#36 - Kann weniger Betätigung gut sein?
In dieser Folge starten wir mit einem kleinen Rückblick auf das Podcastjahr und darauf, was sich bei Ergo Unterwegs alles bewegt hat.
Sara spricht dann über eines ihrer Lieblingskonzepte in der Occupational Science: Disengagement. Anhand verschiedener Studien tauchen wir in das Konzept und seine Bedeutung für die ergotherapeutische Praxis ein.
Geschichten aus dem Alltag: Sara löst einen Cliffhanger auf.
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Studien in dieser Folge
Cruz, D. C. da, Taff, S., & Davis, J. (2023). Occupational engagement: some assumptions to inform occupational therapy. Cadernos Brasileiros de Terapia Ocupacional, 31(31).
Morris, K., & Cox, D. L. (2017). Developing a descriptive framework for “occupational engagement”. Journal of Occupational Science, 24(2), 152–164.
Park, Y., Murphy, A., Cezar da Cruz, D. (2023). Occupational participation and engagement of woman experiencing premenstrual syndrome: A qualitative study. British Journal of Occupational Therapy, 86(9):639-647.
Stroud, A. E., Mohler, A. J., & Carpenter, A. M. (2025). Exploring Occupational Therapy Students‘ Coping Strategies and Styles. Journal of Occupational Therapy Education, 9(1), article 3.
Sutton, D. J., Hocking, C. S., & Smythe, L. A. (2012). A phenomenological study of occupational engagement in recovery from mental illness. Canadian Journal of Occupational Therapy, 79(3), 142–150.
Townsend, E. A., & Polatajko, H. J. (2013). Enabling occupation II: Advancing an occupational therapy vision for health, well-being & justice through occupation (2. Aufl.). Canadian Association of Occupational Therapists.
Waugh, C. E., Leslie-Miller, C. J., Shing, E. Z., Furr, R. M., Nightingale, C. L., & McLean, T. W. (2021). Adaptive and maladaptive forms of disengagement coping in caregivers of children with chronic illnesses. Stress and health : journal of the International Society for the Investigation of Stress, 37(2), 213–222.
00:00:25 – Begrüßung und Cliffhanger
Sara Mohr eröffnet die Jahresabschlussfolge von „Evidenz auf die Ohren“ und entschuldigt sich humorvoll für den Cliffhanger aus der letzten Episode. Damals berichtete sie von einem mysteriösen Piepen in ihrem Schlafzimmer, dessen Ursache zunächst unklar blieb. Nach ausdauernder Recherche fand sie heraus, dass das Geräusch aus einem angrenzenden Lagerraum einer Reinigungsfirma stammte. Nach einem Anruf bei der Hotline verschwand das Piepen schließlich, ohne dass die genaue Ursache geklärt wurde – dennoch kann Sara wieder ruhig schlafen.
00:04:28 – Jahresrückblick auf den Podcast 2025
Sara blickt auf ein erfolgreiches Podcastjahr mit elf Episoden und über 18.000 Downloads zurück. Behandelte Themen reichten von Depressionen, Resilienz, Neurofeedback, Betätigungswünschen und Feminismus bis zu Gartentherapie, Hausbesuchen und sozialer Ergotherapie. Sie dankt den Zuhörer*innen für ihre Treue und das positive Feedback. Alle Folgen zusammen ergeben mittlerweile 35 Stunden Hörzeit, also „einen Tag und elf Stunden“ geballte Ergotherapie-Inhalte.
00:05:30 – Rückblick auf „Ergo Unterwegs“
Auch Ergo unterwegs war 2025 stark aktiv. Besonders beliebt war das Thema Flow – sowohl in Onlinekursen zur Betätigungsbalance als auch in Präsenzworkshops für ganze Teams. Außerdem etablierte sich eine neue Online-Fortbildung zu Ergotherapie-Modellen, die so großen Anklang fand, dass für 2026 bereits Sommer- und Winterkurse geplant sind. Neu hinzu kam Saras Angebot als Coach für Gesundheitsberufe, das von Praxen sogar als Team-Weihnachtsgeschenk gebucht wurde.
Ein besonderes Highlight war erneut der Ergo-Retreat, den Sara gemeinsam mit Amy Orellana veranstaltete. Mit 14 Teilnehmenden verbrachten sie drei intensive Tage voller Reflexion, Yoga, Achtsamkeit und Gespräche zur eigenen Berufsidentität. Aufgrund der großen Resonanz soll auch 2026 wieder ein Retreat stattfinden.
00:10:39 – Einführung ins Thema: (Dis-)Engagement
Zum Abschluss des Jahres spricht Sara über eines ihrer Lieblingsthemen: Engagement und Disengagement. Sie lädt die Zuhörenden bewusst ein, diese Folge ohne besondere Vorbereitung oder Erwartung zu hören – ein erster Schritt ins Thema, das den Spannungsbogen zwischen Teilhabe und Rückzug thematisiert.
Sara reflektiert, wie stark Ergotherapeut*innen oft bemüht sind, Engagement bei sich selbst und ihren Klient*innen zu fördern, und stellt die Frage, ob ständiges Engagement wirklich immer sinnvoll ist.
00:12:45 – Was bedeutet Engagement in der Ergotherapie?
Sara erläutert die theoretischen Grundlagen: Nach Townsend und Polatajko (CMOP-E) beschreibt Engagement die „breiteste Perspektive auf Betätigung“. Es umfasst nicht nur die aktive Ausführung von Handlungen, sondern auch kognitive und emotionale Teilhabe. Beispiele sind Situationen wie das gebannte Zuhören bei einem Konzert oder das Mitfiebern bei einem Fußballspiel – Engagement kann also auch ohne körperliches Handeln stattfinden.
Sie zieht Verbindungen zu Flow-Erleben und Achtsamkeit (Occupational Presence) und betont, dass die Definition von Engagement für die klientenzentrierte Praxis essenziell ist, da auch Menschen mit geringen körperlichen Handlungsmöglichkeiten (z. B. im minimalbewussten Zustand oder bei Querschnittslähmung) Betätigung erfahren und daran teilhaben können.
