dem Artikel 2015, also der Artikel ist von 2025, aber sie schreiben 2015, hat der durchschnittliche Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in Japan 275 Tage gedauert. Also über neun Monate waren die Leute, wenn sie stationär gegangen sind, dann in der Klinik

Kathrin Bösiger: [00:18:34] im Schnitt.

Sara Mohr: [00:18:36] Und das klingt jetzt erstmal viel, es wird aber immer so leichter zu verstehen in einem Vergleich. In den OECD-Ländern liegt der durchschnittliche Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken bei 10 bis 40 Tagen.

Kathrin Bösiger: [00:18:49] Also deutlich drunter.

Sara Mohr: [00:18:51] Ja. Und dann habe ich das nochmal für Deutschland nachgeguckt. Was schätzt du, was ist so der, wie lange ist man in Deutschland? im Schnitt in so einer psychiatrischen Klinik? Ein halbes Jahr? Bist du gar nicht. Ja, 75 Tage ist der Durchschnitt, also dreieinhalb Monate. Aber der Durchschnitt über alle Fachbereiche gesehen, also alle Kliniken, ist bei 25 Tagen.

Kathrin Bösiger: [00:19:19] Ah, okay.

Sara Mohr: [00:19:20] Also auch in Deutschland hat die Psychiatrie deutlich längere Aufenthaltszeiten als andere Fachabteilungen. Diese lange Dauer von über neun Monaten in Japan hat sich mittlerweile verkürzt. Aber die Forschenden schreiben, was immer noch ein Problem ist, ist der sogenannte Drehtüreffekt. Also das kennst du auch aus Deutschland, das Phänomen.

Kathrin Bösiger: [00:19:44] Ja, das ist ja der Klassiker.

Sara Mohr: [00:19:47] Genau. Also in Japan wird mehr als ein Drittel der PatientInnen nach der Entlassung innerhalb von einem Jahr wieder stationär aufgenommen. Ja. Das heißt, für diese Studie haben die sich die Frage gestellt, wie kann denn Ergotherapie in der stationären Versorgung dazu beitragen, dass dieser Drehtüreffekt weniger wird. Dass die KlientInnen nach der Entlassung nämlich tatsächlich klarkommen in ihrem Alltag.

Kathrin Bösiger: [00:20:14] Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe auch gedacht, das würde ich auch gerne wissen.

Sara Mohr: [00:20:18] Ja, sehr gut. Was die dazu gemacht haben, die Forschenden, die haben Fokusgruppeninterviews geführt, also in einer Gruppe Personen interviewt, 13 ErgotherapeutInnen und dann haben sie die Skripte analysiert. Die Ergos, die da teilgenommen haben, das waren zwei Frauen und elf Männer und die waren im Schnitt 38 Jahre alt und hatten ungefähr elf Jahre Berufserfahrung halt auch im psychiatrischen Setting. Und die wurden gefragt, so, welche Therapieinhalte setzt ihr denn ein im stationären Setting, welche Therapieinhalte setzt ihr ein, damit eben das Leben in der Gemeinde nachher funktioniert und um Rehospitalisierung zu vermeiden.

Kathrin Bösiger: [00:21:03] Ja.

Sara Mohr: [00:21:04] Und wie macht ihr das eigentlich so im Klinik-Setting, dass ihr an bedeutungsvollen Betätigungen arbeitet von den Leuten? Mhm. Alles sehr spannende Fragen. Mhm. Und wir gucken uns die jetzt an. Es kamen in der Analyse von diesen Fokusgruppeninterviews vier Themen raus, die wir jetzt nach und nach durchgehen. Thema eins, die Teilnehmenden haben gesagt, na, ich muss zuerst mal die Betätigungen identifizieren, die den KlientInnen wichtig sind.

Kathrin Bösiger: [00:21:32] Ja. So.

Sara Mohr: [00:21:35] Und sie haben dann aber auch gesagt, na, gerade im stationären Setting kann das schon herausfordernd sein, mit den Leuten zu erarbeiten, was denn jetzt für sie bedeutungsvolle Betätigungen in ihrem Alltag sind. Mhm. Und sie sagen, ja, es ist schwierig, aber es ist trotzdem immens wichtig, das zu machen. Und sie machen das, indem sie Gespräche führen, teilweise auch Assessments benutzen. Gerade bei KlientInnen, die vielleicht Probleme haben, sich auf Gespräche einzulassen, nutzen sie auch Bildkarten-Assessments. Ja. Und das fand ich total spannend. Da wird ein Bildkarten-Assessment auch genannt in der Studie, nämlich das ADOC. Das ist das Aid for Decision-Making and Occupation Choice. Das gibt es aber nur auf Japanisch und Englisch. Ah, aber das klingt ja richtig gut. Das klingt richtig cool. Das ist eine App mit Abbildungen, also Illustrationen von verschiedenen Betätigungen. Und die KlientInnen sollen einschätzen, ob sie diese Betätigung ausführen möchten oder, wenn sie sie nicht ausführen möchten, warum nicht. //Sara Mohr: Cool.//

Kathrin Bösiger: [00:22:37] Okay. Also das sind Betätigungen, also nicht nur Freizeitbetätigungen, sondern auch Betätigungen der Selbstversorge und so weiter? So wie ich das sehen konnte, jetzt ja. Cool. Total. Ja, weil ich habe ja auch so Bildkarten, die heißen Positive Aktivitäten vom BELZ-Verlag. Verlinke ich euch in den Show Notes. Aber das sind unbedingt sehr wichtig, finde ich Must-Have für jeden Ergo, egal in welchem Fachbereich. Also jeder muss dieses Kartenzett besitzen. Nee, weil ich es einfach super wichtig finde und es so extrem oft benutze. Aber das sind alles nur Freizeitbetätigungen. Ah, okay. Und ich habe noch die B-Doc-Fotokarten und da sind wenig Freizeitbetätigungen drauf. Da sind halt wirklich alle Alltagsbetätigungen drauf. Von mit der Fernbedienung den Sender umschalten, über auf die Toilette gehen, aus dem Auto aussteigen, so Sachen. Da ist wirklich alles drin. Das sind tausende Fotos. Also wenn man die sich komplett durchschauen will, da braucht man schon lange. Ja, das stimmt.

Sara Mohr: [00:23:38] Und die B-Doc-Karten, die habe ich auch, weil ich die auch in der Neuro für Erwachsene ganz gut finde. Weil es sind halt Fotokarten von erwachsenen Personen. Es gibt ja so viele Bildkarteninterviews mittlerweile für Kinder. Aber da fühlen sich halt erwachsene Leute veräppelt von, wenn ich damit um die Ecke komme. Die B-Doc-Karten haben ein bisschen den Nachteil, die haben mittlerweile schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Und man sieht das den Fotos leider dann auch immer sehr schnell an, dass die halt schon so ein bisschen älter sind. Ansonsten gibt es noch, wenn man ein bisschen modernere Fotokarten haben möchte für Erwachsene, gibt es noch das Activity-Card-Sort. Das ist aber eher auf ältere Personen ausgelegt. Welche, kannst du noch andere Assessments empfehlen? Oder wie sammelst du denn bedeutungsvolle Betätigungen mit deinen Klientinnen?

Kathrin Bösiger: [00:24:23] Ich fange immer erst mal mit dem Betätigungsprofil an. Also es kommt so drauf an, also wir sprechen ja jetzt über den stationären Setting. Als ich in der Psychiatrie noch gearbeitet habe, dann manchmal kamen Klientinnen und es war klar, die werden schon bald entlassen. Ich habe nicht so viel Zeit. Und dann habe ich schon von den PsychiaterInnen, den PsychotherapeutInnen oder den KörpertherapeutInnen oder so schon direkt das Betätigungsanliegen mitbekommen. Also zum Beispiel, dann kam eine Mail, da stand der Herr XY, der kommt ab morgen für dreimal in die Ergotherapie, da geht es um das Betätigungsanliegen Dating. Und dann kam der und ich wusste, okay, dreimal, jetzt aber hinne machen. Let’s go. Dann schnell Betätigungsanalyse, dann was hat der vor, was will der überhaupt, warum, wie, wo, was. Und dann zack, zack, zack, weißt du, was ich meine? Ja, klar. Also in der Psychiatrie, wenn klar ist, dass die Person bald abreisen wird, dann hat man nicht so viel Zeit für Assessments. Und deswegen finde ich so diesen ambulanten Bereich ja so entspannt, weil die Leute sind einfach daheim, die wohnen hier, die ziehen jetzt erst mal nicht um. [00:25:26] Und ich habe einfach wirklich Zeit, um am Anfang immer erst mal ein Betätigungsprofil zu machen und dann meine ganzen Assessments auszuwählen. Und ja, aber in der Regel ist es so, dass ich ein COPM mache und halt OPC-Screening, auf jeden Fall.

Sara Mohr: [00:25:41] Ja.

Kathrin Bösiger: [00:25:42] Und eben im Betätigungsprofil kommt schon raus, was sie machen oder sie sagen von sich aus, was sie nicht machen oder eigentlich gerne machen würden oder so. Also ich mache es meistens so, wenn ich das Betätigungsprofil ausgefüllt habe, ich nehme so drei Farben und dann male ich an, welche Betätigung könnten wir jetzt so einordnen zur Produktivität, welche gehören jetzt eher zur Selbstversorgung, welche zur Freizeit, dann kommt schon so ein bisschen die Betätigungsbalance raus. Und oft in dem Punkt sagen sie schon, ah ja, ich betreibe ja wirklich nichts für meine Selbstversorge oder ja, stimmt, ich habe irgendwie nur passive Hobbys oder irgendwie so. Da kommen sie dann schon selber drauf und sagen, wie sie es gerne anders hätten.

Sara Mohr: [00:26:27] Und machst du dann das Betätigungsprofil? Ich finde es total spannend, weil ich gerade im stationären Setting, das kenne ich in der Neurologie auch, kommt immer wieder die Frage auf, mache ich denn jetzt das Betätigungsprofil für den Alltag, wie er in der Klinik ist? Oder mache ich das für den Alltag, wie er zu Hause war? Oder mache ich es für den Alltag, wie ich ihn gerne zu Hause hätte? Das sind ja drei Möglichkeiten, die ich habe.

Kathrin Bösiger: [00:26:48] Es gibt noch mehr Möglichkeiten. Also das Betätigungsprofil, das kann man ja super bunt einsetzen. Und ich habe es immer davon abhängig gemacht, jetzt in der Klinik, so was für eine Person sitzt jetzt vor mir? Also ist die jetzt gerade gekommen? Wie lange wird sie voraussichtlich bleiben? Wie schwer erkrankt ist sie? Also irgendwie so, das kann man dann meistens recht schnell einschätzen. Mache ich jetzt einen von in der Klinik, weil jetzt klar ist, dass sie länger in der Klinik ist und hier diesen Alltag jetzt mal gut in den Griff kriegen muss? Oder kommt ihr jetzt nur für kurz und geht danach wieder Vollzeit arbeiten? Also das, finde ich, macht einen Unterschied. Und je nachdem mache ich das dann wirklich vom Alltag, wie er kurz davor war oder wie er jetzt gerade in der Klinik ist.

Sara Mohr: [00:27:30] Ja, ich glaube, das ist ein guter Weg zu sagen, also ich habe all diese Möglichkeiten. Ich muss gucken, dass es zu der Person passt. Manchmal kann es, glaube ich, super ein Benefit sein, zu sagen, wie sollte denn der Alltag sein, wenn sie jetzt wieder nach Hause kommen? Und für manche Leute ist es vielleicht aber auch voll schwer vorstellbar, wie so ein Alltag überhaupt aussehen kann, wenn man wieder nach Hause kommt.

Kathrin Bösiger: [00:27:50] Und manchmal habe ich es auch als Therapieintervention genommen. Also zum Beispiel, wenn ich einen Klienten mit Suchtdruck hatte oder einer allgemeinen Suchterkrankung, dann habe ich denen als Aufgabe gegeben, komm, wir machen jetzt mal das Betätigungsprofil von einem Tag, der auf jeden Fall Suchtdruck auslösen wird. Und wie muss der Tag beginnen, dass es ihnen so richtig schlecht geht? Und wenn wir das dann verglichen haben mit dem Tag, den sie vorhatten, weil bei uns in der Klinik haben die auch manchmal so ein paar, so einen Ausflug nach Hause gemacht für ein paar Tage. Und wenn wir das dann verglichen haben mit dem, was sie vorhatten, dann haben wir gleich gemerkt, okay, das ist nicht so gut geplant. Also das ganz vielen KlientInnen hilft es auch, zu erkennen, okay, was muss ich tun, damit es mir schlecht geht, um dann zu merken, oh, ich mache ja davon ganz schön viel jeden Tag.

