#33 - Evidenzbasiert unterwegs mit Sabine Brinkmann

Mit “Choosing Wisely” liefert die AOTA 10 evidenzbasierte Empfehlungen für Do’s und Dont’s in der Ergotherapie. Von Betätigungsprofilen, über Vibration, Hirnleistungstraining und Seilzüge, bis hin zum Gangtraining werden die verschiedensten Therapieinhalte auf den Prüfstand gestellt! 

Geschichten aus dem Alltag: Sabine fährt Fahrrad in Ostfriesland und Sara füttert Bienen.

Lust auf mehr Evidenz für dein Team?

Hier geht es zur Homepage der DGEW mit der Arbeitsgruppe Leitlinien und Evidenzbasierte Praxis.

Hier geht zu Choosing Wisely bei der AOTA.

Und hier zu Smarter Medicine beim schweizer Verband EVS.

00:00:25 Begrüßung und Vorstellung
In dieser Folge von „Evidenz auf die Ohren“ begrüßt Sara Mohr die Ergotherapeutin Sabine Brinkmann, die als Lehrkraft an der Hochschule Osnabrück tätig ist. Sabine bringt umfangreiche Erfahrung im neuro­logischen Bereich mit und engagiert sich insbesondere für evidenz­basierte Praxis und Leitlinienarbeit in der Ergotherapie.

00:01:32 Einstieg: Evidenzbasierte Praxis und Leitlinien
Sara und Sabine sind beide Mitglieder der AG Leitlinie und evidenzbasierte Praxis der Deutschen Gesellschaft für Ergotherapiewissenschaften (DGEW). Sie berichten von ihrem Engagement, Ergotherapie evidenzbasierter zu gestalten und daran mitzuwirken, die Leitlinienentwicklung zu verbessern, sodass diese enger an den Praxisalltag angelehnt sind.

00:06:25 Die „Choosing Wisely“- und „Smarter Medicine“-Initiative
Sabine stellt die internationale Initiative „Choosing Wisely“ vor, die in den USA seit 2018 unter dem Dach der American Occupational Therapy Association (AOTA) 10 Praxis­empfehlungen für die Ergotherapie entwickelt hat. Die Empfehlungen werden jährlich überprüft und angepasst. Besonders interessant: Auch der Schweizer Ergotherapie-Verband (EVS) beteiligt sich und hat im April 2025 eigene „smarter Medicine“-Empfehlungen mit einer Fokussierung auf die nationale Relevanz veröffentlicht. Die Empfehlungen basieren teils auf einer Befragung unter Praktiker*innen in der Schweiz.

00:11:50 Relevanz für die Praxis
Im Rahmen eines Vortrags auf dem DVE-Kongress konnten Sara und Sabine die zehn Empfehlungen vorstellen. Im Podcast nehmen sie sich nun mehr Zeit, die Inhalte verständlich und praxisnah zu erläutern.

00:12:53 Praktische Empfehlungen im Fokus

  1. Biete keine Aktivitäten ohne Bezug zu einer Betätigung an. (00:13:33)
  2. Setze keine sensorisch basierten Interventionen ein, ohne zuvor über ein geeignetes Erhebungsinstrument entsprechende Schwierigkeiten dokumentiert zu haben. (00:20:46)
  3. Nutze keine physikalischen Modalitäten, zum Beispiel Vibration, Eisbäder, Paraffinbad und so weiter, ohne diese mit zielgerichteten und betätigungsbasierten Aktivitäten zu kombinieren. (00:25:47)
  4. Verwende keine Seilzüge bei Personen mit einer Hemiplegie an der Schulter.(00:35:23)
  5. Biete keine kognitiven Interventionen, also zum Beispiel Aufgaben mit Papier und Bleistift, Aufgaben am Tisch oder kognitive Trainingssoftware an, ohne direkten Bezug zur Betätigungsperformance. (00:41:42)
  6. Beginne keine Intervention ohne vollständiges Betätigungsprofil des/der Klient*in und gemeinschaftlich festgelegte Ziele. (00:54:19)
  7. Keine Intervention um einschränkendes und sich wiederholendes Verhalten, Aktivitäts- oder Interessensmuster zu reduzieren oder zu eliminieren, ohne die Bedeutung des Verhaltens für die autistischen Personen zu verstehen. (01:12:23)
  8. Keine Reflexintegrationsprogramme für Personen mit persistierenden primären motorischen Reflexen ohne klare Verbindung zu einem betätigungsfokussierten Ziel. (01:20:05)
  9. Verwende bei Personen mit einem gelähmten Arm keine Schlingen, die den Arm über längere Zeit in einer Beugehaltung halten. (01:24:37)
  10. : Biete keine Geh- oder Gangtrainingsmaßnahmen an, die nicht direkt mit der funktionellen Mobilität verknüpft sind.(01:30:27)

00:00:25 Sara Mohr: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Evidenz auf die Ohren, eurem Podcast für evidenzbasierte Praxis in der Ergotherapie. Mein Name ist Sara Mohr und hier bei mir im digitalen Podcast-Studio ist heute nicht Sarah Bühler, sondern Sabine Brinkmann.

00:00:41 Sabine Brinkmann: Hallo, danke für die Einladung.

00:00:45 Sara Mohr: Ja, schön, dass du da bist. Ich freue mich sehr. Magst du dich direkt zum Einstieg einmal kurz vorstellen?

00:00:51 Sabine Brinkmann: Ja, also meinen Namen hast du ja schon gesagt, Sabine Brinkmann. Ich arbeite an der Hochschule Osnabrück als Lehrkraft für besondere Aufgaben und bin schon seit 1999 tatsächlich Ergotherapeutin und mein Weg hat mich zum Bachelor-Studiengang und zum Masterstudiengang gebracht. Und vor allen Dingen ist die Neuro mein klares Steckenpferd.

00:01:16 Sara Mohr: Die Neuro ist ja auch der coolste Fall.

00:01:19 Sabine Brinkmann: Auf jeden Fall. Das merkt man vielleicht gleich auch, dass ich eher was zu Neuro sagen kann als zu anderen Themen. Aber auch die evidenzbasierte Praxis ist ganz klar mein Thema und auch Leitlinien.

00:01:32 Sara Mohr: Mhm, dann bist du hier genau richtig und wir sind uns ja auch in einem ganz evidenzbasierten Kontext begegnet, eigentlich wir zwei. Wir sind nämlich beide Mitglieder von der AG Leitlinie und evidenzbasierte Praxis in der DGEW, der Deutschen Gesellschaft für Ergotherapiewissenschaften. Da treffen wir uns regelmäßig und überlegen, wie wir die Ergotherapiepraxis ein bisschen evidenzbasierter gestalten können und wie wir Leitlinien-Mitarbeit gestalten können in der Ergotherapie. Und da ist etwas rausgefallen.

00:02:15 Sabine Brinkmann: Hat sich daraus etwas entwickelt?

00:02:19 Sara Mohr: Über das wir heute mit euch im Podcast sprechen möchten und über das wir auch schon auf dem letzten DVI-Kongress sprechen durften. Aber bevor wir da thematisch reingehen, machen wir unsere Geschichten aus dem Alltag. Ja, wie war es da in der Alltagshilfe?

00:02:33 Sabine Brinkmann: Ja, also wenn ich ehrlich bin, passiert bei mir im Alltag aktuell gar nicht so viel, weil ich bin jetzt diese Woche im Homeoffice und wenn ich so merke, im Homeoffice spricht man eigentlich ziemlich wenig. Ich muss mich gleich erstmal warm sabbeln, außerdem, außer so Meetings, und wenn mein Freund abends nach Hause kommt, spricht man tatsächlich wenig und man bewegt sich auch deutlich weniger. Tja, also mein Freund muss immer kaputt lachen, wenn ich dann mit ihm rede, weil manchmal fällt einem das dann schwer, wenn man den ganzen Tag vorm PC gesessen hat.

00:03:10 Sara Mohr: Dann muss es abends alles raus, ja, das kenne ich und ich kenne das auch mit der fehlenden Bewegung. Ich habe dann manchmal wirklich abends das Gefühl, ich muss jetzt, und jetzt momentan, wo es so heiß ist, geht das nicht, aber ich muss jetzt irgendwie zappeln, ich muss mich bewegen, ich hab richtig Hummeln im Hintern.

00:03:11 Sabine Brinkmann: Ja, genau. Ich bin gestern Abend tatsächlich mit dem Fahrrad raus, das war echt richtig schön. Also, dann erst so kurz nach neun, und ich wohn ja hier in Ostfriesland und in dem Dorf, in dem ich lebe, ist tatsächlich auch ein kleiner See, und gestern Abend waren dann Jugendliche und auch ältere Personen, die dann tatsächlich noch im See schwimmen waren. Ich nicht. Ich bin nur Fahrrad gefahren, aber das war schon echt toll, auch mit der Abendstimmung und der Wärme.

00:03:51 Sara Mohr: Das klingt sehr idyllisch. Sehr schön, vielen Dank für diese Alltagsgeschichte. Ich hab auch nur eine ganz kleine Alltagsgeschichte dabei. Ich hab nämlich bis eben noch überlegt, ob ich… ich hatte gestern ein sehr spannendes Erlebnis mit der Deutschen Bahn, aber dann hab ich gedacht, nee, kann ich jetzt nicht als Alltagsgeschichte nehmen, weil das prinzipiell schlechte Laune macht, jetzt über die Deutsche Bahn zu schimpfen, und dann ist mir gerade so eine Viertelstunde bevor wir die Aufnahme gestartet haben, etwas total Schönes passiert. Ich sitze hier oben im Arbeitszimmer im Dachgeschoss und wollte das Fenster zur Straße zumachen für die Podcastaufnahme und gehe zum Fenster und sehe, dass auf dem Fensterbrett innen eine Biene sitzt, und die saß da ganz ruhig und hat sich überhaupt nicht mehr bewegt. Ich dachte erst so, ja, ist sie schon irgendwie tot? Es ist wie gesagt sehr heiß draußen, und dann hab ich auch gesehen, nee, sie bewegt sich noch so ein bisschen. Und ich bin ja so… ich mag ja Tiere, egal welcher Art, wenn sie mir begegnen, immer streicheln und anfassen, mein Partner muss mich definitiv aktiv zurückhalten. Und dann kann ich es halt nicht sehen, wenn es so einem Tier nicht gut geht. Dann bin ich runter in die Küche geflitzt und hab auf einem Teelöffel, ich hab den ein bisschen in Honig eingetippt und ein bisschen Wasser drauf gemacht, weil ich dachte, es ist so heiß, vielleicht hat die Biene Durst. Und stand jetzt gerade wirklich fünf Minuten mit einem Teelöffel vor dieser Biene und hab ihr das hingehalten, und sie war herzlich desinteressiert. Ich glaub, die musste sich nur kurz ausruhen. Sie ist dann tatsächlich auf meine Hand gekrabbelt und hat sich da geputzt, und jetzt hab ich sie eben auf dem Balkon rausgesetzt und sie ist dann auch wieder weggeflogen. Aber kurz dachte ich wirklich, wenn man mich jetzt von außen betrachtet, wie ich hier fünf Minuten ganz still vor dieser Biene stehe und so einen Teelöffel mit Honig hinhalte. Und sie wollte einfach nur kurz chillen, hier auf dem Fensterbrett.