00:19:58 – Einflussfaktoren auf Engagement
Engagement hängt laut Sara stark von Bedeutung, Werten, Interessen, Betätigungsgeschichte und Tagesform ab. Um das zu veranschaulichen, zitiert sie aus einem Artikel von Cruz (2023) die Geschichte einer querschnittsgelähmten Frau, die durch einen barrierefreien Strandaufenthalt intensive Teilhabe erlebte. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Engagement nicht an körperliche Aktivität, sondern an individuelle Wahrnehmung und emotionale Bedeutsamkeit gebunden ist.
00:23:03 – Disengagement als Coping-Strategie
Sara schlägt die Brücke zur Gegenseite: Disengagement – also emotionaler und kognitiver Rückzug – kann nicht nur negativ, sondern auch funktional sein. Es kann helfen, Energie zu bewahren oder sich vor Überforderung zu schützen, etwa wenn man sich von stressigen Situationen oder Beziehungen bewusst distanziert. Dysfunktional wird Disengagement, wenn es zu dauerhafter Isolation oder Betätigungsdeprivation führt.
Sie verweist auf eine Studie aus 2023, die zeigte, dass Menschen mit prämenstruellen Symptomen durch bewusstes Disengagement soziale Konflikte vermeiden – ein Beispiel für adaptives, also funktionales Bewältigungsverhalten.
00:27:07 – Kontinuum von Engagement bis Disengagement
In einer ihrer Lieblingsstudien von Sutton et al. (2012) beschreibt Sara ein Kontinuum von vollem Engagement über alltägliches und teilweises Engagement bis hin zu Disengagement.
Volles Engagement ähnelt Flow-Erleben: völliges Aufgehen in der Tätigkeit.
Everyday Engagement beschreibt zielgerichtetes Handeln und Selbstwirksamkeit.
Teilweises Engagement beinhaltet Rückzug, Routinehandlungen und geringere Motivation.
Disengagement steht für kompletten Rückzug und den Verlust von Sinn und Handlungsfähigkeit.
Besonders spannend findet Sara, dass die Studie Disengagement nicht nur als problematisch versteht: Rückzug kann als Schutzraum funktionieren, um Reflexion, Neuorientierung und Hoffnung zu ermöglichen. Dieses bewusste „Nichtstun“ könne neue Perspektiven eröffnen – im Gegensatz zu erzwungenem Engagement, das häufig belastender wirkt.
00:34:13 – Bedeutung für die ergotherapeutische Praxis
Sara zieht praktische Schlüsse für die ergotherapeutische Arbeit:
Ergotherapeut*innen sollten mit Klient*innen gemeinsam herausfinden, für welche Betätigungen Engagement wünschenswert ist und wo Disengagement hilfreich oder notwendig sein kann – beispielsweise zur Selbstfürsorge. Gleichzeitig weist Sara darauf hin, dass bewusstes Disengagement ein Privileg darstellt, das nicht allen Menschen offensteht (z. B. aus finanziellen Gründen im Berufskontext).
00:36:13 – Einladung zum bewussten Disengagement im Dezember
Zum Ende lädt Sara ihre Zuhörer*innen ein, im Dezember bewusst zu entscheiden, woran sie teilnehmen möchten und wovon sie Abstand nehmen wollen – insbesondere in stressigen Feiertagszeiten. Sie betont: Engagement geht nicht um Quantität, sondern um Qualität, also um die bewusste, emotionale und sinnvolle Teilhabe an den Dingen, die wirklich guttun.
00:38:14 – Ausblick auf 2026
Zum Abschluss verrät Sara, dass sie zum ersten Mal für das kommende Jahr eine Podcast-Jahresplanung erstellt hat. Es werden erneut vielfältige, evidenzbasierte Themen und spannende Gäste erwartet – und natürlich wieder kleine persönliche Geschichten aus ihrem Alltag. Sie verabschiedet sich mit dem Wunsch, dass alle Zuhörer*innen das Jahr entspannt abschließen.
00:00:25 Sara Mohr: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Evidenz auf die Ohren, eurem Podcast für evidenzbasierte Praxis in der Ergotherapie. Mein Name ist Sara Mohr und ich möchte mit euch heute die Jahresabschlussfolge von Evidenz auf die Ohren gemeinsam gestalten. Ich habe ein Thema mitgebracht, über das ich schon ganz, ganz lange mal eine Folge machen wollte, weil es eins meiner Lieblings-Ergo-Themen ist. Nämlich das ist Engagement. Bevor wir da reingehen, machen wir aber einen kleinen Jahresrückblick über den Podcast, über Ergo unterwegs. Und bevor wir das machen, möchte ich ganz dringend auf eine wichtige Kritik eingehen, die an mich herangetragen wurde. Es wurde berechtigte Kritik an meiner Podcast-Gestaltung geäußert. Grüße gehen an dieser Stelle raus an Connie, die so mutig war, das anzusprechen.
[00:01:17] Sie hat mir nämlich bewusst gemacht, dass ich euch in der letzten Folge mit einem ganz gemeinen Cliffhanger habe hängen lassen. Und das war mir nicht bewusst. Und ich möchte mich an dieser Stelle offiziell dafür entschuldigen und versuche es wieder gut zu machen. Ich habe in den Geschichten aus dem Alltag in der letzten Folge davon berichtet, dass es bei mir im Schlafzimmer gepiept hat. Und ich mich auf die Suche nach der Quelle des Piepens begeben habe und dabei auf eine vielleicht etwas verwirrte, aber trotzdem sehr freundliche Person getroffen bin, die mir versucht hat zu helfen im Nebenhaus, in dem Bürogebäude, von wo ich dachte, dass das Piepsen kommt, die mir aber schlussendlich nicht helfen konnte. Aus deren Büro kam das Piepsen nicht. Und da habe ich die Geschichte enden lassen. Und wahrscheinlich wurde mir jetzt, mir wurde jetzt bewusst gemacht, wahrscheinlich lebt ihr seitdem in ständiger Anspannung, könnt nicht mehr schlafen, weil ihr nicht wisst, wie es ausging.