Sara Mohr: [00:28:41] Und wie könnte es dann anders aussehen, damit ich diese Sachen vermeide? Ja, hat total gut gemacht.

Kathrin Bösiger: [00:28:45] Oder auch, um die Relevanz wahrzunehmen von, okay, es macht was mit meinem Empfinden oder mit meinem, ja, wie es mir geht. Wenn ich einfach nur im Bett bleibe, meine, ich möchte lange ausschlafen, dann scrolle ich ein paar Stunden im Handy, ist total entspannt. Aber das macht halt psychisch was mit einem. Und wenn man weiß, okay, ich habe morgens eh so ein Tief, wäre es dann nicht besser, ich gehe morgens erst mal zum Bäcker und hole mir ein frisches Brötchen. Weil dann habe ich schon ein bisschen Bewegung gehabt, ich war draußen, habe ein bisschen Licht abbekommen. Weißt du, man startet ganz anders in den Tag. Und dann so Betätigungen zu finden, die für den Klienten passen, das fände ich gut.

Sara Mohr: [00:29:23] Und dann komme ich eigentlich vom Betätigungsprofil, bin ich ja ziemlich straightforward dann auch bei Anliegen direkt, die irgendwie bearbeitet werden müssen. Oder Strukturen, die verändert werden dürfen, genau.

Kathrin Bösiger: [00:29:33] Ja, im Betätigungsprofil kommt meistens schon so viel raus, dass das COPM liegt dann schon auf meinem Schoß. Und dann trage ich schon mal ganz viel drüben ein. So mache ich das auch.

Sara Mohr: [00:29:41] Ich habe das Ganze auch parallel, dass ich dann schon mal anfange zu sammeln. Ja, sehr cool. In der Studie beschreiben die TherapeutInnen auch so, dass es gerade so in dieser ersten Phase, wo wir so Informationssammlungen betreiben, immer so ein bisschen ein Spagat ist zwischen, ja, ich möchte jetzt auch in einer teilweise relativ kurzen Zeit relativ viele Informationen über diese Person haben. Andererseits ist es aber auch die Zeit, wo ich eine gute therapeutische Beziehung eigentlich aufbauen möchte. Und gerade das ist ja für manche KlientInnen dann schwierig. Oder auch vielleicht für manche TherapeutInnen dann schwierig. Die haben jetzt beschrieben, also gerade bei KlientInnen, die sehr zurückgezogen sind, vielleicht gar nicht so gut in Kontakt kommen können, dass sie da Wert drauf gelegt haben, aber trotzdem der Person jeden Tag wenigstens einmal persönlich guten Tag zu sagen. Auch wenn sich dann nicht immer ein Gespräch entwickelt. Und dann vielleicht auch eher zu gucken, okay, jetzt hatten wir es eben vom Betätigungsprofil, ob ich das für die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft mache. [00:30:44] Aber da eben auch zu gucken, bei allen Fragen im Gespräch, wo ich da unterwegs bin, sind vielleicht Fragen zum Alltag vor dem Klinikaufenthalt schwierig? Stelle ich vielleicht eher Fragen auf die Zukunft bezogen oder auf die Gegenwart bezogen? damit die Leute gucken können, womit kann ich mich jetzt auch gerade überhaupt auseinandersetzen? Wie machst denn du das mit? Gib uns mal eine kurze Anleitung, Kathrin, für eine tragfähige therapeutische Beziehung. //Sara Mohr: Hast du Tipps? Oh wow, ein großes Thema, ein schwieriges Thema.//

Kathrin Bösiger: [00:31:14] Voll. Okay, also ich merke, dass es sehr viel ausmacht, in welchem Zustand so mein eigenes Nervensystem gerade ist. Weil wenn ich mir dessen nicht bewusst bin, dann gehe ich schnell mal bei meinem Gegenüber mit. Und ich denke, dass es ein ganz großer Schlüssel ist, wenn man sich selber gut regulieren kann. Ich habe zum Beispiel auch kürzlich einen Klienten gehabt, der war, wenn wir an seinem Betätigungsanliegen gearbeitet haben, dann ist er schnell mal in eine Überforderung gekommen und dann wurde er auch schnell mal wütend.

Sara Mohr: [00:31:48] Ja.

Kathrin Bösiger: [00:31:49] Und wenn man so da gegenüber sitzt, dann könnte man ja auch entweder sich, ja, oder dass man vielleicht so in so eine leichte Ohnmacht kommt oder in so eine Trauer oder in so eine Angst. //Sara Mohr: Dass es überschwappt so.// Genau, dass es so überschwappt. Vielleicht nicht gleich dann auch Wut. Ja gut, man kann sich mit ihm zusammen aufregen. Wäre vielleicht auch mal interessant, was dann passiert. Aber genau, ich in dem Fall habe so gespürt, okay, ich werde jetzt hier gerade ein bisschen unsicher, weil der jetzt so emotional wird. Und dann war es für mich ein ganz großer Schlüssel, mich selber zu regulieren. Also ich habe dann wieder meine Haltung in meinem Sessel verändert, weil ich bin dann auch so ein bisschen in mich reingesackt in dem Moment. Und dann habe ich wieder mich bewusst aufgerichtet. Ich habe wieder den Stuhl unter mir wahrgenommen, also so ein Grounding gemacht, wieder tiefer geatmet. Und dann habe ich so gemerkt, je besser ich reguliert bin, desto besser hat mein Gegenüber sich auch wieder reguliert. Oder auch, ich konnte so diese Wut auch besser tragen.

Sara Mohr: [00:32:50] Ja.

Kathrin Bösiger: [00:32:51] Weil er darf sich ja auch aufregen. Ja, aber ich finde auch ein Mensch, also alle Gefühle sind willkommen. Und es ist ja auch mal schön, wenn er einen Ort hat, sich darüber auszukotzen, dass er diese Betätigung noch nicht hinkriegt.

Sara Mohr: [00:33:06] Ja, ist ja auch ärgerlich. Genau, das muss ich auch mal ärgerlich.

Kathrin Bösiger: [00:33:08] Genau, ist total ärgerlich. Und er ist da jeden Tag damit konfrontiert, dass er das nicht schafft. Und genau, also das ist so der Schlüssel, dass wenn ich reguliert bin, entweder durch die Spiegelneurone reguliert sich mein Gegenüber auch, oder ich bin zumindest in dem Zustand, in dem ich das besser aushalten und tragen kann. Und weil du willst ja am liebsten mit jemandem in Beziehung gehen, der für dich attraktiv ist. Und für dich ist ja jemand attraktiv, der reguliert ist. Also du würdest dich ja nicht mit jemandem anfreunden, der irgendwie total im Stressmodus ist oder total in so einem Schlaffi-Modus. Das ist ja nicht attraktiv. Du willst ja jemanden, der präsent ist, der dich anschaut, der einfach verfügbar ist. Genau, die Verfügbarkeit.

Sara Mohr: [00:33:51] Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt, dass ich erst mich selber regulieren muss, bevor sich da irgendwas in der Therapie reguliert. Weil ich möchte, natürlich möchte ich so, wie sagt man, ich möchte da in Verbindung sein mit meinem Gegenüber, aber es ist niemandem geholfen, wenn deine Trauer zu meiner Trauer wird, wenn deine Wut zu meiner Wut wird und wenn ich das nachher dann noch mit rausnehme und abends noch wütend bin darüber, was mir der Herr Meier morgens erzählt hat. Hilft dem Herr Meier halt auch nicht. Und da so eine Balance zu finden, ist, glaube ich, wirklich, und das ist eine Balance, die ich als Therapeutin haben muss. Ich kann nicht erwarten, dass alle meine Klientinnen zu mir kommen und total ausgeglichen und in sich ruhend in die Ergotherapie latschen. Dann bräuchten sie mich vielleicht gar nicht.

Kathrin Bösiger: [00:34:37] Absolut. Und was so meine Klientinnen total an mir mögen, ist, dass ich so ihr Betätigungsverhalten oder ihre Betätigungsinteressen, dass ich sie einfach feiere für das, wie sie sind. Also ich finde es total interessant, wenn dann irgend so ein Mensch kommt und von so einem Hobby erzählt, von dem, ja, egal was für ein Hobby, ich finde es eigentlich, ich hatte mal einen Klient, der hat so erzählt, ja, und dann spiele ich halt vier Stunden Klavier. Und dann dachte ich, was? Krass. Sie spielen vier Stunden Klavier jeden Tag. Also was spielen sie denn dann? Und dann hat er so gesagt, ja, also ich improvisiere einfach, ich setze mich da hin und dann kommt der Flow und da kommen die Lieder aus mir raus. Und ich saß so davor und dachte so, hey, das ist ja mega cool. Wow. Und dann schreibe ich das so an mit so einem Staunen in den Augen. Und es ist aber egal, was die Klienten mir erzählen, weil meistens sobald der Klient oder die Klientin was von sich erzählt, was so zu ihr so passt, dann fängt auch sie an zu leuchten und dieses Leuchten überträgt sich auf mich [00:35:38] und das verstärkt wiederum, dass mein Gegenüber merkt, wie toll sie eigentlich ist. Ja. Oder wie toll so, das macht sie einfach aus, so ihre Interessen. Und vielleicht ist jetzt, jetzt für heute Morgen, vielleicht ist Angeln, habe ich jetzt vielleicht noch nicht so oft gemacht oder so, aber einfach, das ist so faszinierend, wie der Mensch darüber spricht und was das für ihn ausmacht und so. Und ja, das lieben die Menschen halt auch, wenn sie halt gefeiert werden für das, was sie mögen.

Sara Mohr: [00:36:02] Und das ist ja eigentlich auch so therapeutische Beziehungen aufbauen wieder über das Thema Betätigung. //Kathrin Bösiger: Ja. Da ist die,// da entsteht die Connection dann auch. //Kathrin Bösiger: Total cool.//

Kathrin Bösiger: [00:36:11] Ja, weil wir Ergos, wir sind halt im Optimalfall ja auch total betätigungsverrückt und interessieren uns auch einfach für dieses Thema. Also das ist einfach das Allerschönste, darüber zu sprechen. Ich kann dir noch eine vielleicht nice Story erzählen aus meinem privaten Umfeld. Und zwar, eine Freundin hat mich gefragt, wie sie mit ihrem Opa irgendwie mehr so in Kontakt kommen kann, weil irgendwie, ja, sie haben halt einfach, sie weiß nie, worüber sie mit ihm reden kann und irgendwie ist es immer so ein bisschen so verklemmt so. Und dann habe ich so gesagt, ja, frag ihn doch einfach mal, was so seine Lieblingsbetätigungen waren, als er jünger war. weil zu dem Zeitpunkt war er schon älter und hat nicht mehr so viel gemacht. Und dann ist sie zu ihm hingegangen und hat ihn das gefragt und auf einmal hat dieser ältere Mann angefangen zu reden. Der war gar nicht so ein Mensch, der gerne viel redet, aber als es um die Lieblingsbetätigungen ging, dann kam der große Wasserfall und er hat erzählt und er war Taubenzüchter. Er hatte Brieftauben und hat dann davon mega, [00:37:13] mega, mega viel erzählt. und dann eben kam die Freundin auf mich zu und hat gesagt, Kathrin, der hat Tauben, so wie du, ich habe auch Tauben. Und dann hat sie so gefragt, du wäre das möglich, dass mein Opa sich mal die Tauben von dir anschauen darf, ich würde gern mit ihm einen Ausflug machen. Also hat sie wirklich diesen älteren Mann rausbekommen und die sind dann zu mir gefahren, die sind zusammen in meinen Taubenstall gegangen und er hatte wieder das Feeling und den Geruch und diese Erinnerung und das hat sie so zusammengebracht. Also Betätigung oder bedeutungsvolle Betätigung verbindet halt auch so was.