00:05:46 Sabine Brinkmann: Ja, bei dem Wetter gar kein Problem.

00:05:48 Sara Mohr: Ja, genau, und jetzt ist sie wieder weggeflogen. Das fand ich heute eigentlich ganz schön, es war ein bisschen entschleunigend.

00:05:55 Sabine Brinkmann: Ja, herrlich, also streicheln würde ich eine Biene jetzt nicht unbedingt.

00:06:02 Sara Mohr: Ja, zum Kuscheln sind die jetzt nicht so geil. Ja, supi, wollen wir ins Thema einsteigen, Sabine?

00:06:11 Sabine Brinkmann: Ja, gerne. Das Thema heißt Choosing Wisely, Best Practice und aktuell Praxis Smart – verschiedene…

00:06:25 Sara Mohr: Genau, also sehr viele klug klingende Namen. Was ist denn die Initiative?

00:06:33 Sabine Brinkmann: Ja, also die Choosing Wisely-Initiative ist tatsächlich eigentlich schon vorbei. Es war ein Projekt, das 2012 bis 2023 lief, das wurde initiiert von der American Board of Medicine Foundation, ich hoffe, ich habe das richtig ausgesprochen. Das Ganze ist in den USA gestartet. Und das Ziel dieser Initiative war ja, unnötige medizinische Leistungen zu reduzieren und die Kommunikation mit Klienten zu verbessern. Und das war erstmal so eine ganz medizinische Geschichte und es hat sich dann tatsächlich weltweit in über 30 Ländern ausgebreitet, mit 700 Empfehlungen und 80 Fachgesellschaften. Also wirklich ein großes Projekt und so richtig zu Ende ist es nicht, weil es wird noch weiter dran gearbeitet, auch wenn jetzt dieses… als Förderprojekt beendet ist.

00:07:34 Sara Mohr: Und der Hintergrund ist ja, glaube ich, immer, so Empfehlungen zu geben, welche Interventionen oder Methoden man nicht mehr anwenden sollte. Jetzt gibt es was Neues, aber so im Sinne von evidenzbasierter Medizin und dann eben auch evidenzbasierter Therapie auch mal zu entscheiden, okay, wofür haben wir denn eigentlich die Evidenzlage, die sagt, das sollten wir nicht mehr tun oder das sollten wir lassen?

00:08:01 Sabine Brinkmann: Richtig, genau. Die Kommunikation ist natürlich eher – also zwischen Patient und Arzt in dem Fall – eher gerichtet auf Dinge, die man tun soll, aber gerade die Behandlung, also medizinische Leistungen, die sich nicht als evidenzbasiert gezeigt hat, aber auch diagnostische Tätigkeiten, also welche Diagnostik man vielleicht nicht unbedingt machen muss, vielleicht jemanden nicht übermäßig zu belasten, oder weil es hierzu keine Evidenz gibt.

00:08:33 Sara Mohr: Ja, sehr cool. Und das kam aus der Medizin und ist dann aber auch irgendwann gelandet bei der AOTA, beim amerikanischen Ergoverband.

00:08:43 Sabine Brinkmann: Genau, die haben sich in diesem Projekt von 2018 bis 2021 beteiligt und haben zehn Praxisempfehlungen herausgebracht. Bei diesen zehn Praxisempfehlungen ist es so, dass die noch weiterhin Bestand haben. Die werden weiterhin auch auf der Internetseite der AOTA veröffentlicht, auch wenn das Projekt jetzt abgeschlossen ist, und die AOTA beschreibt, dass sie jedes Jahr noch mal schaut und reflektiert, sind die nach wie vor noch relevant, sollen wir die so stehen lassen oder verändern sie die? Entsprechend, wie ich das vorhin schon gesagt hab, gab’s auch dann jährlich einen neuen Namen.

00:09:27 Sara Mohr: Genau, das ist super. Ich hab, wie ich dir vorhin schon kurz erzählt hab, die Tage entdeckt, dass der Schweizer Ergoverband, der EVS, mittlerweile auch mitmacht bei diesem Projekt. Und die Schweizer haben jetzt erst im April 2025 ihre Smarter Medicine-Empfehlungen für die Ergotherapie rausgegeben. Die haben sich an den zehn Empfehlungen von der AOTA orientiert und haben dazu aber auch noch mal eine große Umfrage unter Schweizer Praktikerinnen gemacht und haben sich auf fünf von diesen zehn fokussiert und die jetzt auch noch mal als Empfehlung gegeben. Die Links sowohl zum Schweizer Ergoverband, zu den Smarter Medicine-Empfehlungen, aber auch zur AOTA-Seite stellen wir euch in die Shownotes, dann könnt ihr da selber auch noch mal nachschauen. Fand ich ganz spannend. Die Schweizer sind da ganz gut unterwegs; es war aber auch für die ein großes Projekt. Die haben auf der Homepage stehen, die haben 2021 damit angefangen und jetzt 2025 wurde es dann eben veröffentlicht, weil sie natürlich gucken mussten, inwieweit ist es denn für die Schweiz überhaupt relevant, was da am amerikanischen Verband empfohlen wird und was macht da für uns am meisten Sinn?

00:10:40 Sabine Brinkmann: Das passt ja auch so ein bisschen zu dieser Initiative. Und die AOTA fordert ja auch regelrecht, dass die Empfehlungen nicht nur umgesetzt werden sollen, sondern man soll sich halt auch über Gespräche mit Kolleginnen oder halt auf sozialen Medien oder auf Fortbildungen und Konferenzen austauschen. Und das haben wir ja über den DVE-Kongress gemacht, und machen das jetzt über die sozialen Medien als Podcast auch noch.

00:11:07 Sara Mohr: Genau, genau. Und es war, glaube ich… Ich glaube, ich bin nach unserem Vortrag auf dem Kongress von mehreren Leuten angesprochen worden. Dass Leute unsere Folien haben wollten, die wir dann ja auch rausgeschickt haben, aber die auch tatsächlich gesagt haben, ah, das hätte ich gerne noch mal irgendwie ausführlicher. Und dann haben wir gedacht, ja gut, ausführlicher – dann machen wir eine Podcast-Folge zu den zehn Empfehlungen der AOTA. Ja, da frag ich dich direkt ausführlich.

00:11:36 Sabine Brinkmann: Ich hab bis heute Abend Zeit, oder?

00:11:39 Sara Mohr: Ja, man könnte wahrscheinlich über jede einzelne Empfehlung eine komplette Podcast-Folge machen.

00:11:42 Sabine Brinkmann: Oh ja, das wird gleich herausfordernd, also wirklich eine Herausforderung werden, dass wir uns da irgendwie bändigen.

00:11:50 Sara Mohr: Auf jeden Fall. Und beim Kongress – wir hatten ja 120 Minuten Vortrag für zehn Empfehlungen, das heißt, rein rechnerisch hatten wir zwei Minuten pro Empfehlung. Gelungen, aber weil wir ja noch eine Einführung und ein Ende hatten, war es dann noch weniger. Da waren wir sehr schnell, also ein bisschen mehr Zeit dürfen wir uns heute, glaub ich, nehmen.

00:12:05 Sabine Brinkmann: Das ist klasse, ja. Aber wenn ich dann so dran denke, war ich der Teufel und du durftest der Engel sein. Wollen wir das heute so ein bisschen auch wieder machen?

00:12:12 Sara Mohr: Genau. Können wir gerne machen, können wir gerne machen. Wir haben ja versucht beim Kongress, weil ich glaube, wenn dann da so Empfehlungen kommen, so: “Du solltest das und das nicht mehr tun in der Ergotherapiepraxis,” je nachdem können sich da ja Leute auch ein bisschen am Schlips getreten fühlen oder erstmal dann so: “Hä, aber warum denn nicht?” – so ein bisschen in Widerstand gehen. Und du hast ja sehr schön anmoderiert auf dem Kongress auch, dass Leute, die beim Kongress dabei sind und gerne auch Leute, die jetzt diese Folge hören, einfach den Schlips ausziehen…

00:12:42 Sabine Brinkmann: Genau. Nachher wieder anziehen, ne. Bei dem Wetter hat man wahrscheinlich eh keinen Schlips an, aber sich auf jeden Fall nicht auf den Schlips getreten fühlen.

00:12:53 Sara Mohr: Genau, cool, wollen wir einmal starten mit der ersten Empfehlung?

00:12:58 Sabine Brinkmann: Ja, soll ich sie einfach mal vorlesen? Also da muss ich vielleicht noch kurz zu sagen, wir haben die übersetzt und in gewisser Art und Weise sprachlich ein wenig verkürzt. Also, wenn man dann nachher auf der Internetseite schaut, sieht man vielleicht einen etwas längeren Satz, der aber inhaltlich genau das aussagt, was wir jetzt hier auch präsentieren. Ja, die erste ist: “Biete keine Aktivitäten ohne Bezug zu einer Betätigung an.” Das ist die erste Empfehlung.

00:13:30 Sara Mohr: Wir gehen gleich voll rein.

00:13:33 Sabine Brinkmann: Ja, und da ist es so, da haben wir drüber nachgedacht und lange drüber gesprochen. Aktivitäten, was machen wir eigentlich so im Rahmen der Ergotherapie, und wenn man sich so die Schränke und die Einrichtung der Ergotherapie anschaut, haben wir eine ganze Menge Aktivitäten, nämlich so Greif- und Steckmedien zum Beispiel oder Spiele oder Handwerksmaterialien, das sind ja alles…

00:13:57 Sara Mohr: Und der gute alte Therakit? Genau.

00:13:58 Sabine Brinkmann: Schon auch Aktivitäten. Genau, diese Plastikkegel zum Aufeinanderstapeln, die ja alles sein können, oder irgendwelche Schrauben.

00:14:09 Sara Mohr: Oder nicht? Genau, genau. Und jetzt sagt diese Empfehlung, das darf ich alles nicht mehr benutzen.

00:14:17 Sabine Brinkmann: Ja, man mag das erstmal denken, aber da steht: “ja, ohne Bezug”.