[00:02:18] Das tut mir echt leid. Ich habe mit dieser Dame, die mir da so nett geholfen hat, gemeinsam rausgefunden, dass es noch ein Zimmer gibt, das quasi sich die Gebäudewand mit meinem Schlafzimmer teilt. Und das war ein oder ist ein Lagerraum von einer Putzfirma, Reinigungsfirma, die da ihre Reinigungsmittel lagern. Und die Dame meint aber auch, sie kennt die Leute nicht, die sind wohl nur ganz selten da, um halt Lieferungen abzustellen oder Material abzuholen. Und auf Klopfen hat auch niemand aufgemacht. Ich habe mich dann auf eine kleine Internetsuche begeben, um herauszufinden, welche Firma das ist. Und habe da angerufen bei denen in der Hotline. Eine Hotline, wo man sonst eben Reinigungsmittel bestellen kann. Dann habe ich angerufen und mein Anliegen bezüglich des Piepsens geschildert. Und die Frau am Telefon war sehr irritiert, weil sie hatte offensichtlich so eine Anfrage noch nicht gehabt in der Hotline. Und hat mir auch erst mal nicht geglaubt. Dachte, glaube ich, dass das ein Scherz sein soll. Aber ich weiß auch nicht, warum man solche Scherze machen sollte.
[00:03:21] Erst als ich gesagt habe, dass es durchaus sein könnte, dass dieses Piepsen so ein bisschen wie so ein Rauchmelder, der irgendeine Störung hat oder wo die Batterie leer ist, dass das das sein könnte, wurde sie hellhörig. Und hat gesagt, sie klärt das und sie schickt jemanden vorbei, um im Zimmer zu schauen. Weil je nachdem, was die da gelagert haben, ist es ja auch echt nicht gut, wenn da irgendwas unsicher ist. Und ich hatte da nur noch zwei Nächte Piepsen und dann hörte es auf. Ich weiß nicht, wie befriedigend das Ende dieses Cliffhangers nun ist. Ich weiß nicht, woher das Piepsen kam. Ob es tatsächlich der Rauchmelder war und die da wirklich geguckt haben oder ob es irgendwas anderes war. Aber wir können jetzt alle damit abschließen, dass ich wieder gut schlafen kann nachts. Das einmal dazu und dann möchte ich mit euch gerne einmal zurückschauen auf Evidenz auf die Ohren in 2025. Ich habe mir gerade mal so ein bisschen unsere Podcast-Statistiken angeguckt, die man bei unserem Host sehen kann. [00:04:28] Wir haben in diesem Jahr elf Folgen aufgenommen mit ganz vielen tollen Gästen. Unter anderem zu dem Thema Depressionen, Resilienz, Neurofeedback, Betätigungswünsche, Feminismus, psychische Erkrankungen, Hausbesuche, Choosing wisely bzw. evidenzbasierte Praxis, Gartentherapie, Mittellinienkreuzung, soziale Ergotherapie. Ich finde, man kann sagen, es war sehr bunt und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Insgesamt wurden alle diese Folgen in diesem Jahr über 18.000 Mal heruntergeladen. Und als ich die Zahl gesehen habe, Leute, das macht was mit mir. Das macht mir ein bisschen Angst. Das macht mich aber auch sehr froh. Vielen, vielen Dank, dass ihr so treu zuhört und so fleißig den Podcast hört und auch immer wieder so liebes Feedback gebt. Das macht mir sehr viel Freude, mit und für euch zu podcasten.
[00:05:30] Eine letzte Zahl im Jahresrückblick, wenn man sich alle unsere Folgen aus allen Jahren am Stück anhören würde, kann ja mal jemand machen, dann wäre man einen Tag und elf Stunden beschäftigt. Also 35 Stunden durchgängig Podcast. Wenn das jemand von euch macht, wenn von euch jemand so einen 35-Stunden-Dauer-Podcast macht, sagt bitte Bescheid. Ich möchte an diesem Event in irgendeiner Form teilhaben. Wenn wir schauen, wie das Jahr für Ergo unterwegs war, dann gucke ich da auch auf ein sehr schönes Jahr zurück. Es sind ein paar neue Fortbildungsthemen aufgekommen, beziehungsweise ich dürfte zu ein paar neuen Themen Workshops geben. Zum Beispiel das Thema Flow war dieses Jahr wirklich beliebt bei euch. Das hat mir echt Spaß gemacht. Sowohl online mit dem Thema, wie kriege ich eigentlich mehr Flow und mehr Betätigungsbalance in meinen Ergo-Alltag, als auch, wie kriege ich eigentlich mehr Flow in den Alltag von meinen Klientinnen und Klienten,
[00:06:31] als auch in Präsenz-Workshops mit Flow für das ganze Team. Da werde ich auch nächstes Jahr noch ein bisschen was zu machen. Also wenn das ein Thema ist, was euch anlacht, gibt es das auch nächstes Jahr wieder, weil mir das dieses Jahr so viel Freude gebracht hat. Ich dürfte außerdem auf ganz vielen Inhouse-Schulungen unterwegs sein. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn man meine Instagram-Story sieht, dann sind es einfach nur Bilder, wie ich in der Bahn sitze, um zu verschiedenen Praxen und Ergo-Einrichtungen zu fahren und gemeinsam da Betätigung ins Zentrum zu stellen, in allen Farben, Formen und Facetten. Außerdem gab es dieses Jahr noch drei spannende neue Dinge. Einmal gibt es seit diesem Jahr eine neue Online-Fortbildung, wo wir schauen, wie wir Ergo-Modelle eigentlich in die Praxis reinkriegen und ob das Kunst ist oder weg kann. Und die hat euch dieses Jahr so gut gefallen und war so erfolgreich, dass es die nächstes Jahr noch zweimal geben wird. Einen Sommerkurs und einen Winterkurs. Könnt ihr euch auf der Homepage anschauen.