Sara Mohr: [00:37:46] Ja, sehr schönes Beispiel dafür auf jeden Fall. Ja, so schön. Sehr schön. Ich möchte dieses Thema eins aus der Studie abschließen mit einem Zitat aus der Studie. Das ist ja immer das Schöne an so qualitativen Interviewstudien, dass die auch immer mit direkten Zitaten aus den Interviews arbeiten. Und da hat eine teilnehmende Person hat gesagt, es ist doch nicht genug, jemanden aus der Psychiatrie zu entlassen, nur weil die psychiatrischen Symptome abgenommen haben. Wir müssen uns auf die bedeutungsvollen Betätigungen konzentrieren und überlegen, wie die Leute diesen nachgehen können.

Kathrin Bösiger: [00:38:20] Absolut.

Sara Mohr: [00:38:22] Also nur auf die Symptome konzentrieren. Sind wir uns nicht sicher, ob das wirklich gegen den Tretöreffekt hilft. Thema zwei ist dann Motivation für Betätigungspartizipation steigern. Bei diesem Thema fand ich einen Absatz in der Studie total spannend. Dieser hatte nämlich die Zwischenüberschrift Promoting early understanding of occupations through educational interventions. Also das Verständnis von Betätigung durch Edukation verstärken.

Kathrin Bösiger: [00:38:58] Ah, okay.

Sara Mohr: [00:38:59] Und bei educational intervention, bei Edukation, dachte ich zuerst mal so, okay, mache ich dann Psycho-Edukation? Ja, okay. Ist jetzt nicht so, haut mich jetzt nicht so vom Hocker. Ist wichtig, ja. aber ist das alles. Hier ist aber gemeint, dass die ErgotherapeutInnen beschrieben haben, dass sie ihre KlientInnen für die Therapie motivieren, indem sie ihnen zu Beginn erklären, warum denn Betätigungen so wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden sind.

Kathrin Bösiger: [00:39:27] Ah, okay.

Sara Mohr: [00:39:28] Also die machen keine Edukation, also vielleicht auch, ne, über die psychische Erkrankung, okay, aber Edukation über den Kern der Ergotherapie und über Betätigung. Und das fand ich einen coolen Ansatz, weil das ist sowas, das ist für uns natürlich, ist uns das klar, ne, dass wir wissen das, aber dass dieser Zusammenhang, und der klingt für uns so banal, aber dass wenn ich Dinge tue, die mir gut tun, dass es mir dann auch in meiner subjektiven Gesundheitswahrnehmung besser geht und dass ich Symptome vielleicht besser managen kann und dass ich meinen Alltag besser strukturieren kann, das ist nicht allen Leuten selbstverständlich. Ja. Und die Therapeutinnen haben dann beschrieben, dass so diese Therapiemotivation entsteht, wenn die Klienten ihre bedeutungsvollen Betätigungen identifiziert haben, //Kathrin Bösiger: wenn sie wissen,// ah, das, das fände ich eigentlich cool, wenn ich das wieder machen könnte oder wenn ich das neu machen könnte. Und dazu sind sie mit den Leuten immer wieder in Gespräche gegangen, haben geguckt, was ist dir denn wichtig, [00:40:28] haben sie angeregt zu reflektieren, welche Betätigungen bringen dir dann was in deinem Alltag und eben immer mit dem Blick, naja, es ist hier ein stationärer Aufenthalt und eines Tages musst du schon mal eine Vorstellung vom Leben nach dem Aufenthalt entwickeln. Und die Therapeutinnen haben in den Interviews gesagt, häufig ist es das auch nochmal was, was Motivation generiert. Also was möchtest du denn machen, wenn du aus der Klinik entlassen wirst? Und eine Therapeutin hat da so ein schönes Beispiel beschrieben. Sie hat gesagt, ich hatte mal einen Klienten, der unglaublich gerne Tanz- und Musikshows im Fernsehen geschaut hat. Und in der Klinik konnte er sie nicht schauen, weil die spät in der Nacht gelaufen sind und dann war schon Ruhezeit in der Klinik, dann durfte er kein Fernsehen mehr schauen. Aber die Aussicht, diese Shows nach der Entlassung wieder in Ruhe schauen zu können, war für ihn der Motivator, darauf hinzuarbeiten, dass er wieder alleine leben kann und alleine entscheiden kann, [00:41:29] was im Fernsehen läuft. und das fand ich total spannend. Also eigentlich ist es so ein individuelles immer wieder schauen, wie kriege ich jetzt diese Einzelperson motiviert?

Kathrin Bösiger: [00:41:40] Ja, aber das ist total unterschiedlich. Ich würde nicht sagen, dass es, dass Edukation so das Hauptgrößte ist, sondern es ist wirklich total unterschiedlich. Ich denke gerade an eine Klientin, die hatte als Betätigungsanliegen so Anrufe schaffen können und so kognitiv wusste sie, dass sie diese Anrufe schaffen können muss. Also da ging es um Sachen mit der Versicherung, mit der Bank und dies und das. Und ich wüsste jetzt so auf Anhieb gar nicht, was ich da jetzt so edukativ groß ihr erklären kann. Sie weiß selber, dass sie das machen will, dass sie es machen muss, aber sie hatte Angst davor. Und für sie war es maximal motivierend, dass ich da bei so Telefonaten zweimal dabei war und dann hatten wir einen Termin fürs dritte Telefonat, was noch mit der Bank oder sowas anstand. und als sie zum nächsten Termin kam, hat sie gesagt, ja, habe ich schon alleine gemacht. Aha, cool. Also weißt du, manchmal brauchst auch ja einfach das Beisein einer Ergotherapeutin, um eine andere [00:42:41] Wahrnehmung zu schaffen. Also ich arbeite dann so wahrnehmungszentriert, dass ich sie halt vorher frage, ja, wie geht’s, was haben Sie für Bedenken und so. Und dann macht sie die Betätigung und danach reflektieren wir es wieder. Und damit verstärke ich so die Wahrnehmung, die sie währenddessen hatte. Und dann, dass sie halt rausgeht und weiß, hey, ich habe es geschafft. //Sara Mohr: die Erkenntnis so da ist.// Also die Person von der Versicherung hat mir halt die Fragen gestellt und wenn ich sie nicht verstanden habe, hat sie es mir halt nochmal anders gesagt und dann hat es ja letztendlich geklappt. Und dann das als Therapeut dann zu verstärken, das finde ich halt super wichtig und das nochmal irgendwie zu verbalisieren oder vielleicht zusammen dann aufzuschreiben oder abzuhaken oder so, das ist dann super befriedigend und dass sie mit diesem positiven Gefühl nach dieser unangenehmen Betätigung rausgehen, das ist super motivierend.

Sara Mohr: [00:43:26] Ja, da entsteht ja auch dann so ein Selbstwirksamkeitsbewusstsein. //Kathrin Bösiger: Absolut.// Ich kann das ja, weil ich glaube, das ist oft das, was der Motivation so im Wege steht. Ich brauche mich dafür gar nicht motivieren, weil ich weiß ja eh, dass ich es nicht schaffe.

Kathrin Bösiger: [00:43:38] Ja, oder vielleicht nicht nicht schaffen, aber es wird ja total schrecklich. Es wird total unangenehm, es wird peinlich. Es wird fürchterlich. Die Person von der Bank findet mich blöd oder irgendwie so. //Sara Mohr: Ich fühle das so sehr.//

Sara Mohr: [00:43:50] Ich hasse es und Telefonat.

Kathrin Bösiger: [00:43:52] Oh Gott. Ja, und deswegen manchmal oder sehr oft ist es eher das Erleben von Dingen oder ich mag das gerne im Handeln gegen Trägheit, heißt es dann auch Aktivitätsexperimente. Ja, würden Sie sich einfach mal auf ein Experiment einlassen? Also ich habe zum Beispiel auch mit einer Klientin, die sehr, sehr stark depressiv war und suizidal auch, sie wusste nicht, was sie machen möchte und sie wusste einfach gar nichts mehr. Sie war sich einfach des Lebens nicht mehr sicher auch. //Sara Mohr: Ja.// Und so saß sie halt vor mir und dann habe ich sie einfach so eingeladen, die haben sie Lust, ein Aktivitätenexperiment mit mir zu machen. Das habe ich mit ihr ein paar Mal gemacht. Einmal haben wir die Fingernägel lackiert, weil sie früher vor der Depression total auf so Styling und sowas stand. einmal habe ich sie unter die warme Dusche gestellt, bin dann natürlich rausgegangen, während sie geduscht hat, aber ich habe halt auf sie gewartet, bis sie dann wiederkam. Einmal haben wir uns in die pralle Sonne gesetzt, dass sie die Wärme spürt und dann hat sie so gelernt, hey, [00:44:53] immer wenn ich was zum Thema Wärme mache, egal ob es jetzt in die Sonne stehen oder unter die Dusche, das tut mir gut und das hat sie dann motiviert für, wenn es ihr schlecht ging, dann geht sie wieder unter die Dusche. Oder was sie auch total gerne mochte, war, wenn sie glatte Haut hatte, also unhaarige Beine ohne Stoppeln und so. Das ist natürlich, wenn jemand suizidal ist, ist ein bisschen, //Sara Mohr: muss man gut abklären. Ja, okay. Genau,// ich habe das dann, wenn wir abgemacht hatten, dass sie sich die Beine rasieren geht, weil sie das liebt, so sich über die glatte Haut zu streicheln, habe ich halt dann immer die Pflege in Kenntnis gesetzt und es war so, dass es so ist, wenn sie in die Dusche geht, dann besprechen wir ganz klar dieses Thema und dann zehn Minuten später kommt kurz die Pflegerin und guckt, ob alles so in Ordnung ist. Aber dieses Gefühl, einfach sich wieder frisch zu fühlen, vor allem, wenn man das Duschen wieder ein paar Tage nicht geschafft hat und die Haare sind ganz fettig und die Beine sind so stoppelig und dann ist man wieder frisch. //Sara Mohr: Das macht was mit einem.// Da fühlt man sich schon total anders und das ist so eine Betätigung, die ist total übertragbar [00:45:54] auf den Alltag. Also das ist egal, ob du zu Hause bist oder in der Klinik, eine Dusche ist vorhanden und dann gehst du dich duschen.

Sara Mohr: [00:46:01] Ja.

Kathrin Bösiger: [00:46:01] Wenn du spürst, du brauchst jetzt die Wärme, die tut dir gut, das ist super und das ist total motivierend, die Erinnerung.

Sara Mohr: [00:46:07] Und ich glaube, dass dieses Motivationsthema so ein ganz zentrales ist, gerade in der, also wahrscheinlich in den vielen Therapien, aber ich habe so das Gefühl, in der Neurologie und auch in der Pädiatrie, da ich kriege meine Leute. Also jeder hat irgendwie was, da kriegst du die relativ leicht. Aber Motivationslosigkeit oder nicht in Handlung kommen können, ist ja einfach ein Symptom von ganz vielen psychiatrischen Erkrankungen. Und ich finde, glaube ich, den Ansatz gut zu sagen, na, wir machen jetzt einfach mal was und gucken dann, ob die Motivation kommt. Weil andersrum, wenn ich warte, bis jemand für irgendwas motiviert ist, kann ich je nach Krankheitsbild echt lange warten.