00:14:22 Sara Mohr: Genau. Also ich muss jetzt nicht, wir müssen jetzt nicht alle unsere Schränke leerräumen und alles in den Müll werfen. Sondern es heißt ja, ich muss diesen Bezug zu einer Betätigung aufbauen. Und auf dem Kongress hatten wir da auch gesagt, das heißt, ich kann schauen, was haben wir denn für Alltagsgegenstände sowieso schon in der Praxis oder welche Alltagsgegenstände kann ich dann einfach mitbringen in die Praxis oder in die Klinik und dann benutzen. In den Empfehlungen von der AOTA standen dann noch mal vier Tipps drin, die ich jetzt noch mal nachgeschaut hatte, um den Arbeitsplatz betätigungsfreundlicher – nennen die das “occupation friendly” – zu gestalten. Die wollte ich auch noch mal teilen. Die vier Tipps, weil die fand ich eigentlich ganz cool. Die schlagen einmal vor, dass man im Team eine Wunsch-Sammelliste machen soll. Also, welche Alltagsgegenstände wünscht ihr euch denn für die Praxis oder für die Einrichtung? Dann kann man sich gegenseitig vielleicht diese Wünsche auch schon erfüllen. Also wenn jetzt jemand noch ein zweites Bügeleisen zu Hause rumliegen hat, was man eh nicht mehr braucht und jemand hat das auf die Wunschliste geschrieben, dann bringe ich vielleicht meiner Kollegin das Bügeleisen mit, sodass wir ein bisschen Alltagsgegenstände sammeln können in der Praxis. Dann war der zweite Tipp, eine Betätigungschallenge zu machen. Und zwar als Vorschlag, einen Monat auszuwählen, in dem ihr im Team Betätigung ins Zentrum stellt und für jede Woche in diesem Monat gibt es eine Challenge, also zum Beispiel in Woche 1: Wir versuchen jetzt alle in dieser Woche nicht den Steckbaum zu benutzen und dann gucken, was kommen für Ideen auf, wie wird der Steckbaum ersetzt? In Woche 2 versuchen wir alle, kein Therakit zu benutzen, das ist ein bisschen so mit Gamification, auch so ein bisschen: Wer hat es am besten geschafft oder wer hatte die coolsten Ideen, um das zu ersetzen?

00:16:14 Sabine Brinkmann: Werd ich mir schon eine ganz schöne Herausforderungsfreude vorstellen, weil man sich ja dann schon auch wirklich überlegen muss: Und was mach ich stattdessen?

00:16:20 Sara Mohr: Ja, ja, voll, und das geht ein bisschen mit Tipp 3 in dieselbe Richtung. Tipp 3 sagt, man soll bestimmte Therapiematerialien ohne Alltagsbezug in den Urlaub schicken. Also, nächste Woche wird dann eben zum Beispiel das Steckbrett im Urlaub sein und man soll aber vorher im Team schon mal überlegen: Okay, wenn das Steckbrett jetzt nicht da ist – das wird vielleicht auch tatsächlich physisch dann für eine Woche entfernt aus der Praxis – was haben wir als Ersatz? Also was kann ich zum Beispiel tun, welche Alltagsbetätigungen fördern oder fordern ähnliche Funktionen wie zum Beispiel das Steckbrett? Dann kann ich zum Beispiel Obst aus einer Schale nehmen und waschen oder Münzen einzeln aus dem Portemonnaie greifen oder Cremedosen öffnen und schließen. Habe ich ähnliche Bewegungen wie wenn das Steckbrett eingesetzt wird, und dann im Team zu überlegen: Okay, wer ist denn nächste Woche in Urlaub? Ach ja, der Steckbaum! Wie können wir die Urlaubszeit kompensieren, gemeinsam?

00:17:24 Sabine Brinkmann: Ich denk grad drüber nach, das ist mit diesen kleinen Aktivitätsgeräten, die in Urlaub zu schicken, sicherlich ganz gut, aber ich denke da jetzt an die Schaukel oder an die großen Bälle aus der Praxis, das wird dann schon… da braucht es dann auch schon einen großen Urlaubsraum.

00:17:45 Sara Mohr: Ja, und ich glaube aber, die Überlegung, die dann ausgelöst wird, also wenn ich jetzt überlegen muss, okay, wofür benutze ich denn eigentlich die Vier-Punkt-Schaukel oder die großen Gymnastikbälle oder was auch immer? Ich muss noch mal kurz in mein Reasoning reingehen: Warum brauche ich das denn eigentlich? Und dann der Schritt, den ich machen muss: Wie könnte ich es ersetzen durch eine Alltagsbetätigung, ist ja voll die praktische Überlegung, weil es mich zwingt, eher zu gucken, was brauchen denn meine Klientinnen eigentlich im Alltag.

00:18:18 Sabine Brinkmann: Auch diese Idee, zu sagen, jemanden in Urlaub zu schicken, ist ja auch etwas, was – ja, wie soll man sagen, also es ist nicht so böse, das einfach jetzt: Das brauchen wir nicht mehr, das wollen wir nicht mehr haben. Das kann ja durchaus auch Ängste auslösen, wenn man was wegnimmt, braucht man noch mal eine andere Idee. Dieses In-Urlaub-Schicken – vielleicht ist dann nach so einer Prozesszeit, wenn es dann zwei Wochen im Urlaub war, auch vielleicht der Wunsch, das Teil halt auch länger im Urlaub zu lassen.

00:18:30 Sara Mohr: Genau, da kann der Urlaub vielleicht verlängert werden. Genau.

00:18:53 Sabine Brinkmann: Genau.

00:18:56 Sara Mohr: Der letzte Tipp von der AOTA war noch – und das ist vor allem, glaube ich, für Ergos, die in Einrichtungen, in Kliniken unterwegs sind – sich zu vernetzen mit anderen Fachpersonen in der Einrichtung, um Alltag in die Einrichtung zu bringen, also vor allem zum Beispiel mit dem Team in der Küche oder mit dem Facility Management oder bei den Putzkräften nachfragen, ob man einen Staubwedel ausleihen darf, in der Küche nachfragen, ob man Brötchen und ein Brotmesser ausleihen darf, bei der Pflege nachfragen, ob die Klientin morgen das Bett selber frisch beziehen darf. Da wirklich in Kontakt, interdisziplinär, auch zu gehen, um zu gucken: Welche Alltagsbetätigungen werden üblicherweise in der Einrichtung vielleicht auch einfach abgenommen durch andere Professionen, könnte die Person aber theoretisch selber machen, wenn das ein Therapieziel ist. Das fand ich noch mal eine schöne Idee, weil wir damit nach außen auch mehr darstellen, auch gegenüber der Pflege, was wir eigentlich machen in der Ergotherapie, wenn es bei uns geht.

00:19:53 Sabine Brinkmann: Ja, ein Aspekt, der da jetzt zwar nicht angesprochen wird, den ich aber doch noch als ganz relevant empfinde, ist, dass Ergos ja meistens Frauen sind und wir entscheiden über Betätigungen, die vielleicht eher Frauen machen. Ein Beispiel war ja vorhin jetzt Obst waschen oder sonstiges. Vielleicht ist diese Idee halt auch wirklich, den Hausmeister mit einzubeziehen oder auch durchaus ganz bewusst verschiedene Geschlechter mit einzubeziehen, damit man nicht so ganz aus seiner eigenen Perspektive heraus agiert und eine große Vielfalt anbieten kann.

00:20:29 Sara Mohr: Ja, voll die wichtige Reflexion auf jeden Fall, dass man da eben schaut, wem welche Betätigung vielleicht auch normalerweise angeboten werden und ob man das nicht ein bisschen erweitern kann.

00:20:46 Sabine Brinkmann: Genau. Sollen wir zur nächsten? Die nächste ist: Setze keine sensorisch basierten Interventionen ein ohne dokumentierte Schwierigkeiten über ein Erhebungsinstrument. Und da ist es so: Meine pädiatrische Zeit ist ja schon wirklich lange her. Ich bin tatsächlich Ergotherapeutin geworden, um Kinder zu behandeln. Das ging dann echt relativ schnell, ich glaub, nach einem halben Jahr war kein Kind mehr in meinem Plan, sondern eher die Erwachsenen. Das hatte aber auch andere Gründe, weil es brauchte halt jemanden in der Praxis für die Erwachsenen, und irgendwie hab ich das dann für mich entdeckt. Aber die Praxis, in der ich damals gearbeitet habe, war so eine Praxis, die sehr spezialisiert war. Da wurden halt ganz viele Testungen durchgeführt, wie der DTVPC 2 oder Frostig-Test, also visuelle Wahrnehmung, den hab ich ganz oft gemacht. Also so ein Motoriktest, und dann ging es eigentlich auch schon los mit der Behandlung.

00:21:56 Sara Mohr: Genau. Und diese Empfehlung klang jetzt erstmal so ein bisschen komplexer und ich glaube, es ist wichtig, dass wir da jetzt noch mal sagen: Diese Empfehlung sagt nicht, setz keine SI ein – das steht da nicht. Da steht, setz keine SI ein, ohne vorher festgestellt zu haben, ob die Person tatsächlich Probleme in der sensorischen Integration hat. Es gibt ja mittlerweile echt viele spezifische Assessments, die genau nach diesen sensorischen Integrationsschwierigkeiten gucken, zum Beispiel das EASI oder das Sensory Profile 2. Erst wenn ich darüber festgestellt habe, ob die Person tatsächlich ein SI-Problem hat, kann ich auch spezifisch gucken, welche sensorisch basierte Intervention für die Person Sinn macht. Weil ich glaube – ich vermute da jetzt auch nur –, aber ich vermute, dass diese Empfehlung vielleicht auch daher kommt, dass wenn ich einfach davon ausgehe, dass die Person ein SI-Problem hat, ohne das vorher erhoben zu haben und dann wende ich SI an, dann therapiere ich halt am eigentlichen Problem vorbei. In den Empfehlungen von der AOTA gibt es auch ein Beispiel, wo das ganz gut deutlich wird. Wenn ich ein Kind in der Therapie habe, das starkes Vermeidungsverhalten bei ganz vielen Lebensmitteln zeigt, und ich gehe einfach davon aus, ach, das ist ein sensorisches Problem, dann habe ich mir vielleicht gar nicht angeguckt in der Betätigungsanalyse, wie ist denn die Essenssituation bei dem Kind zu Hause? Ist das vielleicht eine total chaotische, für das Kind unangenehme Situation und es vermeidet die Situation an sich und es geht gar nicht um die Lebensmittel? Oder sind es wirklich spezifische Lebensmittel mit einer bestimmten Sensorik, oder ist es, keine Ahnung, ein anderes Problem, ein Aufmerksamkeitsproblem oder was auch immer? Also ich muss vorher in einer Betätigungsanalyse und mit spezifischen SI-Assessments schauen: Ist es wirklich ein SI-Problem, um das es sich hier dreht, oder muss ich die Umwelt einfach verändern?

00:23:59 Sabine Brinkmann: Das, was die AOTA vorschlägt, also ich habe mir tatsächlich mal für ein Jahr so einen AOTA-Mitgliedsbeitrag geleistet. Da muss man sagen, man kann dann, wenn man Mitglied ist bei der AOTA, noch über weitere Instrumente und auch PDFs, die man downloaden kann, gerade zu diesem Projekt, verfügen. Da sind dann auch ganz viele Assessments, die vorgeschlagen werden, die man nutzen kann. Du hast jetzt vorhin schon das EASI gesagt, aber so begleitende Tools wie zum Beispiel Test of Playfulness gibt es durchaus auch in Deutschland. Oder das BRIEF 2. Da sind einige Tests dabei – das ist immer so die Problematik, dass viele Assessments gar nicht unbedingt in deutscher Sprache vorhanden sind. Aber wenn ich so an diese Assessments sehe, dann sind eine ganze Menge dabei, die auch hier in Deutschland zur Verfügung stehen. Vielleicht auch so der Hinweis: Es gibt eine ganze Menge mehr Assessments, als vielleicht aktuell angewandt werden, die vielleicht sogar in den Schränken rumliegen.