[00:07:33] Außerdem habe ich mich vor ein paar Monaten was getraut und habe, ich bin ja seit Anfang des Jahres Coach für Gesundheitsberufe und habe mich getraut, dieses Coaching-Angebot jetzt auch auf die Homepage zu stellen. Und ihr Ergos da draußen seid so toll und so lieb, dass ihr das tatsächlich auch bucht. Mehrere Praxisinhabende haben sich bei mir gemeldet und haben zum Beispiel Coaching-Pakete für ihre Mitarbeitenden gebucht. Einmal sogar als Weihnachtsgeschenk fürs Team. Finde ich echt eine sehr schöne Aktion. Freue ich mich, wenn wir da gemeinsam in Coachings auch unterwegs sind. Und ich glaube, mein Highlight des Jahres war, wie auch letztes Jahr schon, dieses Jahr wieder der Ergo-Retreat. Der war jetzt vor ein paar Wochen erst. Ihr erfahrt hier als erstes Brühwarm, wie es war. Ich erzähle es euch. Wir sind Ende November, sind Amy Orellana und ich gemeinsam mit 14 tollen Ergos ins Grüne gefahren. In eine richtig schöne Unterkunft,
[00:08:35] wo wir mit Vollverpflegung sehr fein versorgt wurden und haben da gemeinsam erzählt, reflektiert, Yoga gemacht, meditiert, sind zum Sonnenaufgang spazieren gegangen, haben unsere Berufsidentität entdeckt oder wiederentdeckt und drei ganz, ganz, ganz tolle Tage miteinander verbracht. Und das war für Amy und mich letztes Jahr schon magisch und das war dieses Jahr auch wieder magisch. Und so langsam unterstützt ihr alle, die ihr da euch für diese Retreats interessiert und da hinkommt, uns darin, Amy und mich darin, dass wir mutig genug sind, zu sagen, ja, wir machen das vielleicht echt regelmäßig. Also zumindest nächstes Jahr wird es auf jeden Fall wieder ein Ergo-Retreat geben. Wir suchen gerade nach Location und Datum. Und wenn ihr das auf keinen Fall verpassen wollt, dann findet ihr in den Shownotes nochmal einen Link für die Vorfreude-Liste.
[00:09:36] Vorfreude-Liste heißt, ihr könnt da einfach eure E-Mail-Adresse eintragen und alles, was passieren wird, ist, sobald Ort und Zeit feststehen, kriegt ihr einmal eine Info-E-Mail. Dann verpasst ihr das nicht und könnt es direkt buchen. Wir begrenzen nämlich die Plätze. Wir wollen den Retreat nicht zu groß werden lassen, mehr als 15 Leute, dann wird es so eine Großveranstaltung und gibt euch und uns, glaube ich, nicht mehr den Raum, den wir da so gerne mit euch schaffen möchten. Das ist nämlich immer noch schön und gemütlich und privat so ein bisschen auch bleibt. Ich würde mich total freuen, wenn wir uns dann nächstes Jahr sehen. Alle Infos kriegt ihr dann, wenn ihr in der Vorfreude-Liste steht. So, und jetzt höre ich auf mit Rückblick. Jetzt möchte ich mit euch über das Thema sprechen, das ich mitgebracht habe. Ich habe mir für die Jahresabschlussfolge gedacht, ich möchte ganz egoistisch ein Thema auswählen, das ich selber einfach spannend finde. Ich finde immer alle Themen spannend, über die wir hier reden und finde es auch immer spannend, einfach auf eure Themenvorschläge einzugehen.
[00:10:39] Aber jetzt so Ende vom Jahr, ich weiß nicht, wie es bei euch ist. Bei mir ist so ein bisschen auch die Luft raus. Und ich habe gesagt, hopp, komm, dieses Thema steht jetzt, glaube ich, seit zwei Jahren auf meiner Themenliste drauf, weil ich es draufgeschrieben habe. Wir nehmen es uns jetzt einmal vor. Ich möchte mit euch über Disengagement sprechen und ich möchte euch einladen, für dieses Thema nichts vorzubereiten. Ihr braucht euch jetzt auch nicht nochmal irgendwie einen Tee holen oder euch irgendwie Notizen machen. Ihr müsst euch nicht einen besonderen Moment suchen, um diese Folge zu hören. Ich erwarte auch nicht, dass ihr irgendwas anderes, Besonderes für diese Folge jetzt tut. Ich erwarte nicht, dass ihr für diese Folge besonders engaged seid. Und mit diesem Vorgeplänkel möchte ich euch fragen, wie sich das anfühlt, wenn an euch nicht die Erwartung herangetragen wird, jetzt irgendwie besonders an dieser Folge teilzuhaben.
[00:11:43] Ist vielleicht im ersten Moment nicht besonders einladend. Vielleicht wird einem aber auch so ein bisschen der Druck genommen, dass jetzt irgendwas Besonderes passieren muss oder man irgendwas tun oder beitragen muss. Und weil ich dieses Phänomen so spannend finde, dieses Disengagement, das auf der einen Seite einem irgendwie Druck nimmt, auf der anderen Seite aber auch irgendwie jetzt erstmal nicht so einladend wirkt, möchte ich mir das mit euch anschauen, weil mir auch oft auffällt, wie wild wir Ergos in unseren Therapien auch so darauf sind, dass alle immer 24-7 engaged sind. Also wir sind engaged, die KlientInnen sind alle sowieso immer engaged. Oder sollten es zumindest sein, also das ist doch auch irgendwie ganz oft unsere Erwartungs- oder Anspruchshaltung, dass alle Menschen immer so viel wie möglich teilhaben wollen an irgendwas. Und das ist doch irgendwie komisch, dachte ich mir.
[00:12:45] Bevor wir jetzt über Disengagement sprechen, ist es glaube ich ganz spannend, erstmal zu verstehen, was denn Engagement ist oder was wir in der Ergotherapie oder in der Occupational Science vor allem damit meinen, wenn wir über Engagement sprechen. Die Begrifflichkeit an sich zu definieren, ist erstmal ein bisschen schwierig, da gehen wir gleich nochmal drauf ein. Aber auch mal an euch die Frage, ohne jetzt eine offizielle Definition von Engagement zu haben, wann würdet ihr denn von euch sagen, boah, in dem Moment bin ich total engaged. Und was zeichnet diesen Moment oder diese Momente aus? Und wie verhaltet ihr euch, wenn ihr engaged seid? Was passiert denn da emotional und kognitiv, aber vielleicht auch körperlich? Finde ich ganz spannend, weil selbst wenn man nicht so eine Definition von dem Begriff hat, ich hätte sofort Ideen von Momenten, in denen ich mich aber engaged fühle.