Kathrin Bösiger: [00:46:43] Ja, voll. Und da dürfen wir als Ergos gerade im stationären Bereich auch einfach mal kreativ sein und überlegen, okay, wie kriege ich die Person? Also ich hatte auch eine Klientin, die war so filmverrückt, aber hat seit der Depression halt nicht mehr so richtig, sie war nicht mehr im Kino. Und dann habe ich so gesagt, ja, was wäre denn so ein Film, den sie mögen würden überhaupt? Und hat sie mir irgendwas gesagt, dann habe ich den Trailer laufen lassen. Einfach so. Dann saßen wir in diesem Therapiezimmer vor dem Computer und haben uns einen Trailer angeschaut und hat sie gesagt, boah, den muss ich schauen. Der ist ja richtig cool. Ich habe übrigens heimlich geheult bei dem Trailer. Ich fand es einfach, die Story war richtig cool. Hat mich sehr mitgenommen, aber hat niemand gemerkt. Auf jeden Fall war es richtig cool. Und dann habe ich so, als der Trailer vorbei war, dann habe ich erst mal so der Begeisterung der Klientin Raum gelassen. Sie war auch sehr, sehr schwer depressiv, aber die Begeisterung kam dann beim Trailer. Und dann hat sie dann gleich abgemacht, okay, ja, ich frage meinen Bruder, [00:47:44] ob der mit mir geht. Am Wochenende bin ich ja wieder am Wochenende zu Hause. Und dann habe ich gesagt, okay, schreiben Sie jetzt. Ich sitze Ihnen gegenüber. Schreiben Sie jetzt direkt Ihrem Bruder. Weil wenn der Ball mal ins Rollen kommt, direkt in die Umsetzung, dann kommen die da nicht mehr raus. Ich finde es immer schwierig, wenn man bei schwer kranken Menschen so sagt, ja, okay, dann kümmern Sie sich da jetzt alleine drum, sondern ich finde es immer ganz gut, da noch mehr in der Begleitung zu sein. Und noch eine Sache zu dem Thema. Ich mache gerne die Zielformulierung, wo man vom Optimalfall ausgeht, aber noch einen Plan B und C macht. Also wenn man jetzt zum Beispiel sagt, Plan A wäre, dass wenn es mir schlecht geht, gehe ich in die Badewanne, aber was, wenn es Ihnen nicht gut genug geht, um sich für die Badewanne zu motivieren? Was wäre so ein anderer Schritt, der kleiner ist, der aber in die richtige Richtung führt?

Sara Mohr: [00:48:35] Ah, dann mache ich mir einen Tee oder so.

Kathrin Bösiger: [00:48:37] Genau, also zum Beispiel, ich hatte mal einen Klienten, eben der hatte das Thema Aufräumen und der hatte auch chronische Schmerzen neben seiner Depression und dann, sorry, und dann haben wir eben das Ziel vereinbart, was er konkret aufräumen will. Das war so in seinem Bücherregal, so eine Ablage davon, wollte er aufräumen. Und dann habe ich so gefragt, es ist angenommen, es geht Ihnen jetzt nächste Woche richtig schlecht und das ist gar nicht realistisch, so was wollen Sie dann aufräumen? Dann hat er so gesagt, okay, dann mache ich nicht die komplette Ablage, ich mache nur irgendwie die Hälfte davon. Dann habe ich so gesagt, okay, und jetzt angenommen, es geht Ihnen so richtig, richtig schlecht, so was können Sie dann machen? Und dann hat er so überlegt, hm, was könnte ich dann machen, was könnte ich dann machen? Dann kamen wir gemeinsam auf die Idee, wenn er nicht aus dem Bett kommt, dann kann er sich ja auf YouTube Videos über Minimalismus anschauen.

Sara Mohr: [00:49:27] Weißt du, was ich meine?

Kathrin Bösiger: [00:49:27] Also wenn du nicht selber in die Aktivität kommst, kannst du dich ja trotzdem mit dem Thema anderweitig beschäftigen, um dann wieder motiviert zu werden. Oder wenn KlientInnen auch gesagt hatten, sie möchten sich kreativ betätigen, zum Beispiel Aquarell malen, dann wenn es ihnen ganz schlecht geht, dann sollen sie sich einfach nur YouTube Tutorials über Aquarell malen anschauen. Und wenn ich die Klientin so einschätze, dass sie so schwach ist und nicht mal das jetzt schafft, in YouTube einzugeben, dann schicke ich ihren Link. Dann suchen wir noch in der Ergotherapie-Einheit, suchen wir ein YouTube-Video raus. Mit der Zeit hat man auch für alle Tutorials so ein inneres Inventar. Man weiß schon, ah ja, okay, der und der macht coole Tutorials.

Sara Mohr: [00:50:07] Alle YouTube-Channels, ja.

Kathrin Bösiger: [00:50:08] Genau, man kennt dann so die Channels als Ergotherapeut, finde ich. Und dann eben suche ich schon mal eben diesen Channel raus und schicke den Channel per Mail. Dann muss sie nur auf den Link klicken und hat schon direkt jemand Gutes. Weil total frustrierend sind die Tutorials, wo ewig lang sind und wenig Info kommt. Ja. Sehr cool. Das heißt, ich generiere …

Sara Mohr: [00:50:27] Das ist maximal motivierend. Ich generiere die Motivierung, ich formuliere die Ziele auch so, dass auf jeden Fall da irgendwo ein Erfolgserlebnis von rausfällt.

Kathrin Bösiger: [00:50:34] Ja, und Inspiration. Also wenn jemand inspiriert ist, dann hat er auch mehr Bock, wie wenn er sich vor so ein weißes Blatt setzt und denkt, ja, was male ich jetzt eigentlich? Ja, ja. Und wenn du weißt, okay, ja, das Tutorial, boah, das sieht so cool aus, ich versuche das jetzt nachzumalen. Und man darf sich’s leicht machen ja auch. //Kathrin Bösiger: Ja.//

Sara Mohr: [00:50:49] Also wir wollen immer alle direkt in Mount Everest besteigen. Vielleicht tut’s aber auch einen Spaziergang im Park. so. Ja.

Kathrin Bösiger: [00:50:57] Sehr schön.

Sara Mohr: [00:50:59] Thema drei. Ja. Da geht es darum, Möglichkeiten zu finden, um Betätigungserfahrungen zu sammeln. Und dieses Thema hat mich besonders interessiert, weil ich es mir gerade im Klinikkontext schwierig vorstelle, je nachdem, was das Betätigungsanliegen ist, dazu Betätigungserfahrungen zu sammeln im Klinikkontext. Okay. Und die Teilnehmenden beschreiben das jetzt so in dieser Studie, dass sie sagen, ja, es ist auch nicht möglich, alle Lebensbereiche und alle Betätigungen im Klinikkontext zu adressieren. Also das können wir natürlich nicht gewährleisten. aber sie bauen darauf, dass bedeutungsvolle Betätigungen einen, die nennen das synergistischen Effekt haben. Also, wenn ich es schaffe, dass eine bedeutungsvolle Betätigung möglich wird und die Person die Erfahrung macht, dass sich ihr Leben dadurch positiv verändert oder sie ein positives Gefühl dadurch hat, dass das dann auch positive Auswirkungen auf andere Lebensbereiche hat.

Kathrin Bösiger: [00:51:53] Und an der Stelle war ich so ein bisschen

Sara Mohr: [00:51:57] vorsichtig beim Lesen, weil einerseits kann ich das absolut nachvollziehen, dass es sich positiv auf mein Selbstwertgefühl aus, auf meine Selbstwirksamkeitserwartung, wenn ich merke, ah, ich habe jetzt diese Erfahrung gemacht, dass ich was gut kann oder dass mir was gut getan hat. Und dann lässt sich meiner Meinung nach aber diese Argumentationslinie leider sehr leicht missbrauchen. Weil dann kann ich nämlich sagen, ich mache jetzt mal überspitztes Beispiel, Frau Meier hat bei mir in der Therapie eine Stunde lang einen Mandala ausgemalt und sich dabei ganz toll entspannt. Und danach hat sie auch von ihren MitklientInnen ganz tolles Feedback bekommen für das schöne Mandala. Jetzt schafft sie es auch, sich nach der Entlassung einen Job zu suchen, weil wir haben ja ihre Selbstwirksamkeit gestärkt.

Kathrin Bösiger: [00:52:39] Ja.

Sara Mohr: [00:52:39] So.

Kathrin Bösiger: [00:52:39] Ja, finde ich auch ein bisschen dünn. Ja.

Sara Mohr: [00:52:41] Also ist jetzt natürlich voll das überzogene Beispiel, aber diese Argumentationslinie kommt ja leider oft vor. Wir machen in der Therapie was, sorry, aber total Weltfremdes, um, weiß ich nicht, Konzentrations-, Kommunikationsfähigkeit, Selbstwertgefühl zu stärken und gehen dann davon aus, dass die Leute von ganz alleine das auf alle möglichen anderen Betätigungen transferieren können. und es stimmt halt einfach nicht.

Kathrin Bösiger: [00:53:05] Ja, ja, das ist, nein, das ist auch super gefährlich. Wir müssen uns in der Klinik bewusst sein, dass wir in der Klinik sind und das ist alles, was wir machen, ist auf eine Art künstlich. Und wir müssen uns dessen bewusst sein, damit wir das dann für zu Hause einen anderen Übertrag schaffen. Und ich muss aber auch dazu sagen, dass ich es extrem wichtig finde, dass Ergotherapie in der Klinik ist halt Ergotherapie in der Klinik. Da kommen Menschen hin, die schaffen es gerade nicht mehr zu Hause, weil es denen so schlecht geht, dass sie in die Klinik müssen. Und dann sind da ganz andere Themen, wie jemand, der ambulant ist. Also ich muss jetzt mit jemandem, der jetzt gerade in die Klinik eingewiesen worden ist, muss ich in der Regel nicht direkt über was, wie arbeiten sie dann eigentlich. Weißt du, wie ich meine? Weil das dann oft einfach noch ein paar Wochen oder Monate weg ist. Genau, also es geht in der Klinik um andere Themen. Und für mich ist es super wichtig, dass die KlientInnen eine ambulante Versorgung bekommen. Eine Ergotherapeutin, die dann da ist. [00:54:06] Und wenn es um häusliche Betätigungen geht, dass man dann entweder ganz viel Online-Therapie macht, weil dann einfach die Person dort ist, wo sie viel ist. Oder eben mit Hausbesuchsverordnung oder, oder, oder. Was man aber von der Klinik aus super gut machen kann in dieser digitalen Welt. Also ich bin selten an Betätigungen gekommen, die von der Klinik aus nicht möglich waren.

Sara Mohr: [00:54:26] Aha.

Kathrin Bösiger: [00:54:27] Weil das jetzt ein Klient irgendwie paragleichbar, oder so machen muss, ist selten. Aber was ich machen kann, ich kann Paragliding organisieren. Also ich kann schauen, so, wann steigt das nächste Event und klären oder mit ihm abmachen, dass er da hingeht. Oder für ein Konzert sich schon mal Karten besorgt oder so.

Sara Mohr: [00:54:45] Ja.

Kathrin Bösiger: [00:54:46] Weißt du, wie ich meine?

Sara Mohr: [00:54:46] Das Drumherum, genau. Weil ich hab auch gedacht, natürlich kann ich ein Betätigungsanliegen wie, ich möchte wieder im Orchester ein Instrument spielen. Kann ich halt in der Klinik jetzt schwierig machen. Aber ich kann natürlich gucken, was gibt’s denn für Orchester in Ihrer Nähe? Wie kann man denn da Kontakt aufnehmen? Was für ein Instrument spielen Sie denn? Brauchen Sie da nochmal Unterricht? Oder können Sie das so aus dem FF? Also ich kann ja das Drumherum besprechen.

Kathrin Bösiger: [00:55:08] Oder halt die Betätigung so runterbrechen. Ich hatte auch mal eine Klientin, sie hatte irgendwie Lust auf eine Band oder so ein Gospelchor oder so. Ja, dann hab ich einfach mal meine Ukulele und meine Gitarre mitgebracht. Und dann haben wir zusammen irgendwelche Lieder gesungen, auf die sie gerade Bock hatte. Und dann hat sie nochmal gemerkt, boah, das macht ja voll Spaß. Oder eine andere Klientin, die hatte Lust zu tanzen. Dann hab ich halt herausgefunden, wo ist der nächste Lehrer, Tanzlehrer, der auch mal in die Klinik kommen würde für einen Abend. Cool. Weißt du, Sachen? Also einfach so ein bisschen, man kann ja auch die Sachen in der Therapiezeit zusammen recherchieren, je nachdem. Genau. Und da wirklich out of the box denken und ja, einfach mal machen.

Sara Mohr: [00:55:46] Und ich finde halt, um jetzt nicht, ich fühle so eine Welle der Empörung von Psych-Ergos, die gerne Mandalas malen, auf mich zurollen gerade. Deshalb brauche ich auch keinen Satz zu Mandalas. Wenn ich jetzt wirklich total schwer betroffene Klientel habe, die wirklich gerade mit schweren Symptomen strugglen und ich bin da einfach auf der Suche nach niedrigschwelligen Betätigungen, die die Personen vielleicht einen ablenkenden Effekt haben, einen entspannenden Effekt haben und so. Und das ist für diese eine Person jetzt Mandala ausmalen, um Himmels Willen. Ich habe ja auch ein Malbuch für Erwachsene liegen, so ist es nicht. Aber dann muss ich ja wenigstens schauen, okay, jetzt haben wir in der Klinik identifiziert, dass das eine angenehme Betätigung für die Person ist. Wie kann sie das denn jetzt zu Hause umsetzen? Und wie kann ich sicherstellen, dass sie in den Momenten, wo es ihr so super schlecht geht, da auch wirklich ein Mandala und Stifte liegen hat und das dann auch wirklich macht? Dann ist das mein Therapieinhalt und nicht das Mandala malen.