00:25:04 Sara Mohr: Und da dann eben zu schauen, was ist hier eigentlich die Betätigungssituation, die problematisch ist, und welches Assessment-Menü würde mir wirklich helfen, den Finger drauf zu legen: Was ist denn da eigentlich das Problem? Da haben wir ein bisschen Auswahl, das stimmt. In der AOTA, finde ich, steht auch noch mal ganz klar drin, dass diese Aufnahme und Verarbeitung von Sinneswahrnehmung eine hochkomplexe Geschichte ist, und da entstehen sehr individuelle Störungsmuster, und die muss ich spezifisch diagnostizieren, um dann eben auch spezifisch behandeln zu können. Dafür braucht es dann das passende Assessment.

00:25:42 Sabine Brinkmann: Ja, ich würde fast sagen, wir gehen zur nächsten. Ja, ich…

00:25:46 Sara Mohr: Ja, ich freue mich auf die nächste.

00:25:47 Sabine Brinkmann: Freue mich da auch drauf. Ich lese sie mal wieder vor: Nutze keine physikalischen Modalitäten, zum Beispiel Vibration, Eisbäder, Paraffinbad und so weiter, ohne diese mit zielgerichteten und betätigungsbasierten Aktivitäten zu kombinieren. Und ich bin jetzt mal ein bisschen der Teufel wieder. Ich habe tatsächlich sehr häufig das Vibrationsgerät verwendet, und auch gerade jetzt bei rheumatoiden Erkrankungen das Eis oder auch die Wärme – Linsenbad war sowohl im Kalten als auch im Warmen bei uns sehr begehrt. Bei uns in der Rehaklinik gab es auch die Besonderheit, dass wir Patienten mit Multiple Sklerose in die Eisbadewanne gesetzt haben. Das funktioniert jetzt nicht bei jedem, aber die Effekte waren noch ziemlich beeindruckend nach der Eistherapie. Das hat schon so Bestand, denke ich. Aber dieses “ohne”, das ist, glaube ich, das…

00:26:53 Sara Mohr: Genau, das ist wieder ein Satz, wo man genau hingucken muss. Da steht nicht: “benutze keine Vibration” oder “benutze keine Eisbäder”, sondern da steht: “benutze keine physikalischen Modalitäten ohne diese mit Betätigung zu kombinieren.” Vibration, thermische Anwendungen – diese ganzen Sachen sind ja alles vorbereitende Maßnahmen. Und jetzt kommen wir zwei Neuroergos und wir wissen, vorbereitende Maßnahmen sind super wichtig, weil die oft eben danach eine Betätigung, die danach folgt, erst möglich machen. Also, wenn ich meinen Klienten habe mit einem super hohen Tonus im Arm, dann kann ich nicht von dem verlangen, so, jetzt machen Sie mal. Dann muss ich erst mal tonusregulierende Maßnahmen anwenden, ganz klar, damit die Person danach in Aktivität kommen kann. Diese Maßnahmen heißen aber auch vorbereitende Maßnahmen, weil sie eben auf etwas vorbereiten. Dann muss halt danach auch eine Betätigung kommen, sonst ist es… Und da sagt die AOTA: Ich habe mir einen Satz noch mal rausgegriffen und tatsächlich versucht, gut zu übersetzen. Die sagt ganz klar: “Die ausschließliche Verwendung von physikalischen Modalitäten, also wenn ich wirklich meine ganze Therapieeinheit nur mit Vibration oder Eisbad verbringe, ohne direkte Anwendung auf die Betätigungsperformanz, gilt nicht als Ergotherapie.” “Is not considered occupational therapy.” Wenn ich nur 45 Minuten Vibration mache – abgesehen davon, dass ich mir das als Klientin sehr unangenehm vorstelle, wenn ich 45 Minuten irgendwie abvibriert werde – ist das keine Ergotherapie, weil das kann genauso gut eine Physiotherapeutin machen.

00:28:39 Sabine Brinkmann: Ja, also ich glaube, noch nicht mal braucht es eine physiotherapeutische Ausbildung, um das zu machen. Also nicht mal eine Ausbildung.

00:28:46 Sara Mohr: Ja, genau. Das heißt, danach muss eine Betätigung kommen, die ich möglich mache, vielleicht durch diese vorbereitenden Maßnahmen.

00:28:55 Sabine Brinkmann: Vielleicht kann ich da mal so kurz aus der Eistherapie… Ich habe ja vorhin erzählt, mit den Multiple-Sklerose-Erkrankten, mit der Eistherapie. Bei uns war das so: Wir haben das als Vorkühlung genutzt – wie gesagt, das funktioniert nicht bei jedem, aber die Personen, die ein Uthoff-Phänomen haben und Kälte gerne mögen…

00:28:59 Sara Mohr: Bitte, ja, ich finde es total spannend.

00:29:15 Sabine Brinkmann: Für die ist es sicherlich ganz angenehm, diese Vorkühlung zu machen, und die sind dann gut drei, vier, fünf Minuten… Manche haben es tatsächlich, wenn sie trainiert waren, zehn Minuten im Eis ausgehalten und dann ging es in die Aktivität, also dann Treppe steigen, spazieren gehen, ins Fitnessstudio bei uns, also in die Trainingstherapie, oder zum Strand laufen – wir konnten ja den Strand einen Kilometer entfernt…

00:29:41 Sara Mohr: Das ist eine schöne Betätigung, ja.

00:29:44 Sabine Brinkmann: Und ja, dieses Zeitfenster der Kühlung war dann ganz unterschiedlich. Manche hatten berichtet, dass sie bis abends noch einen Effekt hatten, manche auch wirklich nur eine Stunde, aber dieses Zeitfenster dann auch tatsächlich zu nutzen. Und wenn ich so erinnere an mein Praktikum an der Rheumatologie, das war schon ganz spannend zu sehen: Wenn jemand seine Hand ins Eiswasser gehalten hat oder im Linsenbad, war anschließend Faustschluss möglich und das dann wirklich dieses Potenzial zu nutzen – okay, jetzt geht es halt in die Küche oder ans Anziehen. Das ist vielleicht auch eine ganz schöne Sache, die man auch den Klienten mit nach Hause geben kann, sodass sie das alleine zu Hause machen können mit einer Anleitung.

00:30:32 Sara Mohr: Ja, genau, das ist nämlich so ein Aspekt – das steht jetzt in der Empfehlung, glaube ich, gar nicht so direkt drin, aber das finde ich total wichtig – wenn ich merke, okay, diese vorbereitende Maßnahme, die ich da für meine Klientin oder meinen Klienten gefunden habe, wirkt voll gut, also jetzt wie zum Beispiel die Eisbäder bei deinen Klientinnen. Das ist ja total individuell: Der einen Person tut Wärme besser, der anderen Person eher Kälte. Aber wenn ich rausfinde, das hilft total als vorbereitende Maßnahme, dann ist ja der nächste Schritt, zu gucken: Kann ich die vorbereitenden Maßnahmen so gestalten, dass die Person die eigenständig anwenden kann? Ja, weil wenn jemand die Spülmaschine immer nur dann ausräumen kann, wenn ich vorher 20 Minuten Vibration angewendet habe, dann kann die Person halt immer nur in der Ergotherapie die Spülmaschine ausräumen, und das ist ja dann doch ein bisschen wenig. Vielleicht dann zu gucken, wie kann die Person denn selbst ihren… das ist ja so eine Selbstmanagementstrategie auch, wie kann die Person selbst ihren eigenen Körper vorbereiten, um dann aktiv werden zu können?

00:31:30 Sabine Brinkmann: In der Tat haben Klientinnen berichtet, dass sie jetzt im örtlichen Fischhandel gefahren sind und sich so ein Wanneneis geholt haben, um ihr persönliches Eisbad zu Hause durchzuführen, ja. Aber da muss man vielleicht sagen, da gilt die Empfehlung, die vorher war, mit der Testung auch. Also wahllos Vibration oder wahllos Kälte, klar, wenn es angenehm ist, schön, aber wenn es gerade auch zum Thema Sensibilitätsförderung geht, dann sollte man auch vielleicht im Vorfeld diagnostizieren, welche Modalität da jetzt tatsächlich beeinträchtigt ist, und nicht wahllos mit dem Vibrationsgerät stundenlang rumvibrieren. Abgesehen davon kann das ja durchaus auch Verletzungen erzeugen, gerade wenn Personen zum Beispiel Ödeme haben oder so, dass dann auch Blasen entstehen, wenn es zu lange gemacht wird.

00:32:28 Sara Mohr: Ja, an der Stelle habe ich das dringende Bedürfnis, kurz was zu fokaler Vibration zu sagen. Alle, die bei mir Neurologie-Unterricht haben, ihr könnt euch die Ohren zuhalten, weil ihr habt das jetzt schon 75-mal von mir gehört. Fokale Vibration, also Vibration, die nicht eine Ganzkörpervibration ist, sondern lokal angewendet wird, zum Beispiel durch ein Vibrations- oder Massagegerät, hat zwei Effekte: Sie wirkt tonussenkend und sie wirkt kurzfristig schmerzlindernd, wenn der Person das angenehm ist – individuell, aber das sind die zwei Effekte, die fokale Vibration hat. Es senkt den Tonus und es reduziert kurzfristig die Schmerzwahrnehmung. Und das behaupten auch alle Anbieter von Vibrationsgeräten, genau diese zwei Dinge. Fokale Vibration ist kein Sensi-Training. Punkt.

Ich kann das, wenn ich merke, der Person fällt es nach fokaler Vibration leichter, sich zum Beispiel auf den hemiplegischen Arm zu konzentrieren, weil das ein komplexer Reiz ist – Vibration ist ein sehr komplexer Reiz, was Timing, Druck, Lokalisierung und teilweise auch Temperatur angeht. Es gibt ja auch so beheizte Vibrationsgeräte, das ist sehr komplex. Manchen Leuten hilft das, um danach mehr Aufmerksamkeit aufzubringen für zum Beispiel ein sensorisches Diskriminationstraining. Ich kann aber nicht, ich kann nicht Leuten den Arm abvibrieren und dann sagen, ich habe ein Sensi-Training gemacht. Weil das Einzige, was man gemacht hat, war kurzfristig die Schmerzwahrnehmung für dieses Körperteil zu reduzieren und den Tonus zu senken.

00:34:08 Sabine Brinkmann: Ich würde sagen, man sollte sich mit seinen Tätigkeiten doch manchmal ein bisschen mehr beschäftigen. Ja, deine Schüler haben auf jeden Fall Glück, dass sie dich in der Lehre haben.