[00:13:46] Und im CMOP-E definieren Townsend und Polatajko Engagement als, in meiner Übersetzung, die breiteste Perspektive auf Betätigung, die wir kennen. Ich war ein bisschen unzufrieden mit dieser Definition. Also Engagement ist die breiteste Perspektive auf Betätigung, die wir kennen. Okay, das heißt Engagement ist jetzt mehr als eine Betätigung ausführen. Es ist breiter. Es geht nicht nur darum, dass ich irgendetwas tue. Townsend und Polatajko sagen, Engagement umfasst alles, was wir tun, um in irgendeiner Form teilzuhaben. Okay, es hat mit Teilhabe zu tun und ist damit ja dann schon mal das Engagement in bedeutungsvollem Betätigen so der Grundstein eigentlich für unser Wohlbefinden und für unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität. Okay, immer noch sehr breit, immer noch sehr schwammig. Der Vorteil von dieser breiten Definition ist, es wird klar,
[00:14:49] Engagement muss nicht unbedingt körperlich sein. Also es geht nicht darum, dass ich mich bewege, um engaged zu sein. Es geht nicht darum, dass ich eine Handlung ausführe, aktiv, um engaged zu sein. Es geht eher um so eine kognitive oder emotionale Teilhabe. Und ihr kennt das bestimmt. Ihr kennt Momente, bei denen ihr total engaged wart, total im Moment wart, bei der Sache wart, ohne direkt die Handlung körperlich auszuführen. Also zum Beispiel auf einem Konzert, wenn man ganz begeistert der Musik zuhört, obwohl man nicht selber die Person ist, die die Musik macht. Aber man hat Teil an diesem Moment der Musik. Oder wenn ihr eurer Lieblingsmannschaft im Fernsehen beim Gewinnen zuschaut. Ihr seid engaged, ohne euch selbst sportlich zu betätigen. Meine liebste Form von Sport. Oder wenn ihr einen spannenden Film schaut oder ein spannendes Buch liest. Ihr seid in der Geschichte involviert. Ihr seid engaged. Und das hat gar nichts damit zu tun, was euer Körper tut.
[00:15:52] Und ich glaube, wir kennen alle diese Momente. Und ich finde es so spannend, dass wir Engagement aus unserer eigenen Alltagserfahrung heraus so identifizieren können. Aber dass die Definition trotzdem so schwierig ist. Übrigens, kleine Sidequest. Bei den Momenten hier auf dem Konzert und beim Lesen, über die wir gerade gesprochen haben, kann es durchaus sein, dass ihr so einen Gedanken hattet, dass Engagement euch irgendwie auch an Flow erinnert. Falls das so ist, habt ihr vollkommen recht. So die ganz frühen Definitionsversuche von Engagement aus den 1980er Jahren beziehen das Flow-Konzept tatsächlich mit ein und bauen teilweise auch drauf auf. Also es wurde ziemlich schnell deutlich, dass Flow und Engaged sein, Engagement, sehr nah beieinander liegen. Man war sich ziemlich schnell auch einig, dass es nicht dasselbe ist. Ich bin nicht immer im Flow, wenn ich engaged bin. Ich kann engaged sein, ohne im Flow zu sein.
[00:16:52] Aber dass die zwei Konzepte schon irgendwie verwandt miteinander sind. Wer übrigens an der Stelle nochmal ein kleiner Werbeblock. Wer mehr über Flow wissen will, wir haben eine Podcast-Folge dazu. Ich glaube Folge 15. und Fortbildung dazu auf der Homepage. Link ist in den Shownotes. Also wenn jetzt Engagement so schwierig zu definieren ist, warum denn überhaupt, können wir es dann nicht einfach lassen. So am Ende vom Jahr ist die Energie doch jetzt auch nicht mehr so groß. Nee, wir können es nicht einfach lassen, weil Engagement zu definieren ist wichtig, damit wir dieses Konzept untersuchen und auch verstehen können. Und um es verstehen zu können, müssen wir es gut von anderen Konzepten abgrenzen können. Und jetzt mal ganz praktisch aus der Ergopperspektive gedacht, für meine Praxis ist es total wichtig, Engagement zu verstehen. Vor allem für die Klientenzentrierung in meiner Praxis. Wenn es dabei nämlich vor allem,
[00:17:53] oder wenn wir Engagement vor allem als was verstehen, das damit zu tun hat, dass ich eine Betätigung aktiv ausführe, dann sind ganz viele unserer Klientinnen und Klienten, können dann scheinbar gar nicht engaged sein. Wenn es also diese Körperlichkeit braucht für Engagement, dann sind es zum Beispiel Menschen im minimalbewussten Zustand oder Menschen mit starken körperlichen Behinderungen oder Menschen mit starken demenziellen Erkrankungen scheinbar nach dieser Definition nicht in der Lage, sich zu engagen oder Engagement zu erfahren. Und das ist ja aber nicht der Fall. Wir wissen, dass auch diese Personen teilhaben können in Handlungen. Und dass es wichtig ist, für die klientenzentrierte Praxis zu verstehen, wie diese Personen, gerade diese Personengruppen teilhaben können. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass es bei Engagement eben vor allem um diese kognitiven und emotionalen Faktoren geht, die dafür sorgen, dass ich mich engaged fühle. Und dafür brauche ich dann als Ergotherapeutin auch das Verständnis,
[00:18:56] dass Engagement was ist, was ich nicht von außen objektiv irgendwie beobachten und beurteilen kann. Ich kann von außen beobachten, wie eine Person oder auch wie gut eine Person eine Betätigung ausführt, aber ich kann nicht sehen, wie sehr sie engaged ist. Das kann ich nur vermuten. Ich kann das nicht von außen beobachten, weil es kognitiv und emotional ist. Und es ist nicht nur kognitiv und emotional, es ist auch abhängig von ganz, ganz verschiedenen Faktoren. Engagement ist abhängig davon, welche Bedeutung die Betätigung für diese eine Person in diesem einen Moment hat. Also wenn ihr zum Beispiel beim Fußballspiel eurer Lieblingsmannschaft engaged seid, dann heißt das nicht, dass ich das auch bin, weil ich kann euch sagen, Fußball hat in meinem Leben echt nicht so eine große Bedeutung. Ich werde beim Fußballschauen nie so engaged sein, wie das richtige Fußballfans sind. Einfach, weil die Bedeutung für mich eine andere ist. Da wird auch deutlich, dass es beim Engagement um ganz individuelle Interessen und Werte geht
[00:19:58] und auch um die Betätigungsgeschichte. Welche Erfahrungen habe ich denn mit dieser Betätigung gemacht und wie beeinflusst das mein Engagement? Aber auch ganz banal von der Tagesform. Wir alle haben Tage, wo wir uns leichter für Dinge motivieren können, wo wir die Teilhabe an bestimmten Betätigungen viel lieber möchten als an anderen Tagen. Also es kommt auch darauf an, wie ich mich heute fühle und wie ich die Betätigung heute empfinde. Und ich habe, weil das jetzt an dieser Stelle, je länger wir drüber reden, umso komplexer wird es irgendwie, habe ich in einem sehr schönen Artikel von Cruz von 2023, ihr wisst alle Artikel immer in den Shownotes verlinkt, habe ich ein schönes Beispiel gefunden, in dem Engagement beschrieben wird von einer jungen Frau, die ein Beispiel aus ihrem Alltag bringt, wo sie sagt, da habe ich Engagement empfunden. Und ich lese euch das einmal in der Übersetzung vor.