Kathrin Bösiger: [00:56:39] Ja, man kann Mandalas zusammen raussuchen und mitgeben oder die Stifte auch mitgeben und dann kann das die Klientin auf dem Zimmer machen oder der Klient genau ins nächste Mal erzählen, wie er das erlebt hat. Ja. Diese Betätigungsausführung. //Sara Mohr: Genau.//

Sara Mohr: [00:56:57] Also Transfer und Generalisierung, das ist ja der heilige Gral der Ergotherapie. Ich will ja, dass das, was in der Therapie, was ich mache, in der Therapie ist immer ein künstlicher Raum, dass das transferiert in den Alltag. Und ihr merkt jetzt vielleicht so, und das können meine Klientinnen, die können das nicht alleine, egal welche Erkrankungen die haben, egal wie alt oder jung die sind. Wir haben auch mal eine Podcast-Folge zum Thema Transfer und Generalisierung gemacht. Und ihr merkt vielleicht, dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Auch dazu biete ich dieses Jahr zum ersten Mal eine Fortbildung an. Oh, cool. Ja, guckt auf der Homepage. Sie heißt Transfer. Man findet sie. Weil ich da, ich hatte Bock drauf, mich da mehr reinzudenken. Wie sollte ich denn meine Therapien gestalten, dass das tatsächlich im Alltag sich niederstiegt? Ja.

Kathrin Bösiger: [00:57:46] Genau.

Sara Mohr: [00:57:48] Ganz spannend. Und das finde ich, und gerade, glaube ich, im stationären, psychiatrischen Setting sind so die Ansätze, die du da jetzt genannt hast, wirklich Gold wert. //Kathrin Bösiger: Ja.// Weil ich, da ist meine Kreativität wirklich gefragt als Ergotherapeutin.

Kathrin Bösiger: [00:58:01] Ja. Ja, aber nicht nur die eigene, sondern auch die des Klientels. Und man muss ja wirklich sagen, seit es Chat-GPT gibt, ist es so einfach. Also, weil ich hatte auch eine Klientin, sie war sehr schwer betroffen und sie war von sehr, sehr weit weg, von dem Ort in Deutschland, den ich nicht kenne. also es ist wirklich, also 800 Kilometer entfernt, war ich noch nie. Und dann hatten wir erarbeitet, dass Eisbaden für sie ja ganz gut passen würde. Dann haben wir überlegt, ja, wie könnte sie das vielleicht, kann sie das irgendwie zu Hause machen oder auf der Terrasse ein Bottich hinstellen und ganz viel hin und her überlegt. Und dann haben wir überlegt, nee, für sie wäre es eigentlich schon am besten, wenn sie irgendwo hinfährt und es dann da macht. Gut, ja, dann habe ich einfach mein Handy gezückt und reingegeben in Chat-GPT, wo Eisbaden in Nähe von diesem Dorf. Und dann kamen da fünf Stellen, wo man das machen kann. Ich habe sie auch gefragt, ja, kennen Sie die Stellen? Sie so, ja, ja, das stimmt. Und dann, weil sie auch so ein bisschen so ein Thema mit Sozialphobie hatte, habe ich dann so eingegeben, [00:59:02] wo wenig Menschen? Fragezeichen. Und dann kam tatsächlich, Chat-GPT hat eingeordnet, um zu welcher Uhrzeit dann, wo die wenigsten Leute sind und die Klientin war zufrieden damit.

Sara Mohr: [00:59:15] Weil das Daten sind, die bei Google ja teilweise auch erhoben werden. //Kathrin Bösiger: Ganz genau.// Wann und wie viel Betrieb ist.

Kathrin Bösiger: [00:59:20] Ja, und dann hat sie gesehen, ah ja, an den und den Wochentagen um die Uhrzeit, das wäre dann da am besten. Und schon hatten wir diesen Wochenplan wieder ein bisschen ausgefüllt dafür, ja, was macht sie, wenn sie zu Hause ist.

Sara Mohr: [00:59:33] Sehr cool. Ja. Das Beispiel. Das ist richtig cool.

Kathrin Bösiger: [00:59:35] Also Chat-GPT kann man super nutzen für, also weil wir können uns nicht mit allem auskennen. Also wenn jetzt ein Klient kommt und sagt, Frau Bösiger, ich will Cosplay machen, dann frage ich mich auch erst mal, wo? Wie? Wie? Aber eben, man kann ja wirklich auch einfach in die Recherche gehen zusammen und das dann zusammen rausfinden.

Sara Mohr: [00:59:55] Und wir müssen das nicht alles wissen. Wir müssen in der Lage sein, die Leute beim Prozess zu begleiten, wie sie es für sich selber rausfinden können.

Kathrin Bösiger: [01:00:01] Ja.

Sara Mohr: [01:00:01] dann ist es egal, ob es genau, ob es um Cosplay oder Sauerteigbrot backen oder Mandanas malen geht am Ende, genau.

Kathrin Bösiger: [01:00:07] Genau, ja.

Sara Mohr: [01:00:11] Sehr schön. Gehen wir zum vierten Thema. Viertes und letztes Thema. Das heißt, Probleme adressieren, die aufgrund der Erkrankung bei Betätigung aufkommen. Weil wir haben jetzt die ganze Zeit sehr betätigungszentriert gesprochen, aber natürlich haben die Leute auch verschiedene Symptome. Und die ErgotherapeutInnen, die da interviewt wurden in der Studie, sagen, na, es ist schon auch grundlegend wichtig, natürlich muss ich mich auch mit den Erkrankungen auskennen und ich muss mich mit den Symptomen auskennen. Und sie sagen, genauso gut, wie ich Betätigung verstehe, so gut muss ich auch die Personen und deren individuellen Schwierigkeiten und Stärken verstehen. Und das gelingt ihnen unter anderem durch, sagen sie, sie nutzen ganz viel die Arbeit mit Betätigungsbiografien. Also zu verstehen, welche Betätigungen waren dir dann früher wichtig? Wie hat da die Ausführung geklappt oder nicht? Wie haben sich deine Symptome, wenn die sich verändert haben, ausgewirkt auf deine Betätigung? Was waren so Gründe, warum du bestimmte Betätigungen nicht mehr ausführst? Und das fand ich einen total spannenden Ansatz. [01:01:12] Machst du sowas, so mit Betätigungsbiografien arbeiten?

Kathrin Bösiger: [01:01:17] Boah, also bei älteren Leuten vielleicht. Aber jetzt so war nie der Raum dafür da. Weil ich meistens so vorgehe, dass ich eine Betätigungsanalyse mache. wenn Betätigungsanliegen genannt wird oder ein Wunsch und entweder verfolgt die Person das dann direkt oder sie kommt und sagt, sie hat Schwierigkeiten, dann wähle ich eine Form der Betätigungsanalyse. Also entweder wirklich die, dass ich dabei bin oder die, dass ein Video mitgebracht wird oder die Betätigungsanalyse bei Nichtdurchführung. und da kommt dann schon so viel raus, was da vielleicht Barrieren sein könnten. Und dann arbeiten wir halt da dran, passen die Betätigung an oder schauen, wie wir die Betätigung verändern können, dass es geht. Also ja.

Sara Mohr: [01:02:01] Ja, ich glaube auch, dass man nicht prinzipiell, also das ist so, Betätigungsbiografien können super spannend sein. ist immer so die Frage, was der Gewinn dann nachher ist, den man da draus zieht. Ich hatte, ich bin ja ein großer Fan vom Ofi 2, verlinke ich euch in den Shownotes,

Kathrin Bösiger: [01:02:19] das ist ein Assessment,

Sara Mohr: [01:02:20] das diese Betätigungsbiografie ausarbeitet, ein Stück weit auch grafisch. Und was ich an dem Ofi 2 so gerne mag, ist, dass das ist ein Interviewbogen, den man quasi hat und man geht so die Fragen durch mit den Leuten und es sind teilweise schon auch tiefgehende Fragen und man geht so den Lebensweg so ein bisschen durch und da passiert ganz viel bei den Leuten schon allein, dass die da drüber sprechen. Also dass denen klar wird, ach ja stimmt, das habe ich ja früher gemacht und das habe ich ganz lange gar nicht mehr dran gedacht, dass das früher eigentlich was war oder dass sie merken, hey guck mal, stimmt, das mache ich seit 20 Jahren ohne Probleme, das ist ja super und das geht immer noch. Also dass da auch Ressourcen dann auftauchen von Sachen, wo sie sagen, guck mal, das mache ich schon so lange richtig erfolgreich. Da kann es manchmal, kommen da manchmal ganz coole Erkenntnisse raus, aber das Ofi 2 ist auch ein großes Interview, also da ist man dann auch eine Weile mit beschäftigt, da muss man dann immer reden.

Kathrin Bösiger: [01:03:13] Ja, absolut. Ich mag auch gern einfach eine Lebenslinie zu machen, aber wie gesagt, diese biografischen, es ist nicht oft, dass ich das Gefühl habe, dass es dem Klienten oder der Klientin gut tun würde. Es ist wirklich sehr manchmal nur, aber eben die Lebenslinie ist so, man macht einfach auf ein A4-Blatt eine Linie und ganz am Anfang ist die Geburt und am Ende ist jetzt. Und dann sollen sie wirklich einfach mal das komplette Leben, was sie in welchem Alter wie wo gemacht haben, wo waren sie, mit wem und alles. Also das wird ein sehr buntes, volles Blatt Papier. Aber das tut den Menschen richtig gut, so in Berührung mit sich selbst zu kommen und mit ihren Erinnerungen, mit positiven Erinnerungen, mit schlechten Erinnerungen. Und es ist auch sehr erkenntnisreich dann immer. Ja, weil wenn da, ich finde immer so spannend,

Sara Mohr: [01:04:02] dann tauchen ja auch in so Biografien, tauchen ja unweigerlich dann auch Krisen auf oder schwierige Phasen oder so. Aber das sind ja alles Krisen, die überwunden wurden. Weil ich stehe ja jetzt im Jetzt. Ich habe das ja irgendwie geschafft.

Kathrin Bösiger: [01:04:14] Je nachdem. Je nachdem, ja. Also zum Beispiel, ich hatte mal eine Suchtklientin, da war in der Lebenslinie auch das Konsumieren mit drin. Und ich kann mich gerade nicht mehr erinnern, aber sie wollte auf jeden Fall, dass es nicht mehr zu sehen ist. Ich weiß nicht, ob sie es dann wollte, dass wir es zusammen dick durchstreichen. Sie wollte das wie wegradieren, weil da so eine Scham war und so, dass sie das damals nicht geschafft hat und so. Genau.

Sara Mohr: [01:04:39] Ja.

Kathrin Bösiger: [01:04:39] Sie wollte damit gar nicht, dass es in ihrem Therapieheft ist.

Sara Mohr: [01:04:44] Ja. Und dann ist das vielleicht dann eben dann doch nicht die passende Methode. Immer dann so, ne? Ja.

Kathrin Bösiger: [01:04:48] Ja, wer weiß. Es war auch, ich denke, eine gute Konfrontation damit oder auch noch mal zu festigen, dass sie das wirklich nicht mehr will.

Sara Mohr: [01:04:57] Ja, stimmt.

Kathrin Bösiger: [01:04:58] Oder wenn sie Unsicherheit hat, kann sie noch mal auf den schwarzen Balken gucken und sehen, ja, stimmt, das war nicht gut, weil in der Lebenslinie bei dem Zeitpunkt ist auch das, das und das passiert.

Sara Mohr: [01:05:08] Ah, so Zusammenhänge zu erkennen dann, ja.

Kathrin Bösiger: [01:05:11] Genau. Ich denke, ja, Konfrontation ist unangenehm, aber in manchen Fällen auch echt hilfreich, um sich besser entscheiden zu können. Ja.