00:34:19 Sara Mohr: Weiß ich nicht, ob die da immer so froh drüber sind. Ich hab so Themen, ich halte mich jetzt hier gerade sehr zurück, aber ich kündige das im Unterricht immer an und sage: “Okay Leute, ich hab dazu eine Meinung,” und dann rege ich mich kurz auf, weil mich das total… Ach, das regt mich auf, weil die kommen manchmal zurück aus Praktika oder die haben das irgendwo gehört oder gelesen und dann dokumentieren die in ihrer Doku Sensi-Training mit dem Vibrationsgerät und dann rollen sich mir einfach die ergotherapeutischen Fußnägel hoch. Genau, sorry, aber das war jetzt eine kurze Neben… ein kurzer Nebenschauplatz.

00:34:56 Sabine Brinkmann: War das noch mal… jede Empfehlung hat Potenzial für eine eigene Podcast-Folge. Vielleicht schreibst du mit (lacht).

00:35:07 Sara Mohr: Die nächsten Folgen sind gesetzt. Sehr gut, wollen wir zur nächsten Empfehlung gehen?

00:35:17 Sabine Brinkmann: Oh ja, also sonst wird das hier ein 5-Stunden-Podcast.

00:35:23 Sara Mohr: Empfehlung Nummer 4.

00:35:23 Sabine Brinkmann: Ja, die Empfehlung Nummer 4: Verwende keine Seilzüge bei Personen mit einer Hemiplegie an der Schulter. Und da muss ich echt sagen, also ich habe ja die Teufel-Funktion, die man vielleicht jetzt nicht so ganz raushört, aber… Tatsächlich haben wir das auch gemacht und begleitend zu diesen Seilzügen – also das vielleicht noch mal beschreiben: Das ist irgendwie ein Teil unter der Decke und da ist ein Seil drüber gespannt und dann hat der Patient einen Griff auf der rechten und auf der linken Seite und dann sägt man sozusagen mit dem Arm. Da fällt mir direkt auch noch die bilaterale Armhebung ein. Ich hab tatsächlich ein ganzes Buch, das in allen Modalitäten zeigt, wie man bilateral den Arm heben kann. Wir sprechen hier über Hemiplegie und es ist nicht ganz unproblematisch. Zum Glück hab ich es dann irgendwann auch begriffen, weil ein Patient mit Schmerzen anschließend kam, also es ist nicht so eine ganz lustige Geschichte.

00:36:33 Sara Mohr: Ja, total. Und das ist ja jetzt wirklich mal von der Empfehlung her, das ist eine ganz klare Nein-Empfehlung. Das ist jetzt auch ein einfacher Satz, nicht so wie vorher, wo wir ein bisschen genauer gucken mussten, das war etwas differenzierter. Die sagen einfach: Nein, keine Seilzüge bei Personen mit einer Hemiplegie an der Schulter. Genau aus dem Grund, den du gerade genannt hast. Das Alignment in der Schulter ist bei einer Hemiplegie nicht mehr so, wie es sein sollte. Der scapulohumerale Rhythmus funktioniert nicht mehr so, wie er funktionieren sollte, und wenn ich dann diesen Arm durch den Seilzug bewege, passiert Folgendes: Der weniger stark betroffene Arm zieht den hemiplegischen Arm über diesen Seilzug in Bewegungsrichtungen, in Positionen, die der Arm von sich aus gar nicht einnehmen könnte. Und ich setze mir da einfach regelmäßig Mikrotraumen ins Schultergelenk und dann kommen die Leute früher oder später mit Schmerzen. Tatsächlich und kurzfristig sind die Leute… aber ich kenne das auch aus meiner Praxis, man kann nach 15 Jahren Neuro-Praxis nicht behaupten, dass man das nicht schon gesehen oder gemacht hätte. Die Leute finden das erst mal richtig cool, weil was die sehen: Mein hemiplegischer Arm bewegt sich.

00:37:45 Sabine Brinkmann: Ja, und ich kann auch selber was tun. Sowas ist ja auch leicht zu Hause umsetzbar, ne?

00:37:51 Sara Mohr: Da sind die total, und ich hatte schon, ich glaube, zwei Klientinnen, wo jeweils der Ehemann sogar zu Hause so einen Haken in der Wand extra montiert und gebohrt hat für diese Seilzugübung. Dann musste ich da kommen im Hausbesuch und sagen: Es ist voll der Aufwand, schön, dass Sie so motiviert sind, aber…

00:38:16 Sabine Brinkmann: Häng eine Jacke dran.

00:38:22 Sara Mohr: Ja, genau, hängen Sie ein schönes Bild dahin oder so, aber bitte nicht mit diesen Seilzugübungen. Jetzt ist aber die Frage, was mache ich denn dann stattdessen?

00:38:28 Sabine Brinkmann: Ja, da gibt’s eine ganze Menge Sachen. Vielleicht noch mal ganz kurz, auch da: Nicht machen, auch beim Armfahrrad – also dieses Ergometer für den Arm sollte man vielleicht auch, gerade wenn wirklich eine Hemiplegie da ist, vielleicht sogar schon mit einer Subluxation, kritisch reflektieren, weil es im Endeffekt genau das Gleiche ist. Da wird einfach etwas verletzt, mitunter weil die Gelenke halt nicht so voreinander stehen, Mikrotraumen verursacht werden können. Stattdessen gibt’s eine ganze Menge. Man kann über Lagerung des betroffenen Arms nachdenken und dann ein Übergreifen oder es gibt ja immer noch den Helparm, der dann die Schwerkraft nimmt. Es gibt auch Robotik, die genau das macht – also die Schwerkraft entlasten.

00:39:24 Sara Mohr: Mhm, genau, und da ist die Schulter eben einfach automatisch im richtigen Alignment und da passieren auch keine Bewegungen, zum Beispiel passiv über Kopf oder so, die einfach bei einer Subluxation total kontraindiziert sind. Was natürlich schön ist, wie du gerade schon gesagt hast, zum Beispiel Lagerung… Den Klientinnen eben auch, wenn ich ja möchte, dass die eigenständig üben – das ist ja ziemlich cool, wenn Leute eigenständig üben, eigentlich, das will ich ja fördern –, wie kann ich denn edukativ vorgehen, dass die Person eigenständig in der Lage ist, ihren Arm gut zu lagern? Oder welche Bewegungsübungen kann ich den Personen zeigen, die eben nicht passiv über Kopf sind, sondern die vielleicht auf dem Tisch sind, wo der Arm in einer guten Position abgelegt werden kann? Wie kann ich die Person auch befähigen, selber herauszufinden: Liegt mein Arm gerade gut auf diesem Tisch? Ist das gerade eine gute Bewegung? Da können wir super gut auch edukativ vorgehen, um den Leuten einfach wieder das Gefühl zu geben: “Ah, ich kenne mich da aus, ich hab da eine Expertise, was meinem Arm guttut und was nicht.” Das ist eigentlich ziemlich cool. Dann vielleicht auch – das wäre natürlich jetzt so ein bisschen der heilige Gral –, ideal wäre ja gemeinsam mit den Klientinnen zu erarbeiten, in welchen Betätigungen kann denn die betroffene Extremität eingesetzt werden, und das muss ja, gerade wir reden über Hemiplegie, das muss ja jetzt vielleicht nicht die aktivste Betätigung sein, aber vielleicht als Haltehand oder zum Abstützen mit der stärker betroffenen Seite. Wenn ich das gemeinsam erarbeite, wie kann das physiologisch und in einem guten Alignment passieren, hab ich echt viel mehr getan, als so ein Seilzug je könnte.

00:41:02 Sabine Brinkmann: Ja, absolut. Das ist ja auch so: Funktionell bringt das überhaupt nichts, außer, dass dann der weniger betroffene Arm vielleicht sogar noch mehr belastet wird. Also allein aus dem motorischen Lernen heraus kann man schon rechtfertigen, dass das vielleicht nicht unbedingt einen Benefit mitbringt für eine Hemiplegie.

00:41:12 Sara Mohr: Stärker, ja.

00:41:25 Sabine Brinkmann: Also lieber das, was die Person schon kann mit der Hand oder mit dem Arm – das dann auch ausreizen und dann Situationen, wie du schon sagtest, überlegen, wo das dann auch tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden kann.

00:41:37 Sara Mohr: Wichtige Geschichte, kommen wir zu einer wieder komplexen Empfehlung.

00:41:42 Sabine Brinkmann: Genau, biete keine kognitiven Interventionen, also zum Beispiel Aufgaben mit Papier und Bleistift, Aufgaben am Tisch oder kognitive Trainingssoftware an, ohne direkten Bezug zur Betätigungsperformance. Da muss ich auch sagen: Relativ am Anfang meiner beruflichen Tätigkeit, wie ich vorhin schon sagte, eher Pädiatrie geprägt am Anfang und dann ganz schnell Neuro, bin ich auf Fortbildungen gegangen und auf den Fortbildungen bekam man dann schon sehr schnell unglaublich viel Computerprogramme vorgestellt oder auch Trainingsinstrumente für die Ergotherapie, die eher Papier und Bleistift waren. Und ich würde sagen, die Schränke sind davon toll voll. Und nicht alles ist ja vielleicht schlecht. Es gibt durchaus auch kognitive Trainingssoftware, die sich evidenzbasiert präsentieren kann.

00:42:44 Sara Mohr: Absolut, genau. Was diese Empfehlung nicht sagt, ist: Diese kognitive Trainingssoftware hat nicht irgendeine Wirkung oder ist wirkungslos – das sagt sie nicht. Aber sie sagt, wir brauchen einen Bezug zur Betätigung wieder. Meine Horrorvorstellung bei diesem Thema ist ja immer – und wir haben übrigens eine Podcast-Folge zum Thema Hirnleistungstraining, da kann man noch mal reinhören, wenn man möchte, Folge Nummer 18 geht es um Hirnleistungstraining. Habe ich meinen Satz vergessen?

00:43:16 Sabine Brinkmann: Ja, vielleicht – dieser Bezug zur Betätigungsperformance, ich glaube, das ist auch wieder der Schlüssel, oder es ist ähnlich wie bei den anderen Empfehlungen: dieses “ohne direkten Bezug”.

00:43:29 Sara Mohr: Genau, danke. Jetzt habe ich meinen Faden wieder, weil das Problem ist ja nicht das Symptom an sich. Also wenn ich da, sagen wir mal, eine Person mit einer demenziellen Erkrankung habe, dann werde ich ja jetzt nichts an der Demenz leider ändern können, egal wie viele Trainingsprogramme, Trainingssoftware, Papier- und Bleistiftaufgaben ich anwende. Sondern ich will ja eine Auswirkung auf die Probleme im Alltag haben. Und wenn ich den Alltag verbessern will, muss ich auf den Alltag eingehen, muss ich auf die Betätigungsperformance eingehen, also wozu braucht die Person denn ihre kognitiven Fähigkeiten im Alltag? Ist das Problem gerade, dass sie häufig im Supermarkt steht und gar nicht mehr weiß, was sie eigentlich einkauft? Ist das Problem, dass der Fußweg zum Lieblingscafé nicht mehr gefunden wird? Ist das Problem, dass Termine vergessen werden oder durcheinandergeraten? Und dann habe ich ja ganz konkrete Auswirkungen dieser kognitiven Defizite auf den Alltag und kann genau da ansetzen, mit konkreten Strategien, weil – Spoiler – ich kann wahrscheinlich so oft ich will am Computer Memory spielen mit dieser Person, die wird trotzdem sich nicht ihre Termine über die Woche gut planen und strukturieren können.