[00:21:01] Manche Erlebnisse sind unvergesslich. Und in meinem Leben war eines der vielleicht bedeutendsten aus vielen Gründen das, was 2017 in Aracaju an der Nordostküste Brasiliens geschah. Die letzte Reise, die meine Mutter und ich gemeinsam unternommen haben, bevor sie verstorben ist. Es waren Tage voller Freude und Freundschaft. Sonnige Tage für mich, an denen ich das Meer wieder besuchen konnte, nachdem wir uns 18 Jahre lang nicht gesehen hatten. Denn als Person mit einer Querschnittslähmung, die einen elektrischen Rollstuhl benutzt, zeigt mir das Leben in so unzugänglichen Städten wie unserer, wie sehr ich als Mensch mit einer Behinderung auch sozial unsichtbar bin und auf so viele Dinge verzichten muss. Ich bin glücklich, dass ich Menschen begegnet bin, die so inklusiv sind wie die, die ich in Aracaju getroffen habe und die mir so viele Entdeckungen ermöglicht haben. Durch sie konnte ich einen Rollstuhl benutzen, der für die Fortbewegung auf dem weichen Sandstrand geeignet war.
[00:22:03] Ich konnte wieder ins Meer gehen, das Wasser auf meinem Körper spüren, den Geschmack des Meeres schmecken, die Sonne auf meiner Haut brennen spüren, die Brise im Gesicht und den salzigen Sand an meinem Körper. Ich konnte surfen und lachen und ein bisschen Angst haben. Ich konnte das Lächeln von jemandem sehen, der nicht einmal erahnen konnte, wie glücklich ich war. Diese Erfahrungen halten mich am Leben. An diesem Beispiel, finde ich, wird gut deutlich, dass eben Engagement nicht von körperlichen Möglichkeiten abhängt, sondern davon, wie die Betätigung und die Situation vom Individuum wahrgenommen wird. Und ich finde auch, dass an diesem Beispiel sehr schön deutlich wird, dass Engagement nicht nur nah am Flow ist, so vom Konzept her, sondern auch nah an Achtsamkeit.
[00:23:03] In der Occupational Science haben wir dafür auch den Begriff Occupational Presence, also im Moment präsent sein und alles wahrnehmen, was diese Betätigung für mich ausmacht und für mich so wertvoll macht. Wir können das jetzt hier nicht, Überraschung, wir können das in diesem Podcast jetzt nicht abschließend klären und definieren, aber es wird deutlich, dass Engagement erst mal wie ein sehr positives Konzept erscheint. Und das auch ziemlich deutlich wird, warum das in der Ergotherapie uns so wichtig ist, dass unsere KlientInnen in ihrem Alltag die Möglichkeit haben, sich zu engagen und teilzuhaben an bedeutungsvollen Betätigungen. Aber heißt es jetzt, dass Disengagement, also das Gegenteil, automatisch schlecht ist, also wenn ich nicht an einer Betätigung teilhabe. Ich glaube nicht, dass es automatisch schlecht ist. Ich frage mich, ob Disengagement, also sich emotional und kognitiv aus einer Betätigung zurückzuziehen, nicht sogar
[00:24:04] ein wichtiger Coping Skill sein könnte. Coping Skills, also Fähigkeiten, die Menschen nutzen, um zum Beispiel mit Stress oder unangenehmen Situationen umzugehen, die werden oft in funktional und dysfunktional eingeteilt. Also Coping Skills, die eher hilfreich sind, um mit etwas umzugehen und Coping Skills, die eher weniger hilfreich sind. Aber es lässt sich nicht per se sagen, dieser Coping Skill ist funktional und der ist dysfunktional. Wir machen jetzt mal ein Beispiel. Von einer Betätigung, bei der ich merke, dass die mich nur stresst und unter Druck setzt, zu disengagen, das muss ja nicht automatisch dysfunktional sein, sondern kann im Gegenteil zu einer Erleichterung bei mir führen und auch dazu, dass ich mehr Energien habe für andere Betätigungen und meine Energien eben auf diese lohnenderen Betätigungen richten kann. Ob Disengagement funktional oder dysfunktional ist, ist sicherlich auch davon abhängig, in welchen Situationen, bei welchen Betätigungen Disengagement zum Einsatz kommt.
[00:25:04] Ob das vielleicht Situationen sind, die ich aktiv hätte beeinflussen oder verändern können oder nicht. Zum Beispiel im Urlaub sich gedanklich und emotional was alle, von allem, was mit der stressigen Arbeitssituation zu tun hat, mal zu disengagen. Da mal gedanklich und emotional nicht in der Arbeitssituation zu sein, das kann, glaube ich, sehr gesund sein. Aber wenn ich dauerhaft, auch während der Arbeit, gedanklich, emotional, kognitiv von der Arbeitssituation disengage, das wäre natürlich über längere Zeiträume eher dysfunktional und würde eher nach einer anderen Coping-Strategie rufen. Ich habe noch eine schöne Studie gefunden von 2023, die hat sich Engagement und Disengagement von Personen mit prämenstruellem Symptom angeschaut und die kamen zu dem Ergebnis, dass Menschen mit starkem PMS ganz bewusst phasenweise von bestimmten Betätigungen disengagen.