Sara Mohr: [01:05:20] Ja. Sehr schön. Also prinzipiell fällt mir jetzt gerade so auf, wo ich da jetzt über dieses Thema, diesen Themenblock in der Studie nachdenke. Wir haben ja vorher ganz viel drei Themenblocks über Betätigung gesprochen.

Kathrin Bösiger: [01:05:30] Ja.

Sara Mohr: [01:05:30] Jetzt sprechen die Forschenden dafür so, naja, okay, ich muss Betätigung verstehen, ist klar. Ich muss aber auch die Person verstehen in ihrer Biografie und mit ihren Symptomen. Und jetzt fehlt uns noch der dritte Punkt und der kommt jetzt auch in der Studie. Die interviewten ErgotherapeutInnen haben gesagt, naja, ich muss schon auch die Umwelt verstehen, in der meine KlientIn später leben. Also gerade wenn ich diesen Drehtür-Effekt reduzieren oder vermeiden möchte, muss ich ja wissen, in welchem Alter kommen die Leute denn da eigentlich zurück? Worauf wollen die sich denn überhaupt vorbereiten? Und das ist natürlich von der Klinik aus nicht ganz einfach.

Kathrin Bösiger: [01:06:05] Würde ich so nicht sagen. Würde ich so nicht sagen. Also ich habe natürlich auch mit den KlientInnen das Umfeld analysiert. Das geht auf unterschiedliche Art und Weise. Also beim Betätigungsprofil zum Beispiel frage ich morgens dann, wenn wir über die morgens reden, wo wachen sie denn eigentlich auf? Und lass mir das dann so ein bisschen erzählen und beschreiben und mit wem und wo und was. Und es ist immer Teil der Betätigung. Also es macht einen Unterschied, ob du dich in einer Wohnung betätigst, wo dein EhepartnerIn noch im Homeoffice sitzt und seine Ruhe braucht, dann betätigst du dich anders, weil du musst dann leise sein. oder ob du ganz alleine wohnst oder in einer WG, in der du dich unwohl fühlst oder in einer Stadt, in der dir ein Trauma passiert ist, wo du Angst hast, rauszugehen und so. Das, also da ist ganz viel. Oder du lässt dir Fotos mitbringen. Ich habe von einer KlientIn, das war auch ganz cool, da ging es darum, dass sie ihr Zimmer verändern wollte. Also weil in dem Zimmer, da waren ganz viele negative Erinnerungen und ich glaube, [01:07:05] dass da auch Traumas passiert sind und so. Oder an manchen Möbelstücken hingen dann noch irgendwelche Erinnerungen und so. Und dann haben wir in der Ergotherapie-Einheit geplant, ja, was könnte, also was steht da in diesem Zimmer an und welche Möbelstücke sind ohne Erinnerungen verknüpft und wo sind welche und wie kann sie das verändern? Und dann haben wir das einfach so richtig arg geplant und dann, als wir den Plan hatten für ihr Zimmer, haben wir dann abgemacht auch, was wären so kleine Schritte, die sie machen kann. Und genau, und dann hat es, also der erste Schritt war dann, dass sie sich verschiedene Kisten nimmt und einfach schon mal ein paar Sachen ausmistet von früher, wo sie sich nicht damit erinnern oder konfrontieren will. Irgendwelche alten Schulsachen, wo irgendwelche blöden Sachen drin standen oder schlechte Klausuren oder keine Ahnung was. Das mal ausmisten. Oder mit einem Klienten hatte ich dann auch abgemacht, ja, der fährt noch, während seinem Klinikaufenthalt zum nächsten Bauhaus oder, wie sagt man, //Sara Mohr: nicht Bauhaus,// sondern Baucenter, Baumarkt, genau. Er geht jetzt zum nächsten Baumarkt [01:08:05] und besorgt sich schon mal die Wandfarbe, die er sich wünscht. Ah, cool. Weil dann ist die schon mal im Kofferraum und dann muss man die entweder verräumen oder man streicht diese Wand, die man streichen will. Weißt du, wie ich meine? Und wenn man auf diesem Heimatbesuch ist für diese zwei Tage, ist doch super.

Sara Mohr: [01:08:21] Ja. In zwei Tagen kann man so eine Wand streichen.

Kathrin Bösiger: [01:08:24] Kann man machen. Je nachdem, was du für ein Mensch bist. Aber eben und so, also man, man kann schon Dinge fürs Zuhause übertragen oder ich habe unzählige Menschen dabei begleitet, ihre Wohnsituation zu verändern, indem wir auf Immo-Scout und Immo24 und Immo-Welt und wie sie alle heißen, über die Kleinanzeigen und so. Wir haben in der Ergotherapie zusammen ein Anschreiben für so Wohnungsannoncen formuliert, ein richtig, eins, was richtig gut ist und dann halt Copy-Paste und halt wirklich ganz viele Wohnungsanbieter angeschrieben und das mal in die Gänge gebracht.

Sara Mohr: [01:09:00] Ja. Ich glaube, das ist einer der ganz wichtigen Schlüssel, um so einen Transfer zu generieren, dass ich die physische und aber auch die soziale Umwelt mitdenken muss, in der die Leute dann nachher leben.

Kathrin Bösiger: [01:09:13] Ja. Super wichtig. Total. Ja.

Sara Mohr: [01:09:18] Das ist so das Ende der Studie. Die Forschenden schließen ab, dass sie sagen, wir sehen hier jetzt in den Infos mit den Ergos, in den Interviews mit den Ergos, dass da auf jeden Fall Potenzial ist, um KlientInnen zu stärken für das Leben nach der Klinik. Sie sagen aber auch, naja, wir sind jetzt nicht die Nonplusultra-Studie, wie bei jeder guten Studie steht irgendwo, wir haben auch Limitationen. Sie sagen, naja, also wir sehen, die haben ja da elf Männer und zwei Frauen interviewt. Sie sehen da, wir haben deutlich mehr Männer als Frauen, was eigentlich jetzt so nicht dem Schnitt in der Ergotherapie entspricht. Kann sein, dass nochmal andere Ergebnisse gekommen wären, wenn man das ausgeglichener gemacht hätte. und natürlich, das haben wir uns vielleicht auch alle schon gedacht, es wurden jetzt halt nur TherapeutInnen gehört und es fehlt absolut die Perspektive der KlientInnen. Es wäre mal total spannend gewesen, wie die das empfunden haben, welche Interventionen sie sagen, das hat mir geholfen, dass ich danach halt zu Hause zurechtkam. und wir wissen natürlich auch jetzt nur basierend auf dieser Studie nicht, [01:10:19] ob diese Vorgehensweisen tatsächlich das Drehtürphänomen reduzieren. Da haben wir jetzt keine Zahlen zu. Aber ich finde es total spannend. Ich hatte jetzt nicht das Gefühl, dass da jetzt so eine große Lücke war, wie japanische ErgotherapeutInnen die Situation sehen und wie wir das sehen, oder?

Kathrin Bösiger: [01:10:39] Also der Übertrag

Sara Mohr: [01:10:41] war jetzt auf jeden Fall.

Kathrin Bösiger: [01:10:43] Also man kann auf jeden Fall alltagspraktisch in jeder Psychiatrie in der Ergotherapie arbeiten. Da bin ich hundert Prozent davon überzeugt. Und selbst, wenn du Schwerstbetroffene hast, selbst wenn du große Gruppen irgendwie managen musst, es ist möglich, weil es kann auch ganz viel in selbstreguliertem Lernen passieren oder in einem Gruppenaustausch. Also selbst, wenn du Gruppentherapien hast, bin ich davon überzeugt, du kannst einfach mal über die Umwelt mit allen reden. Weißt du, ich meine, also du kannst ja zum Beispiel in einer Gruppenergotherapie-Sitzung mit zehn Leuten ist es theoretisch auch möglich, sich in den Kreis zu setzen und mal zu fragen, irgendwie mal anzuregen. Jetzt denkt jeder mal für sich nach, was sind so in seiner Wohnsituation Barrierefaktoren und was sind eher Förderfaktoren für ein positives Betätigungsverhalten. Kann jeder erst mal kurz nachdenken und dann kann jeder mal kurz so seinen Senf dazu abgeben. Und dann kann man zum Beispiel anregen, okay, und jetzt überlegt sich jeder so das kleinste bisschen, was er da dran verändern könnte. Gibt es irgendwas [01:11:43] in der Wohnung, was man anpassen kann, was einen positiv beeinflusst? Also ich kann ein ganz kleines Beispiel aus meinem Privatleben erzählen. Vor vielen Jahren ist mir mal aufgefallen, dass wenn ich mich einmal aufs Sofa gelegt habe, dass ich nicht mehr hochgekommen bin.

Sara Mohr: [01:11:58] Das ist eine Realität im Leben vieler Menschen.

Kathrin Bösiger: [01:12:01] Ja, der Tag war gelaufen. Es war erst 17 Uhr, aber der Tag war fertig. Und dann habe ich das auch mal mit meinem Mann besprochen, habe so gesagt, du, irgendwie, das Sofa, irgendwie, ich komme von diesem Sofa //Sara Mohr: nicht mehr hoch.// Und dann hat er gesagt, ja, okay, dann müssen wir da mal drüber irgendwie nachdenken und das so ein bisschen analysieren. Und dann haben wir uns tatsächlich ein anderes Sofa geholt, etwas höher war. Also das war von der Höhe einfach höher, von der Sitzfläche her. Und es war nicht so tief. Das heißt, du konntest, es war möglich, im Sofa auch zu sitzen und nicht nur zu fließen.

Sara Mohr: [01:12:38] Du hast nicht so einen Bett-Vibe dann dabei. Genau, genau.

Kathrin Bösiger: [01:12:41] Und auf einmal war ich viel aktiver. Ich habe viel mehr Hobbyzeit auch auf dem Sofa gemacht. Ich konnte besser lesen. Ich konnte besser häkeln, stricken, dies und das. Also weißt du, ich war viel aktiver. Sehr gut. Und auf diesem alten Sofa war das einfach nicht möglich, weil du bist dann so halb immer gelegen und jetzt konzentrier dich mal richtig krass, wenn du halb am liegen bist. Das geht nicht. Und so sind es so die Kleinigkeiten, die man anpasst. Okay, Sofa ist jetzt eine Großigkeit, würde ich sagen. Also es war sehr aufwendig, dieses alte Sofa wegzuwerfen. Aber manchmal reicht es auch schon, irgendwie was auszumisten, was einen die ganze Zeit stört oder eine Wand zu streichen oder irgendwas. Auf jeden Fall. //Sara Mohr: Oder mal zu lüften.//

Sara Mohr: [01:13:20] Wenn ich weiß, ich habe jetzt heute so eine Deep-Work, nenne ich das immer, eine Deep-Work-Aufgabe, wo ich mich arg konzentrieren muss jetzt mal für ein paar Stunden, dann räume ich vorher immer den Schreibtisch auf.

Kathrin Bösiger: [01:13:29] Ja, genau so was.

Sara Mohr: [01:13:30] Und teilweise räume ich tatsächlich auch Dinge, weil ich die, die haben noch keinen festen Platz oder so, aber ich räume die dann ins Nebenzimmer, dass die weg sind von meinem Schreibtisch, dass da nichts ist und dann kann ich in Fokus-Mode gehen. Also die Umwelt hat da unglaublichen Einfluss drauf.

Kathrin Bösiger: [01:13:44] Voll. Ja, oder auch Lüften ist so eine Kleinigkeit, die so viel verändert. Das stimmt. Und so, genau. Und der Ansatz war ja,

Sara Mohr: [01:13:53] so was kann ich auch in Gruppen besprechen und da kann ich

Kathrin Bösiger: [01:13:55] gemeinsam Ideen sammeln. Auf jeden Fall. Und wenn es dann individueller wird, dann darf ja der Raum da sein, dass es individueller wird. Also man kann zum Beispiel auch eine Therapieeinheit mit zehn Leuten machen, wo es darum geht, dass jeder sich jetzt am Smartphone die VHS-Kurse von seinem Ort durchschaut und jetzt mal so drei raussucht und dann den anderen erzählt, die er mal interessant finden würde. Dann ist da auch so eine Selbstarbeit mit da drin, sich selber auseinandersetzen, aber dann wieder der Austausch und dann hat man auch so dieses Gruppending wieder mit drin, dass die anderen dann wieder fragen, ja und, hast du dir jetzt über den Workshop zur Excel-Tabelle Gedanken gemacht, willst du es jetzt machen? Ja, nein. So, und dann kann er, muss er sich wieder damit so auseinandersetzen. //Sara Mohr: So, ja,//

Sara Mohr: [01:14:40] Ja, genau.