00:44:39 Sabine Brinkmann: Oh, das Thema Memory. Ganz großes Buzzword, ja. Da kann man vielleicht auch sagen, Memory steigert nicht die Gedächtnisfunktion. Nein.

00:44:52 Sara Mohr: Und wenn ihr jetzt jemanden habt, wo ihr sagt, die Person spielt aber so gerne Memory, ja, cool – wann kann die denn in ihrem Alltag mit den Angehörigen, mit den Enkelkindern, mit wem auch immer Memory spielen? Go for it, aber halt, warum muss die Person in der Ergotherapie mit mir Memory spielen? Vielleicht bin ich da so hart, weil ich selber auch einfach krass schlecht im Memory spielen bin.

00:45:08 Sabine Brinkmann: Absolut.

00:45:11 Sara Mohr: Und da nie Spaß dran hatte.

00:45:17 Sabine Brinkmann: Genau, aber es geht eher so über den Übertrag, also Strategien im Alltag, das ist das, was hier denke ich so das Quäntchen an der Waage ist.

00:45:29 Sara Mohr: Genau. Und die AOTA macht da ja auch wieder echt coole Empfehlungen, finde ich, wo man denn im Alltag eigentlich Betätigungsperformance in Bezug auf kognitive Fähigkeiten finden kann oder anwenden kann. Ich fand diese Listen da ganz schön, die listet auf: Also, wenn es um Betätigung in der Küche geht, Kochbücher, Rezepte lesen und verstehen, auch sowas. Für mich fällt da auch sowas drunter wie Einkaufslisten zu schreiben und generell Einkaufslisten zu verwenden. Ich hatte das tatsächlich häufig bei Klientinnen, wo es um diese Selbstversorgungsaspekte ging, dass bei demenzieller Erkrankung auch im Frühstadium einfach das Problem war: Was muss ich denn einkaufen, wie viel davon muss ich denn einkaufen? Ich steh im Supermarkt und weiß nicht mehr, was ich zu Hause im Schrank hab und die wenigsten Leute – hört euch mal um in eurem Bekanntenkreis – nutzen tatsächlich Einkaufslisten. Und wenn ich das mein Leben lang nicht gemacht hab, ist das schwierig, mit Ende 70 oder Mitte 70 oder wann auch immer dann auf einmal damit anzufangen, mir eine Einkaufsliste zu schreiben. Aber das ist natürlich eine Übung von kognitiven Fähigkeiten: Wie strukturiere ich das denn, wie find ich raus, was auf diese Einkaufsliste muss? Wie denke ich dran, dass ich die auch mitnehme zum Einkaufen?

00:46:45 Sabine Brinkmann: Gerade daran, dass du gesagt hast, die wenigsten Leute nutzen Einkaufslisten…

00:46:50 Sara Mohr: Nutzt du Einkaufslisten?

00:46:50 Sabine Brinkmann: Natürlich, klar. Also bevor ich in den Supermarkt gehe, schreibe ich mir eine Liste, weil ich bin teilweise total überfordert. Und dann ist der Einkaufswagen voll und mein Portemonnaie leer. Wenn es nicht auf der Liste gestanden hätte, hab ich es nicht eingekauft.

00:47:06 Sara Mohr: Ja, guck, ich schreib mir manchmal einzelne Sachen in mein Handy in die Notiz-App, wenn ich weiß, ich brauche jetzt also Sachen, die selten alle werden. Zum Beispiel diese Woche stand in meiner Notiz-App Thymian, weil das Thymian-Gewürz leer war, und das kauf ich halt nur, keine Ahnung, alle halbe Jahre oder so, deshalb hätte ich da nicht automatisch dran gedacht. Aber sonst ist meine Strategie im Supermarkt: Ich gehe immer denselben Weg in unserem Supermarkt und überleg bei den Produkten, die wir regelmäßig kaufen, haben wir das noch im Kühlschrank oder nicht? Und dann kauf ich das oder halt auch nicht. Oder, was tatsächlich meistens passiert, ich ruf meinen Partner an, weil der immer, der weiß viel besser, was im Kühlschrank ist. Dann ruf ich ihn an und frag, wie viele Eier haben wir noch, und dann sagt er “zwei”, und dann weiß ich, ob ich Eier kaufen muss oder nicht. Eigentlich ist er mein Einkaufszettel, merk ich gerade.

00:47:59 Sabine Brinkmann: Ja, weil, was man jetzt schon aus unserem Gespräch raushört, ist, wie wichtig so eine Betätigungsanalyse auch ist. Also, wir beiden machen das komplett unterschiedlich und ich kann mir vorstellen, dass es wahrscheinlich – wenn man 100 Personen befragt – 100 verschiedene Ideen davon gibt, wie der Einkauf zu planen ist.

00:48:18 Sara Mohr: Total. Und das ist ja auch das Schöne, dass man sich erst mal angucken muss, wie machen die das denn eigentlich? Und dann eben andere Strategien braucht.

00:48:29 Sabine Brinkmann: Ja, was ich vielleicht da noch mal anmerken möchte: Einkaufen ist so ein klassisches Thema der Ergotherapie. Da kommen Ergos direkt drauf. Was ich aber noch mal spannend fand an den Empfehlungen oder an den Ideen von der AOTA war, wirklich Materialien zu benutzen, die aus der Community, direkt vor Ort kommen, und zu gucken, wo gibt es vielleicht Selbsthilfegruppen, eine Kreativgruppe oder ein Beratungsangebot, oder auch einen Stadtplan zu verwenden, dort Aktivitäten zu planen. Das fand ich ganz spannend, und sowas kann man vielleicht auch von der Praxis aus machen. Denn natürlich, wenn man an Betätigungsperformance denkt, denkt man sofort an den häuslichen Kontext, aber in vielen Kontexten arbeiten Therapeuten ja eher klinisch oder im Praxiskontext, und das sind ja durchaus auch Dinge, die ich, wenn der Klient oder die Klientin zu mir kommt in die ambulante Praxis, dort auch vor Ort machen kann, also sowas zu planen und sich das anzuschauen. Oder auch Apps – Erinnerungsapps üben und so. Also, ob ich jetzt die Handy-Plan-App oder die To-do-Liste, ob ich die jetzt zu Hause schreibe oder in der Praxis, das bereitet ja auch erst mal vor, also da wirklich kreativ werden, natürlich auch gucken, wie das auch in dem jeweiligen Setting, wo ich arbeite, umzusetzen ist.

00:50:01 Sara Mohr: Ja, das stimmt. Das sind zwei ganz wichtige Punkte: einmal diese kommunale Anbindung, gibt es irgendwie ein Erzählcafé oder eine Spaziergruppe oder was auch immer und wie können die zugänglich gemacht werden, und dann dieses App-Thema ist… Da hab ich die Tage noch mal drüber nachgedacht, diese Digitalisierung, digitalen Sachen eigentlich… Ich finde, wir reden jetzt hier schon nicht nur, aber hauptsächlich eher über ältere Klientinnen, wobei das auch bei jungen durchaus Thema sein kann, je nachdem welche Erkrankung. Aber gerade bei älteren Klientinnen bin ich zumindest – vielleicht weil ich selber jetzt auch schon ein bisschen älter bin – gehe ich immer noch davon aus, dass die Generation, die aktuell älter und alt ist, gar nicht so einen Zugang hat zu diesen digitalen Sachen, weil ich das tatsächlich, also als ich meine Ausbildung gemacht hab, 2007, da war das wirklich auch noch so. Wenn ich jetzt an die Generation von meiner Uroma zum Beispiel denke, die, ich konnte beide – also konnte die Urgroßelterngeneration noch kennenlernen – meine Uroma hat nicht verstanden, was ein Handy ist. Aber die Generation jetzt, jetzt sind wir einige Jahre später, knapp 20 Jahre später, da gibt es durchaus Personen, die jetzt im Alter 60 aufwärts sind, die absolut technikaffin sind, die absolut fit sind mit ihrem Smartphone oder zumindest großes Interesse daran haben. Es ist, glaube ich, eine sehr große Spanne, die sich da auftut, und man darf nicht mit dem Vorurteil reingehen: Na ja, aber die Person hat Alter XY, die wird wahrscheinlich eh nicht mit dem Smartphone zurechtkommen. Da liegt ein ganz großes Potenzial, wenn man das gut rüberbringen und für die Leute gut im Alltag verankern kann. Was Selbständigkeit eröffnet.

00:51:48 Sabine Brinkmann: Ja, absolut. Da muss man ganz klar sagen: Ich habe jetzt so verschiedene Beispiele bei mir im Umfeld. Meine Eltern, mein Vater ist 92 und meine Mutter 84, also die gehören zu der älteren Generation. Mein Papa hat ein Handy, um damit Fotos zu machen, und wenn er mit seinem Scooter durch die Gegend fährt, aber mehr kann er auch nicht, also der hat noch eine Telefonliste dranhängen, weil er findet das Telefonbuch in seinem Handy nicht. Manuell dann die Nummer einzugeben. Meine Mutter hat, glaube ich, noch nie ein Handy in der Hand gehabt – davor hat sie Angst, es kaputt zu machen. Aber im gleichen Alter die Lebensgefährtin vom Vater meines Freundes, da ist es so, die schreiben mir tagtäglich irgendwelche WhatsApp-Nachrichten, also die sind da völlig versiert, und die ist genauso alt wie meine Mutter. Da muss man wirklich individuell gucken. Was ich da ganz spannend finde, ist, dass man von seinen Klientinnen und Klienten lernt. Meine Mutter hat unglaublich tolle Strategien im Alltag, sie hat auch Demenz und sie hat tolle Strategien entwickelt, um im Alltag klarzukommen und sowas kann man ja auch beobachten und mitnehmen und da wirklich auch ganz gezielt fragen: Was sind denn deine Strategien? Und wenn es nicht das Handy ist, ist es vielleicht wirklich der gute alte Kalender, wo Termine eingetragen werden mit Sticky Notes, mit Farben und so weiter, also alles mehr als jetzt nur am PC die Zeit verbringen.

00:53:12 Sara Mohr: Ja, genau, und gerade so Personen wie zum Beispiel deine Mutter wären wahrscheinlich durch so eine Trainingssoftware am PC, das hätte ja überhaupt gar keinen Alltagsbezug für die Person, da könnte ich wahrscheinlich wirklich nichts für sie mitnehmen, wenn man sie jetzt eine halbe Stunde für irgendein Computertrainingsprogramm setzt.