[00:26:05] Weil sie wissen, wenn ich in dieser hormonellen Phase bin und ich gehe zum Beispiel in diese bestimmte Form der sozialen Interaktion, dann wird das immer in einem Streit eskalieren. Ich kann diese Form der Gespräche zum Beispiel mit meinem Partner in dieser hormonellen Phase nicht führen und ich entscheide ganz bewusst, da nicht emotional und kognitiv reinzugehen in diese Situation. In dem Moment klingt das für mich wie ein sehr funktionaler Copingskill. Aber natürlich ist uns auch allen klar, dass dauerhaftes Disengagement von immer mehr Betätigung, das ist ja so das Rezept für sozialen Rückzug, für Betätigungsdeprivation und gegebenenfalls auch Depressionen und andere psychische Probleme, die da auftreten können. Ich muss also irgendwo eine Balance finden zwischen Engagement und Disengagement. Und die schönste Beschreibung dieser beiden Seiten von Disengagement, dass es irgendwie was Positives haben kann, aber auch in seinem Übermaß so eine Gefahr in sich birgt. Die habe ich in der Studie
[00:27:07] von 2012 gelesen. Und ihr wisst, ich bemühe mich sonst immer so ganz neue Studien hier für euch rauszukramen. Aber ich habe diese Studie, wann habe ich die denn entdeckt? Ich glaube 2020 habe ich die zum ersten Mal gelesen und das ist vielleicht meine Lieblingsstudie, wenn ich sowas habe. Aus dem einfachen Grund, weil die, ihr müsst die mal lesen, die ist sehr schön geschrieben. Also ich lese ja Studien nicht, weil ich mich wie in einem Roman unterhalten fühlen möchte, sondern weil ich einen Wissensgewinn haben möchte. Aber der Schreibstil in dieser Studie ist so angenehm, dass man das wirklich einfach so weglesen kann. Das ist total schön. Aber wir reden noch mal über den Wissensgewinn aus dieser Studie. Die ist von Sutton et al., wie gesagt, aus 2012. Und was die gemacht haben, ist, die haben 13 Personen mit psychischen Erkrankungen befragt in Interviews. Und die Personen haben alle von sich selbst gesagt, sie sind gerade auf dem Weg der Besserung nach einer schweren Phase
[00:28:07] der psychischen Erkrankung. Also gerade wieder so in so einer Recovery-Phase. Und sie beschreiben, diese 13 Personen beschreiben in diesem Recovery-Prozess, den sie gerade durchlaufen haben, verschiedene Formen des Engagements. Und zwar entlang von einem Kontinuum, von quasi von vollem Engagement auf der einen Seite zu komplettem Disengagement auf der anderen Seite. Und die sagen also, Engagement kann einfach verschiedene Ausprägungen haben. Am einen Ende dieses Kontinuums steht das volle Engagement. Und da beschreiben sie tatsächlich Dinge, die sehr nach Flow klingen. Von vollständigem Aufgehen in der Betätigung, ganz bei dem sein, was man tut, alles um sich herum vergessen, die Zeit vergessen, sich selbst vergessen. Das ist das volle Engagement. Daneben so ein bisschen weiter zur Mitte des Spektrums hin, des Kontinuums hin, steht das alltägliche Engagement, Everyday Engagement. Da sagen sie,
[00:29:07] na dann, wenn ich Everyday Engagement habe, dann habe ich zielgerichtetes Handeln, ich fühle mich wohl, ich kann gesellschaftliche Erwartungen erfüllen, aber ich bin mir auch meiner eigenen Erwartungen bewusst und kann die auch erfüllen und handele alltäglich zielgericht. Auf der, in Richtung der anderen Seite des Kontinuums taucht dann das teilweise Engagement auf, Partial Engagement. Und da beschreiben die Personen, okay, in dieser Engagement-Form fühlt sich Handeln schwer an und merkwürdig. Also sie sagen, awkward, es fühlt sich, es fühlt sich merkwürdig an, zu handeln. Und man sucht irgendwie Betätigungen, die einem Sicherheit geben, die sehr routinehaft sind, die sich wiederholen. man kümmert sich vor allem um die Dinge in der direkten Umgebung, die halt nun mal getan werden müssen. Und gesellschaftliche Erwartungen und auch soziale Kontakte werden eher als unangenehm
[00:30:09] empfunden und gemieden. Also es geht mit so einem Rückzug von bestimmten Betätigungen einher, dieses Partial Engagement. Und dann ganz am anderen Ende des Kontinuums gibt es das Disengagement. Und die meisten Teilnehmenden haben diese Phase beschrieben. In ihrer Genesungsphase haben sie gesagt, gab es Phasen, in denen sie sich völlig von der Welt der alltäglichen Haltung zurückgezogen haben. Und ich möchte euch auch dazu wieder vorlesen, wie das in dieser Studie beschrieben wird, in meiner eigenen Übersetzung. Weil ich finde es sehr gut deutlich, wie diese zwei Seiten von Disengagement deutlich werden. Also Zitat aus der Studie. June beispielsweise beschrieb einen völligen Mangel an Handlungsfähigkeit und ein Gefühl der Entfremdung vom täglichen Leben. Ich liege einfach nur Tag und Nacht im Bett. Ich mache gar nichts. Ich nehme nichts wahr. Ich will auch niemanden sehen.