Kathrin Bösiger: [01:14:41] Also die Gruppendynamik kann ja auch total was Wertvolles sein.

Sara Mohr: [01:14:45] Und oft habe ich das Gefühl, da kommt in diesen Gruppensettings kommt das Argument, ja, aber ich kann da ja gar nicht individuell auf jeden Einzelnen so in der Tiefe eingehen. Ja, richtig. Das ist so. Also, ne, natürlich hat eine Gruppentherapie ist eine Gruppentherapie, es ist keine Einzeltherapie und das darf aber auch nicht mein Anspruch sein, dass ich ja da dann jetzt jeden Einzelnen wirklich 100 Prozent jedes Mal abhole. dann sind es halt dieses Mal nur 80 Prozent gewesen, die das für mich sinnvoll waren. Okay, aber trotzdem habe ich ja dafür dann den Benefit dieser Gruppendynamik, wie du sagst, die dann da entsteht. Also dann habe ich die Benefits halt anders gelagert.

Kathrin Bösiger: [01:15:20] Ja, und gleichzeitig ist es auch so, dass der Klient oder die Klientin vielleicht auch dadurch ein bisschen mehr Raum bekommt, selber ihre Sachen zu machen. Weißt du, ich meine? Und in so einer Gruppentherapie, es muss ja nicht ganz arg schlecht sein, dass jetzt der Therapeut sich nicht 100 Prozent auf jemanden draufstürzt.

Sara Mohr: [01:15:43] Stimmt.

Kathrin Bösiger: [01:15:43] Kann ja vielleicht auch gewinnbringend sein, wenn der Therapeut in der Pflicht ist, sich vorher zu überlegen, okay, ich möchte jetzt über die Betätigung Schlafen und Schlafhygiene reden. Wie könnte ich das machen, dass es jeder machen kann? Ja,

Sara Mohr: [01:15:56] und da braucht es halt die therapeutische Expertise, die wir dann ja hoffentlich haben. dass jeder möglichst viel mitnehmen kann und davon dann profitiert. Ja. Genau.

Kathrin Bösiger: [01:16:07] Ja, aber es ist auch Erfahrungssache. Also wenn ihr, ihr Zuhörenden, ihr habt eine Kreativgruppe und sagt, okay, ich will jetzt aber betätigungszentrierte Gruppe machen, dann geht da nicht rein und denkt, ihr braucht jetzt zehn gute Arbeitsblätter zum Thema Schlafen, weil sonst kriegt ihr das nicht hin. Geht einfach blauäugig rein und sagt, hey, heute machen wir eine Betätigungsgruppe und heute geht es um die Betätigung Schlafen, wie schlafen sie eigentlich? Mhm. Also einfach mal blauäugig reingehen, weil beim Tun kommen dann einem Ideen fürs nächste Mal. Also das, wenn man dann das nächste Mal drüber spricht, denkt man, aha, wir haben dann gesammelt, was bei dem einen gut klappt und beim anderen gut klappt, könnte ich vielleicht ein Blatt machen, wo schon steht, förderlich und nicht so förderlich. Weißt du, wie ich meine? //Sara Mohr: Also man kommt dann beim Tun// auf Ideen und es gibt, ich denke in der Psychiatrie ist es super sinnvoll, weil die Betätigungsanliegen sind super ähnlich. Also ich habe wenig Einheiten, wo ich denke, oh, das steht aber mal ganz was Neues. Also die meisten, [01:17:08] die bringen mit Schlafen, die meisten bringen mit zu viel Bildschirmzeit, die meisten bringen mit, sie wissen nicht, was sie essen sollen. //Sara Mohr: So,// also es gibt so Themen, keine Selbstversorgung, keine Selbstversorgung, wenig Hobbys, keine Freunde und so weiter. Also es sind immer so dieselben Sachen und von dem her kann man solche Themen super gut in Gruppen aufgreifen, //Sara Mohr: finde ich.//

Sara Mohr: [01:17:28] Ja, ja. Das ist auch, ich finde, das ist eine gute Überleitung. Lass uns mal, wir machen ja manchmal am Ende der Podcast-Folgen so drei Do’s für die Praxis. und lass uns das mal als Beispiel. Also ich bin jetzt Ergotherapeutin in der stationären Psychiatrie und ich habe so eine Gruppe und ich möchte diese Gruppe gerne betätigungszentrierter machen. Was sind drei Dinge, die ich morgen tun kann, Kathrin, damit mir das gelingt? //Kathrin Bösiger: Drei kleine Dinge.//

Kathrin Bösiger: [01:17:50] Drei Dinge. Sarah, diese Frage hätte ich im Vorfeld studieren müssen. Also auf jeden Fall sollen jetzt alle Ergos im Anschluss sich diese positiven Aktivitätenkarten kaufen, unbezahlte Werbung, weil es einfach mega gut ist und so visuelle Anreize, das hilft den Klienten total. Ich finde diese Interessen-Checkliste, die ist einfach viel zu trocken und nicht ansprechend und vermittelt kein Bild irgendwie. //Sara Mohr: Ja, ist schöner mit einer Visualisierung//

Sara Mohr: [01:18:18] so ein bisschen. Genau,

Kathrin Bösiger: [01:18:19] und die kann man super für Einzeltherapien nutzen, super für Gruppentherapien. Die sind richtig gut. Das wäre jetzt To-Do Nummer eins, was man sofort tun kann, während man die Folge jetzt noch hört. So, was muss man auf jeden Fall tun? ein Betätigungsprofil ist auf jeden Fall auch ein Riesen… Können wir auch mehr wie drei sammeln?

Sara Mohr: [01:18:40] Wir können auch mehr wie drei sammeln, auf jeden Fall. Okay, gut.

Kathrin Bösiger: [01:18:42] Aber mache ich ein Betätigungsprofil auch in der Gruppe dann so? Safe, ja. Okay. Unbedingt. Also, es ist dann so, dass du nicht eine Person vor der ganzen Gruppe moderierst, aber du leitest an, dass sie dieses Betätigungsprofil für sich selber ausfüllen. Dann kannst du so Spielereien machen, das, was dir dann einfällt. Ich würde jetzt eben zum Beispiel das mit den Farben machen, um die Betätigungsbalance auszuarbeiten. Weil meine Erfahrung mit psychiatrischem Klientel ist, dass da keine Betätigungsbalance vorhanden ist, beziehungsweise die, die besteht, ist halt nicht förderlich für die Gesundheit. Also, wenn ich zum Beispiel allein schon markieren lasse, Bildschirmzeit, dann ist in so einer Gruppe von zehn psychisch kranken Leuten der Durchschnitt von Bildschirmzeit sechs Stunden bestimmt.

Sara Mohr: [01:19:24] Und dann habe ich schon mal

Kathrin Bösiger: [01:19:25] ein Thema für die nächste Einheit. auf jeden Fall. Also, das ist so erkenntnisreich.

Sara Mohr: [01:19:30] Und generell Betätigungsprofil, da möchte ich kurz einhaken, weil ich habe beim vorletzten Ergo-Retreat haben Amy und ich die Ergos, die mit waren auf dem Retreat, also nicht mehr stationäre Psychiatrie, aber trotzdem haben wir mit den Ergos auf dem Retreat. Wir haben Betätigungsprofile ausgefüllt für uns selber, für unseren Arbeitsalltag, um mal zu gucken, was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Und wie geht es mir mit den einzelnen Betätigungen? Und das war so erkenntnisreich. Also, da konnte man so, und man denkt, man weiß, was man so den ganzen Tag macht. Nein, man weiß das nicht. Es hilft total, das aufzuschreiben und so mit Farben zu visualisieren oder mit Smilies oder was auch immer. Und dann sind, allein mir sind drei Sachen auf, wo ich dachte, guck mal, das könnte ich doch eigentlich einfach mal vormittags machen. Das wäre viel entspannter für mich. Warum mache ich es dann immer nachmittags? So. Also, Betätigungsprofil geht auch in der Gruppe. Ja,

Kathrin Bösiger: [01:20:19] also, da gibt es so viele Spielereien mit, ja, wann kann man sich am besten konzentrieren, zu welcher, Uhrzeit, ist es eher vormtags, nachmittags, //Sara Mohr: wann,// welche Betätigungen waren, wie, wo, also, da kann man so viel damit machen, aber Betätigungsprofil, dass man es macht, ist ein absolutes Muss. Und dann kann man mal den Fokus auf das eine machen, wie viele Stunden schlafe ich, das andere kann man den Fokus mehr auf, in welchem Setting mache ich was machen und was es an dem Setting vielleicht fördern. also, man kann es zerstückeln ohne Ende, aber dass man Betätigungsprofil in irgendeiner Form macht, muss, finde ich,

Sara Mohr: [01:20:55] To-Do,

Kathrin Bösiger: [01:20:56] muss man machen. Sehr gut. Was man auch in der Gruppe machen kann, ist eine Betätigungsanalyse.

Sara Mohr: [01:21:02] Aha, wie mache ich das in der Gruppe?

Kathrin Bösiger: [01:21:04] Genau, das kann jetzt wieder auf ganz unterschiedliche Art und Weise sein. Am coolsten ist natürlich, wenn eine Person, oder wenn die Personen dann einfach Videos von sich mitbringen, wie sie ihrer bedeutungsvollen Betätigung nachgehen oder sie können auch Fotos mitbringen, weil dann sehe ich auch das Setting, die Umgebung, die Kontextfaktoren und so. Ich kann aber auch eine ganz einfache, jeder Klient kann sich eine Linie malen von, wie die Betätigung startet, mit welcher Aktivität, zum Beispiel Schuhe anziehen oder so. Und dann sollen die einfach mal die Betätigung sich aufschreiben und so klein, schrittig so, ja was sind denn Teile von der Betätigung? Also wenn ich zum Beispiel zum Tennisverein gehe, mit was fängt die Betätigung zum Tennisverein gehen eigentlich an? Ja. Also es fängt an mit der Tasche packen und so weiter. Und genau, und dann kann jeder mal auch da dazu schreiben, so was ist da dran gut, was ist schlecht, wie geht es mir vorher, wie geht es mir währenddessen, was habe ich da für Gedanken, was ist dann danach und so. Und das als Gesprächsgrundlage [01:22:05] zu nehmen in der Gruppe, denke ich, ist auch gut. Total cool.

Sara Mohr: [01:22:07] Dann leite ich die Leute ja an oder gebe denen auch die Expertise selber, ihre Betätigung zu analysieren in dem Moment.

Kathrin Bösiger: [01:22:14] Ja genau, also wir wollen ja nicht, dass der Klient oder die Klientin in der Abhängigkeit zu uns kommt, sondern dass sie das selber können, weil dieses, wie sie das jetzt mit dem Thema Wäsche waschen machen, können sie, wenn sie da wissen, wie eine Betätigungsanalyse geht, können sie auch eine Betätigungsanalyse vom Fahrradfahren machen. Da, finde ich, klappt der Übertrag schon, weil es nicht um die Betätigung geht, sondern es geht um die Betätigung, Betätigungsanalyse machen. Ja, es ist eine übergreifende Fähigkeit

Sara Mohr: [01:22:40] auf jeden Fall.

Kathrin Bösiger: [01:22:41] Und dann einfach auch das Bewusstsein zu schaffen, zu reflektieren, wie geht es mir denn jetzt während dem Seriestream nach drei Stunden? Was nehme ich mal in meinem Körper? Was machen meine Gedanken? Weißt du, wie ich meine? Und so darüber, finde ich schon richtig wichtig und ich finde es schade, wenn Ergos per se sagen, nee, ich habe eine Gruppe, auch noch Kreativgruppe, laut Chef, Betätigungsanalyse nicht möglich. Das stimmt so nicht. Meiner Meinung nach ist es in jedem Setting auf jeden Fall möglich. Die Art ist nur, wie du es anpasst.

Sara Mohr: [01:23:12] Genau. Und wir dürfen diese Sachen anpassen. Es ist jetzt kein, nur weil ich mal irgendwo eine Beschreibung von der Betätigungsanalyse gelesen habe, heißt das nicht, das ist das, wie ich es machen muss. Das ist ein sehr, sehr, sehr flexibles Instrument. Auf jeden Fall.