00:53:23 Sabine Brinkmann: Ja, die Ergo, die zu meiner Mutter kommen müsste, müsste im Garten arbeiten. Da würde die Ergo wahrscheinlich noch was lernen, weil das sind ja auch dann Bereiche, wo jemand vielleicht auch noch mit kognitiven Beeinträchtigungen Kompetenzen zeigt. Meine Mutter kann super toll im Garten noch arbeiten, aber bestimmte Alltagshandlungen im Haus, das geht halt nicht mehr, und sie ist halt den ganzen Tag jetzt bei gutem Wetter draußen zu finden, das macht sie glücklich. Also da die Betätigungsanalyse durchführen – und nicht direkt das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel und das Memory rausholen. Sehr schön, sollen wir weitermachen?

00:54:15 Sara Mohr: Schön, ja. Bitte Empfehlung Nummer 6.

00:54:19 Sabine Brinkmann: Oh ja, beginne keine Ergotherapie-Intervention ohne vollständiges Betätigungsprofil des Klienten und gemeinschaftlich festgelegte Ziele. Mein Gott.

00:54:30 Sara Mohr: Vielleicht ist das meine Lieblingsempfehlung, aber das sage ich, glaube ich, bei jeder, ja.

00:54:35 Sabine Brinkmann: Eigentlich fasst die das zusammen, was wir die ganze Zeit schon auch besprochen haben. Also wie wichtig die Diagnostik ist und dann halt auch die Ziele festzulegen.

00:54:48 Sara Mohr: Und wir kennen das ja alle, glaube ich, dass wir in so ein Erstgespräch reingehen und so die ersten Termine mit unseren Klientinnen machen. Und wir denken, okay, jetzt sammle ich erstmal Infos, ich mache ein Betätigungsprofil, ich hab vielleicht einen Anamnesebogen in der Praxis oder in der Einrichtung, was auch immer, und dann kommen so Sätze wie: “Wann geht es denn jetzt los, Frau Brinkmann? Wann fangen wir denn jetzt an mit der Therapie? Wir haben ja nur geredet, Frau Brinkmann.”

00:55:15 Sabine Brinkmann: Absolut, oder: “Warum fragen Sie das Gleiche wie die anderen?” Das ist auch so was Klassisches.

00:55:22 Sara Mohr: Das hab ich doch der Physiotherapie schon erzählt, ja. Wir haben kein geteiltes Gehirn.

00:55:26 Sabine Brinkmann: Ja, ja, also das sind Probleme, die kann man organisatorisch hoffentlich auch zukünftig mit der Anbindung der digitalen Infrastruktur regeln, dass wir da besser werden. Aber hier steht ja auch Betätigungsprofil und ich kann mir vorstellen, dass eine Logopädin oder ein Physiotherapeutin kein Betätigungsprofil erstellt. Und das ist ja jetzt nur mal etwas, was wir Ergos uns auf die Brust schreiben, dass wir das können. Das ist etwas, das sollten wir nicht aufgeben.

00:56:01 Sara Mohr: Genau. Und in der aktuellen Ergoscience gibt es eine Studie zum Thema Betätigungsprofil. Teil der Studie ist, dass es unglaublich viele verschiedene Namen gibt, also manche nennen es einfach Wochenplan oder Tagesplan oder Aktivitätenplan oder 75 Namen. Was wir meinen, ist, dass ich entweder über 24 Stunden, also über einen durchschnittlichen Tag, aufschreibe, welche Betätigung macht die Person denn wann und dann vielleicht auch noch, wie zufrieden ist sie damit. Das kann ich individualisieren – ich kann sagen, wir machen das für einen typischen Wochentag, ich kann sagen, wir machen das für einen Tag am Wochenende, ich kann sagen, wir machen das für die Zeit vor ihrem Unfall oder wir machen das so, wie die Situation aktuell ist. Einfach, um einen Überblick zu bekommen, welche Betätigungen sind gerade Teil des Alltags dieser Person. Das ist ja die Basic-ergotherapeutische-Information, die ich brauche von allen meinen Klientinnen. Das Betätigungsprofil macht zwei Dinge: einmal hab ich dann richtig viele Informationen über den Alltag der Person und gleichzeitig vermittle ich aber auch dieser Person direkt, worum es in der Ergotherapie geht. Und hab damit schon ein ganz großes Stück Kommunikationsarbeit und Erwartungsmanagement geleistet, weil anhand dessen – und auch, wenn Nachfragen aufkommen, warum machen wir das jetzt, warum wollen sie denn so viel über meinen Alltag wissen – ist der Türöffner zu: Weil das das Thema ist, Ergotherapie ist, wie ihr Alltag funktioniert.

00:57:30 Sabine Brinkmann: Jetzt muss man natürlich das auch wieder so ein bisschen relativieren. Also wenn ich in der Stroke Unit arbeite, dann werd ich natürlich kein Betätigungsprofil oder in der Frühreha komplex machen, weil da geht es sicherlich um andere Ziele. Aber was hier vielleicht relevant ist: An die Betätigung im Krankenhaus denken – also kann derjenige was trinken, kann der eine Information vermitteln, kann der Hilfe holen, kann der sich im Bett drehen. Das sind ja auch Betätigungen, die in dem Augenblick höchstgradig relevant sind, dann ist es vielleicht nicht das allumfassende Betätigungsprofil, das haben Sie irgendwann mal in der Schule oder in der Ausbildung gemacht, sondern viel eher das, was jetzt gerade aktuell notwendig ist in der Einrichtung. Und das ist sicherlich etwas, das ja in allen klinischen Einrichtungen relevant ist, dass man schon vorbereitet auf den Alltag. Richtig spannend wird es dann tatsächlich, wenn man ja dann in der ambulanten Praxis arbeitet, wo man den Alltag auch noch zunehmend mehr halten, mit aufbauen kann und auch sich anschauen kann. Das ist aber etwas, das fällt den Ergos, also zumindest ist es meine Erfahrung, unglaublich schwer, dieses Potenzial auch tatsächlich zu nutzen, das wir dann in dieser Funktion haben. Und entweder wird gar nicht getestet, das kriege ich immer wieder mit. Also ich unterrichte ja Qualitätsmanagement, und sowohl von den Physios als auch von den Ergos wird immer berichtet, dass sie keine Zeit haben.

00:59:02 Sara Mohr: Für eine Evaluation quasi, ja.

00:59:03 Sabine Brinkmann: Ja, genau. Wobei ich ganz klar sagen muss, man schafft in einer halben Stunde eine ganze Menge, wenn es nur um 20 Minuten sind wir in der Frühreha, so muss man sich dann auch wirklich dann sehr stark konzentrieren. Aber ich frag mich immer, wie geht das ohne Evaluation, ohne irgendwie eine Diagnostik zu machen, jemanden zu behandeln? Ja, also wie funktioniert das?

00:59:24 Sara Mohr: Genau. Also ich brauch ja eine gründliche Evaluation, damit ich überhaupt eine gute Intervention machen kann. Und das ist ja auch so ein bisschen die Antwort auf die Frage: Frau Brinkmann, wann fangen wir denn mit der Therapie an? Wir haben schon angefangen, das ist Teil der Therapie, das offen zu kommunizieren, das ist ganz wichtig, dass ich jetzt diese Informationen habe über ihren Alltag, weil sonst kann ich mit Ihnen keine gute Therapieplanung und dann auch keine gute Therapie machen. Ich muss diese Dinge wissen. Und sicherlich, wie du gerade gesagt hast, man kann jetzt nicht mit jedem – je nach Krankheitsbild auch und je nach Setting – jetzt das ausführlichste Betätigungsprofil aller Zeiten erstellen. Wir bleiben vielleicht mal in diesem Einrichtungssetting, weil ich das wirklich ganz spannend finde, weil ich auch eine Zeit lang in einer Frühreha gearbeitet habe. Da hab ich einmal dieses Zeitlimit, also ich weiß, unter Umständen ist die Person zum Beispiel nur drei Wochen da und ich kann jetzt nicht irgendwie eine Woche lang Assessments machen, ich muss hier liefern in Anführungszeichen. Dann hab ich die Situation, die Person selber ist vielleicht gar nicht so auskunftsfähig oder hat da Einschränkungen in der Kommunikation auch oder auch im kognitiven Verständnis, dass so ein Betätigungsprofil vielleicht zu komplex ist für die Person. Und ich hab ja ganz häufig vorgegebene Assessments, die ich durchführen muss für die Dokumentation, das ist ja je nach Einrichtung gibt es da ganz oft Standardvorgaben, einfach, genau. Ich muss den MoCA machen, ich muss den Mini-Mental – müssen wir nicht alle den Mini-Mental machen? – und dafür geht schon Zeit drauf, in Anführungszeichen. Und dann, natürlich verlangt da jetzt niemand: Setz dich jetzt aber mal mit dieser Person mit einer globalen Aphasie hin und versuch ein Betätigungsprofil zu machen. Aber ich kann das ja anpassen. Wichtig ist, dass ich für mich im Hinterkopf behalte: Ich als Ergotherapeutin muss was über den Alltag dieser Person erfahren. Und das kann sein über den Alltag, wie zum Beispiel vor der Erkrankung, einfach um herauszufinden, was ist der Person denn vielleicht wichtig, was sind denn bedeutungsvolle Betätigungen für diese Person gewesen, wenn sie mir das selber nicht sagen kann? Kann ich das von den Angehörigen erfahren, kann ich das irgendwie aus der Akte entnehmen? Und aber auch vielleicht über den zukünftigen Alltag, also in welches Setting kommt die Person denn wieder aus der Klinik heraus? Wird sie, soll sie dann wieder eigenständig zu Hause leben, wird sie in eine Pflegeeinrichtung kommen und was für Betätigungen sind denn da gegebenenfalls relevant? Weil nur dann kann ich ja meine Therapie entsprechend planen und ausrichten auf das, was die Person tatsächlich braucht. Und dann ist vielleicht meine Informationsquelle nicht das klassische Betätigungsprofil in aller seiner Tiefe und Ausführlichkeit, aber das Reasoning quasi ist dasselbe, dass ich diese Alltagsinformationen brauche.

01:02:11 Sabine Brinkmann: Absolut. Da bin ich voll und ganz deiner Meinung. Also für mich, überhaupt ein Assessment zu machen, das ist schon der allererste Schritt. Und wenn es dann tatsächlich noch irgendwie betätigungsfokussiert oder basiert ist, umso besser. Also ganz klares Plädoyer, und es ist ja auch so unfassbar. Ich könnte jetzt Geschichten erzählen über Klienten noch und nöcher, das würde die Zeit sprengen, wo es wirklich Sinn gemacht hat, auch wirklich betätigungsbasierte Erhebungsinstrumente durchzuführen, um einfach wirklich die Entscheidung treffen zu können: Kann die Person zu Hause wieder klarkommen? Aber eine Sache find ich vielleicht auch noch mal ganz wichtig, weil wir hatten vorhin die pädiatrischen Erhebungsinstrumente. Kinder kommen häufig in die ambulante Praxis und werden dann am SI-technisch diagnostiziert oder mit anderen Instrumenten. Und dann geht es schnell um die Schule und Schulfähigkeiten, ohne wirklich so richtig zu wissen, wie ist eigentlich die Hausaufgabensituation, wie ist die Situation in der Schule. Das Ableiten von Zielen ist natürlich das, was da ja auch dahinter steckt in dieser Aussage, schwierig. Also wenn ich jetzt wirklich ergotherapeutische Ziele entwickeln möchte, brauche ich natürlich auch diese Informationen, um dann zum Beispiel betätigungsfokussierende Ziele zu formulieren. Da brauche ich den Alltag als Informationsquelle.