[00:31:11] Ich will mit niemandem reden. Ich möchte nichts tun. Ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden und da liegen. In diesem Modus des Nichtstuns verloren die Teilnehmenden jegliche Absicht, in der Welt zu sein und fühlten sich taub und schwer. Der Alltag verlor seinen Sinn. Disengagement setzte für die Teilnehmenden, die sich zwischen leerer Distanziertheit und einer scharfen Sensibilität für die Anforderungen der Alltagswelt gefangen sahen, jegliche Bewegung von Zeit und Raum außer Kraft. Das Bewusstsein der Teilnehmenden war weitgehend auf die Bedrohung durch die Anforderungen der Alltagswelt ausgerichtet, auf die sie nicht reagieren konnten. Aber trotz der existenziellen Auseinandersetzung mit dem Verlust des Selbst und des Alltagsbewusstseins deuteten die Berichte
[00:32:11] der Teilnehmenden auch darauf hin, dass Disengagement ein Zufluchtsort schaffen konnte, der Schutz vor den Anforderungen des Alltags bot. Weitere Rückschläge verhinderte und Raum für Reflexion und die Wiederverbindung mit dem grundlegenden Sein ermöglichte. In diesem abgeschiedenen Raum des Disengagements hatten alltägliche Angelegenheiten keine Bedeutung und die Teilnehmenden mussten sich mit tieferen Fragen von Verzweiflung und Hoffnung, von Sorglosigkeit und Fürsorge, von Passivität und aktiver Verantwortung auseinandersetzen. Mehrere Teilnehmende beschrieben einen Wendepunkt, an dem sie erkannten, dass es etwas in ihrer Alltagswelt gab, für das es sich zu leben lohnte. Hoffnung fanden sie in der Möglichkeit, sich für eine Sache einzusetzen und sich ihr ganz zu widmen, beispielsweise für ein bestimmtes Anliegen,
[00:33:12] einen Glauben oder eine wichtige Beziehung. Paradoxerweise schuf die Reduzierung des Alltagslebens und die Loslösung von Routinen Raum für Neuorientierung, Perspektivgewinn und die Wiederverbindung mit den elementaren Grundlagen des täglichen Lebens. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde es total spannend zu sehen, dass auch Zustände von so einem krassen, starken Disengagement Raum geben können für eine positive Wirkung. Finde ich, hätte ich, also hatte ich nicht in dieser Deutlichkeit auf dem Schirm, bevor ich diese Studie gelesen habe, aber ich finde, es klingt nachvollziehbar, weil schlimmer als Disengagement ist wahrscheinlich nur dazu gezwungen zu werden, an etwas teilzuhaben, an dem man gerade nicht teilhaben will. Also erzwungenes Engagement fühlt sich wahrscheinlich noch schlimmer
[00:34:13] an als bewusst gewähltes Disengagement. Was heißt denn das jetzt für uns Ergos? Wir bewegen uns ja jetzt irgendwie hier wieder so auf dieser Meta-Ebene im Raum der Konzepte und Occupational Science-Gedanken. Ich finde, wir dürfen uns als Ergos ganz bewusst und gemeinsam mit unseren Klientinnen und Klienten angucken, okay, bei welchen Betätigungen wünschen sie sich denn Engagement, weil es ihnen gut tut und wo ist Disengagement, also emotionaler und kognitiver Rückzug, vielleicht auch angebracht. An der Stelle fällt mir jetzt gerade ein, das ist, glaube ich, noch wichtig zu sagen, dass Disengagement von Betätigung auch ein krasses Privileg sein kann. Also sich bewusst entscheiden zu können, ich möchte an dieser und jener Betätigung einfach nicht mehr teilhaben, ich möchte es nicht mehr machen, das ist ein krasses Privileg.
[00:35:13] Zum Beispiel Disengagement von einer Arbeitsstelle, an der ich mich nicht wohlfühle, ist für viele Menschen aufgrund der finanziellen Risiken keine Option. Für die Ergotherapie finde ich es total spannend und hilfreich, Disengagements zu kennen und auch von beiden Seiten betrachten zu können. Also von dieser positiven Seite, wo Disengagement einfach Raum schafft für Erholung, Raum, um sich wieder mit sich selber zu verbinden und auch herauszufinden, was ist mir eigentlich grundlegend wichtig im Leben, aber auch natürlich mit der Gefahr, dass wenn Disengagement über einen längeren Zeitraum oder bei immer mehr und mehr Betätigung auftritt, wir uns einfach sehr schnell in Richtung der Betätigungsdeprivation mit allem, was damit einhergeht, bewegen. Generell ist es wahrscheinlich sehr, sehr spannend, sich mit KlientInnen gemeinsam immer wieder diese Fragen zu stellen. Bei welchen Betätigung ist es denn jetzt zuträglich, für das Wohlbefinden und die Lebensqualität engaged zu sein und bei welchen möchte ich mich ganz bewusst
[00:36:13] für Disengagement entscheiden. Und damit möchte ich euch in dieser Dezember-Folge auch zu ein bisschen Disengagement einladen. Für viele Menschen stehen im Dezember so Feierlichkeiten und Traditionen rund um Weihnachten an und vielleicht gibt es da Betätigungen, bei denen ihr jetzt schon voller Vorfreude seid, daran teilzuhaben, da kognitiv und emotional voll involviert zu sein. Vielleicht gibt es aber auch Betätigungen, von denen ihr dieses Jahr ganz bewusst disengagen möchtet, weil es sich für euch besser anfühlt. Weil wir uns nicht betätigen müssen, einfach weil wir das schon immer so gemacht haben, sondern weil wir bewusst wählen dürfen, welche Betätigung tut mir jetzt gerade gut und welche vielleicht auch nicht. und wo braucht es vielleicht auch so einen kleinen Raum der Leere
[00:37:14] und des Wieder-zu-sich-Kommens und der Reflexion und Besinnung. Weil, das können wir vielleicht mitnehmen aus dieser Folge, ist bei Engagement und Teilhabe nicht um Quantität geht und mehr ist immer besser, sondern um die Qualität des Engagements und um unsere kognitiven und emotionalen Empfindungen im Handel. So, gucke, jetzt sind wir in dieser Folge doch viel besinnlicher geworden, als ich es ursprünglich geplant hatte. Ich hoffe, ihr fandet dieses Thema genauso spannend wie ich. Ich möchte als kleinen Spoiler für nächstes Jahr schon mal mit euch teilen, dass ich zum ersten Mal, ist ein bisschen peinlich, passt auf, wir machen die peinliche Geschichte aus dem Alltag jetzt am Ende, ich mache zum ersten Mal, es gibt diesen Podcast seit vier Jahren, glaube ich, ich mache zum ersten Mal eine Jahresplanung. Das heißt, ich überlege mir jetzt gerade, ich frage ganz viele Leute an, ob sie Gäste sein möchten
[00:38:14] im Podcast nächstes Jahr. Ich plane schon Themen anhand der Wünscheliste, die ich von euch immer sammle und mache gerade die Planung fürs nächste Jahr und das macht mir gerade sehr, sehr, sehr große Vorfreude. Es wird wieder genauso bunt wie auch dieses Jahr, darauf könnte ich euch verlassen. Es wird wieder genauso evidenzbasiert und es wird weiterhin spannende Cliffhanger aus meinem Alltag geben oder weniger spannende. Ich hoffe, ihr könnt dieses Jahr ganz entspannt abschließen. und freue mich darauf, euch nächstes Jahr wieder zu hören.
Die Studie in Bildern

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