Kathrin Bösiger: [01:23:25] Aber es ist total gewinnbringend. Also die Betätigungsanalyse ist meiner Meinung nach der Schlüssel der modernen Ergotherapie, weil dort fallen uns Sachen auf, die wir nie bedacht hätten und nie gesehen hätten. Und dadurch kommen dann die Sachen auf. Deswegen, ich finde, das ist ein To-Do, das muss jeder machen. //Sara Mohr: Ja, unbedingt.//

Sara Mohr: [01:23:46] Weil sonst fehlt einem der größte Skill, den wir haben. Ja, ist ein bisschen Magic auch einfach immer.

Kathrin Bösiger: [01:23:51] Ja.

Sara Mohr: [01:23:51] Ich freue mich auf jede Betätigungsanalyse immer.

Kathrin Bösiger: [01:23:53] Ja, voll. Ich liebe es am liebsten. Also ich liebe natürlich auch die Betätigungsanalysen bei Nichtdurchfügungen, weil sie so schön konfrontierend sind. Aber ich liebe es, wenn Leute Videos mitbringen. Ich finde es so schön, //Sara Mohr: wenn sie dann irgendwie, gemeinsam mit denen anzuschauen. Ja,// gemeinsam mit denen anzuschauen. Und das ist so aufschlussreich. Und da sehe ich immer, okay, ich hatte ein Bild vom Leben von dem Menschen und dann sehe ich das Video und denke, okay, es war komplett falsch. Also ich habe mir die Wohnung und alles komplett anders vorgestellt.

Sara Mohr: [01:24:22] Das sind dann immer so ganz schöne Momente. Ich hatte letztens auch ein total schön, ich hatte erst kurz, bin ich ein bisschen nervös geworden in der Therapie und dann war es super. Ich hatte einen Klienten mit einer degenerativen Erkrankung, der kommt aber in die Praxis und hat gesagt, naja, er hat Bedenken momentan vor allem, dass da eine Sturzgefahr besteht, wenn er bei sich zu Hause die enge Kellertreppe runtergeht, weil er musste den Wäschekorb tragen und so und das ist schwierig. Und er konnte sich aber nicht vorstellen, das irgendwie gescheit zu filmen und dann heißt das, na gut, dann simulieren wir das in der Praxis im Treppenhaus mit dem Wäschekorb. So, ich habe gefilmt. Das war jetzt natürlich nicht die Kellertreppe, aber es war eine Treppe. So, und dann lief er diese Treppe hoch und runter und das war super. Ich habe, also schon beim Film habe ich gedacht, der kann das. Das ist absolut sicher, das ist überhaupt gar kein Thema und dann dachte ich kurz, shit, was mache ich denn jetzt? Jetzt hat der gar kein Problem. So ein Mist. Und bin dann mit ihm wieder in den Therapieraum rein [01:25:23] und dann habe ich gesagt, so gucken wir uns mal das Video an. Und er war dann auch so, naja, sagen Sie doch mal, wo war denn da jetzt ein Fehler? Und dann habe ich gesagt, hören Sie, ich sehe da, also was meinen Sie selber? Er meinte, ich finde, das sieht super aus. Und ich so, ja, ich finde auch, das sieht super aus. Und dann haben wir die Kurve gekriegt und haben einfach geschaut, okay, welche Dinge macht er schon richtig? Was sind Ressourcen? Weil er hat eine degenerative Erkrankung, das wird schlechter werden in den nächsten Monaten und Jahren. Worauf kann er achten? Was macht seinen Treppengang jetzt so sicher, dass das so super aussieht? Und dann hat er sich da seine fünf Sachen rausgearbeitet, auf die er sowieso schon achtet, wo er dann total die Bestätigung für sich bekommen hat, ich mache das eigentlich ganz gut, ich manage meine Symptome da eigentlich super. Und dann war das eine Betätigungsanalyse ohne Breakdown-Point, wo wir jetzt gesagt hätten, shit, aber wir haben es halt zur Ressourcenerarbeitung genutzt. Und das ist halt so die Magie von Betätigungsanalysen, es kann eigentlich nicht schief gehen.

Kathrin Bösiger: [01:26:15] Ja, voll. Und ich finde, selbst wenn jeder von seiner bedeutungsvollen Betätigung ein Video mitbringt, wo es einfach nur läuft und klappt, ist doch schön, eine Person bei was zu sehen, was sie gerne macht. Voll. Also auch für eine Gruppe, also selbst wenn wir uns dann zusammen als Gruppe das Video anschauen, wie jetzt jemand am Häkeln ist oder so, ist doch schön zu sehen, wie das Gesicht sich dabei entspannt. Oder wie jemand beim Schachspielen die Stirn runzelt und so richtig konzentriert ist. Es ist doch schön, das zu beobachten. Ja, total, total. Sehr schön. Sind das deine drei To-Dos, Kathrin?

Sara Mohr: [01:26:52] Ah, also die, die mir spontan einfallen. //Kathrin Bösiger: Ich weiß nicht,// wir könnten noch eine ganze Podcast-Folge

Kathrin Bösiger: [01:26:57] mit To-Dos machen. //Sara Mohr: Das glaube ich sofort.// Ja, ich würde sagen, vielleicht, ich weiß noch ein anderes To-Do. Und zwar, wenn ihr euch in die Richtung entwickeln wollt, aber noch so ein bisschen euch nicht so wohl fühlt oder noch so unsicher seid oder so, dann ist es To-Do, dass ihr jemanden fragt, der schon vielleicht ein bisschen da tiefer im Thema drin ist und einfach mit dem redet und um Rat fragt.

Sara Mohr: [01:27:23] Ja.

Kathrin Bösiger: [01:27:24] Und weil, das ist so, so magic. Ich hatte schon mit so vielen Ergos Kontakt, die gesagt haben, boah, bei mir irgendwie, ich will, aber ich weiß nicht wie und so. Und dann habe ich mit denen so geredet und dann habe ich so gemerkt, oft war das Problem, dass die Ergos, die kennen dann irgendwelche ganz tollen Konzepte, die aber nicht auf die Einrichtung passen und verkopfen sich dann so oder der Perfektionismus ist viel zu krass und sie denken, boah, ich bin aber noch nicht so lang, ich habe noch nicht so lang von der Betätigungszentrieren gehört, ich weiß nicht so richtig. Und die denken, die müssen da gleich abliefern.

Sara Mohr: [01:27:55] Ja.

Kathrin Bösiger: [01:27:56] Aber ich denke, der Schlüssel ist, es einfach zu machen und man darf es auch erst mal mit einer Unsicherheit machen und man darf auch erst mal nicht so viel liefern. Ja. Und man darf auch schlechte Erfahrungen machen //Sara Mohr: und man darf daraus lernen. Genau, dürfen darf nicht schief gehen.// Oder wenn man halt will, dass es möglichst wenig schief geht, kann man auch erst mal sich austauschen mit anderen, wie würdest du es machen oder kannst du mir mal ein Arbeitsblatt schicken oder so. Sehr gut. Genau. //Sara Mohr: Ja.// Ich glaube, das ist so das Böste. Nicht da alleine

Sara Mohr: [01:28:21] in den eigenen Erwartungen drin hängen und denken, ich kriege immer wieder auch Anfangen, dass Leute sagen, also Sarah, ich bräuchte mal eine Fortbildung zu Modell XY, damit ich das in der Tiefe verstehe, damit ich dann lupenrein nach dem OHO oder nach dem CMOPI oder nach dem O-Tippen lupenrein arbeiten kann. Und ich sage, nee, das machen wir nicht. Du bitte auch nicht. Das ist ja eine total unrealistische Erwartung an die eigene Arbeit. Wir müssen, natürlich, Modelle sind super, ich gebe Fortbildungen dazu, alles klar. Aber das Ziel ist nicht, dass ich da einfach so ein Rezept habe, was ich dann arbeite. Das ist nicht das, was auch kein Modell liefert mir das, so ein Kochrezept. Sondern es ist wirklich dieses, ich probiere es mal aus.

Kathrin Bösiger: [01:29:05] Ich gucke mal, was passiert. Ich denke, so Modelle, die sind inspirierend und sie geben uns ein Ideal. Ja. Und das gibt einem sehr viel Sicherheit, ein Ideal zu haben, an dem man sich orientiert. Also zum Beispiel, wenn jetzt in der Klinik, war es oft, dass ich meilenweit vom Ideal entfernt war, weil einfach diese kurze Verweildauer, je nachdem, war.

Sara Mohr: [01:29:25] Ja.

Kathrin Bösiger: [01:29:25] Oder dann war mein Therapieplan schon voll, dann habe ich mal einen Klienten oder eine Klientin in zwei, drei Wochen nicht gesehen. Das war natürlich nicht super.

Sara Mohr: [01:29:31] Ja.

Kathrin Bösiger: [01:29:33] Aber dann muss man sich halt fokussieren auf das, was jetzt halt wichtig ist und vom Ideal abweichen. Aber es, also Modelle oder so, ja, das gründet uns total in unserer Berufsidentität. Und zu wissen, das ist das Ideal und ich versuche, so nah wie möglich hinzukommen. Aber klar, wenn ich jetzt gerade anfange, also der Chefarzt hat mir erst gestern erlaubt, aufzuhören mit dem Flechten. Ja. Natürlich bin ich nicht Anne Fischer morgen. //Sara Mohr: Nee. Ist doch klar.//

Sara Mohr: [01:29:59] Und wir wären alle gern Anne Fischer. Aber wir sind es alle nicht.

Kathrin Bösiger: [01:30:02] Fischer werden. Ja, genau. Sie hat Zeit gebraucht, da reinzuwachsen. Weißt du, //Sara Mohr: wie ich meine?// Ja, total. Und wir dürfen uns total die Zeit geben und KlientInnen dürfen sich auch erst mal beschweren, wenn sie merken, okay, die Ergotherapeutin, die schwimmt, aber sie schwimmt vorwärts. Weißt du, wie ich meine? Und das finde ich doch mega.

Sara Mohr: [01:30:19] Sehr gut. Also, ja. Ja. Also, dass es To-Do Nummer vier ist, wenn ihr da auf dem Weg seid und euch irgendwie unsicher seid, dann schreibt der Kathrin. Ja. Oder mir. Ja. Man findet die Kathrin übrigens Alltagslust heißt sie da.

Kathrin Bösiger: [01:30:33] Ja. Wo findet man dich noch? Wo kann man dich noch kontaktieren? Hast du eine Homepage? Ja, über meine Homepage, die heißt auch alltagslust.de. Ist auch ein Kontaktformular drauf und meine Mailadresse und so. Genau. Sehr gut.

Sara Mohr: [01:30:46] Und mich könnt ihr immer kontaktieren über info.ergo-unterwegs.de.

Kathrin Bösiger: [01:30:51] Sehr gut.

Sara Mohr: [01:30:52] Und dann muss ich leider, ich glaube Kathrin, wir müssen den Dekker drauf machen.

Kathrin Bösiger: [01:30:57] Mein Mittagessen wartet auf mich. Sehr gut. Vielen, vielen Dank, dass du dabei warst. Ein wunderschönes Thema. Ich liebe es, über Betätigungen mit psychisch Erkrankten zu reden. Ich finde es mega.

Sara Mohr: [01:31:08] Ja.

Kathrin Bösiger: [01:31:08] Macht immer Spaß und ist befeuernd. Und ja.

Sara Mohr: [01:31:11] Ich glaube, es sind auch noch sieben neue Themen für Podcasts aufgeploppt jetzt. //Kathrin Bösiger: Ja, sehr gerne. Dieses Gruppenthema,// das müssen wir nochmal, da müssen wir nochmal und Betätigungsanalyse und wir haben da noch ein paar Sachen.

Kathrin Bösiger: [01:31:20] Ich bin auf jeden Fall jetzt dauerhaft gerne dabei.

Sara Mohr: [01:31:23] Sehr cool.

Kathrin Bösiger: [01:31:24] Vielen lieben Dank dir, dass du dabei warst. Ja, danke dir für die Einladung. Große Ehre ist es. Und wir hören uns bei der nächsten Folge. Tschüss.

(Dieses Transkript wurde mit Unterstützung von KI generiert)

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