01:03:36 Sara Mohr: Ja, ja, und das genau das alte. Da brauch ich den Alltag, weil das steht ja auch in der Empfehlung auch drin, dass es Betätigungsprofil, okay, und dann aber auch gemeinschaftlich festgelegte Ziele. Gemeinschaftlich festgelegt ist ja natürlich, wir wissen, das ist jetzt nichts Neues für alle, die zuhören. Natürlich wollen wir Ziele gemeinsam mit unseren Klientinnen festlegen. Das sagt sich aber immer viel leichter, als es sich tatsächlich tut. Im pädiatrischen Kontext habe ich eben eigentlich in 99,9% der Fälle nicht nur eine Person, die Ziele formuliert, sondern mehrere. Dann haben die Eltern ein Ziel, manchmal haben die beiden Elternteile unterschiedliche Ziele für das Kind, das Kind hat eine ganz eigene Idee, was es in der Therapie machen möchte oder gar keine Idee, was es in der Therapie machen möchte. Ich hab vielleicht auch einen Gedanken dazu, was ein sinnvolles Ziel sein könnte, die Lehrkraft hat noch einen Gedanken dazu – das zu koordinieren ist sicherlich eine Challenge. Da gibt es ja auch unterschiedliche Ansätze. Wenn ich dann mehr mit so einem CO-OP Hintergedanken da rangehe, dann richte ich mich erst mal nach dem Ziel des Kindes, um die Motivation zu sichern, hab aber natürlich auch Eltern- oder Schulziele. Aber ähnliche herausfordernde Situation, was gemeinschaftliche Ziele angeht, haben wir eben auch bei erwachsenen Klientinnen, die zum Beispiel Ziele entweder nicht gut kommunizieren können oder keine ausreichende Krankheitseinsicht haben, um realistische Ziele zu formulieren. Und das sind natürlich dann auch immer so ein bisschen Balanceakte, wo ich für mich gut entscheiden muss, zu welchem Ziel kommen wir jetzt auch gemeinschaftlich? Weil ich brauche irgendeine Form von Ziel. Also ich kann nicht ziellos in diese Therapie reinstarten und ich brauche eine Form von Ziel, die allen Therapiebeteiligten klar ist. Weil sonst habe ich – also erstens, ziehe ich mir ohne Ziel ganz hervorragend Langzeitpatienten, weil dann kann ich ja ewig therapieren, ohne Ziel kann die Therapie 200 Jahre dauern. Und es fehlt die Motivation, weil wofür soll ich denn in die Ergotherapie kommen, wenn ich gar nicht weiß, worum es da geht? Und ich hab eben auch, weil du eben das Stichwort Qualitätsmanagement angesprochen hast. Ich hab eben auch für mich selber gar keine Überprüfung, bringt meine Therapie, die ich hier mache, eigentlich überhaupt was oder nicht? Und da muss ein Ziel ja nicht immer 1000% nach SMART formuliert sein – du bist ja sowieso, Sabine, die COAST-Frau – es muss auch nicht 1000%, behaupte ich jetzt, ich hoffe, du bist nicht böse, es muss auch nicht jedes Mal 100% nach COAST formuliert sein, es muss einfach ein Ziel sein, auf das wir uns mit allen Therapiebeteiligten geeinigt haben und das allen bewusst ist.

01:06:20 Sabine Brinkmann: Nein. Das ist das Hauptkriterium, wenn es ums Ziel geht, dass es klar ist, also dass es verständlich und klar ist. Also die SMART-Kriterien gelten trotzdem, also es sollte Relevanz für die Person sein und vielleicht auch erreichbar in der Zeit sein, in der man das Ziel steckt. Ich glaube, über Ziele könnten wir auch tatsächlich eine ganze Menge reden, da hätte ich noch viel zu erzählen.

01:06:54 Sara Mohr: Übrigens, Sabine hat eine Podcastfolge schon gemacht mit den Performance Skills zu COAST.

01:06:59 Sabine Brinkmann: Genau, mit Jutta, zusammen mit meiner Kollegin Jutta Berding.

01:07:02 Sara Mohr: Genau, da kann man gerne reinhören, aber ich glaube, da kann man generell… Ich bin ja ein großer Fan von Treppenzielen, da gehen wir jetzt nicht rein in das Thema, aber finde ich dann noch… aber okay, nächste Podcastfolge, alles klar.

01:07:09 Sabine Brinkmann: Nein. Aber was vielleicht zu dem Aspekt noch relevant ist: Häufig wird gesagt, Patienten haben keine Ziele oder können keine Ziele formulieren. Das ist oft etwas, was mir die Studierenden im ELP-Studiengang, die ja schon dann auch wirklich arbeiten und im Arbeitskontext stehen, immer wieder vermitteln. Ich denke, das, was da der Schlüssel ist, ist, dass wir es auch lernen müssen, den Zielprozess gut zu gestalten. Ich meine, das ist ein Handwerkszeug, und da können wir gar nicht viel genug lernen, und das ist für mich eine kommunikative Lösung, die dahinter steht.

01:07:50 Sara Mohr: Und es ist noch nie vorgekommen, da bin ich mir so sicher, in noch keiner einzigen Therapie von allen Ergos auf der gesamten Welt ist jemals eine Klientin oder ein Klient zum Erstgespräch reingekommen und hat gesagt: “Schönen guten Tag, das hier ist mein Ziel. Nach SMART formuliert.”

01:08:08 Sabine Brinkmann: Naja, vielleicht schon, wenn die Tochter oder so Ergo ist.

01:08:11 Sara Mohr: Ja, okay, aber so jemand, der vorher noch keine Ergotherapie hatte, kommt doch nicht mit so einem vorformulierten Ziel da rein.

01:08:16 Sabine Brinkmann: Nein, nein, auf keinen Fall.

01:08:18 Sara Mohr: Niemals. Es ist ein Prozess – das hast du ja gerade auch gesagt, das ist ein gutes Wort, das noch mal – das ist ein Prozess, auf dem ich meine Klientin auch schon begleiten muss. Das können die nicht alleine gehen, das ist ja, das verlange ich ja Dinge von denen, die… Woher sollen die denn wissen, wie man ein Ziel findet? Je nach Erkrankung ist es… Keine Ahnung, ich habe schwere Depressionen, es ist mir überhaupt nicht möglich, überhaupt Visionen für meine Zukunft zu erarbeiten, das ist ja schon Teil der Therapie in dem Moment. Und ich war letztens selber in so einer Zielsituation, das war eigentlich ganz spannend, mal diesen Rollenwechsel zu haben, weil mein hartnäckiger innerer Schweinehund mich hartnäckig daran hindert, Sport zu machen, obwohl ich seit nunmehr zwei Jahren über dem Fitnessstudio wohne und da auch einen Vertrag hab und da theoretisch jederzeit hingehen kann. Ich muss nicht mal das Gebäude verlassen und trotzdem gehe ich nicht hin. Da hat mein Partner vor ein paar Monaten genug gehabt von meinen Ausreden und hat uns angemeldet für so ein Personal Training. Das macht ein sehr netter Physiotherapeut und da hat man dann festen Termin und dann muss man da hin, weil man hat auch dafür bezahlt und der wartet auf einen und dann macht er so ein Personal Training, da haben wir jetzt zehn Termine und beim ersten Termin fragte er mich halt, was ist denn dein Ziel? Und ich habe gesagt: “Ich weiß nicht, Sport machen.” Und er: “Ja, aber hast du irgendwie, keine Ahnung, willst du am Ende zehn Klimmzüge schaffen oder willst du irgendwie eine Stunde laufen können, was ist dein Ziel?” Und… Das weiß ich noch nicht. Ich muss jetzt erstmal gucken, was hier überhaupt passiert und was möglich ist, und ich weiß gar nicht, ob mein Körper in der Lage sein wird, zehn Klimmzüge zu schaffen, das kann ich null einschätzen, weil ich noch nie ein Personal Training hatte und nicht weiß, was hier passieren wird. Ich kann nur so ein allgemeines Ziel formulieren. Ich kann sagen, ich möchte gerne fitter werden, ich möchte gerne mehr Sport machen. Aber ich kann das noch nicht so spezifisch sagen und die Ideen, was so konkrete Ziele sein könnten – er war ein bisschen unzufrieden mit mir, aber da musste er durch – aber die Ideen, was so konkrete Ziele sein könnten, die kamen mir tatsächlich erst so nach 3, 4 Einheiten, wo ich dachte: “Ah ja, vielleicht wär es doch cool, einen Klimmzug zu schaffen.” Dann so, ja das haben wir jetzt mal ausprobiert, jetzt hab ich da so eine Idee zu, vielleicht ist das was, was mir gefallen könnte. Wir selber gehen ja auch durch so Prozesse durch, bevor sich so ein Ziel bilden kann.

01:10:38 Sabine Brinkmann: Absolut. Was ich total toll finde, ist ein absoluter Gamechanger. Ich weiß gar nicht, wo ich diesen Satz aufgeschnappt hab, bei Kirsten Minkwitz damals in Hannover oder bei der HODT-Fortbildung, ich weiß es gar nicht. Wenn Patienten nur sagen: “Ich möchte meinen Arm wieder bewegen,” dann einfach die Frage: Wofür möchten Sie denn den Arm wieder bewegen? Und da ins Gespräch zu kommen, das sind ja schon so kleine Betätigungsprofile, die man erstellt, wobei sie merken, dass das schwer fällt, und da dann entweder zurück auf die Alltagssituation zu kommen. Und wenn dein Fitnesstrainer mich jetzt gefragt hätte – also erstmal, wenn etwas Sport heißt, ist es definitiv nicht meins, es darf Fahrrad fahren heißen oder spazieren gehen oder Bewegung oder irgendwie sowas, aber es darf nicht Sport heißen – dann ganz klar so Alltagssituationen: die Treppe hochgehen können ohne zu schnaufen oder so. Das sind also die kleinen Dinge im Alltag, die dann mitunter auch im Alter landen, keine Gelenkschmerzen haben, wenn man lange Zeit am Computer sitzt.

01:11:53 Sara Mohr: Ja, genau, das war tatsächlich… das ist jetzt mittlerweile eins meiner Ziele, dass ich, wenn ich so einen Tag im Homeoffice am Computer habe, dann abends keine Nackenschmerzen habe.

01:12:01 Sabine Brinkmann: Aber du würdest natürlich auch da deine Umwelt anpassen, Mikropausen machen und so weiter, da wäre das Personaltraining nicht alleine der sinnstiftende Faktor.

01:12:09 Sara Mohr: Ja, genau, Arbeitsrhythmus hat sich ein bisschen angepasst.

01:12:16 Sabine Brinkmann: Ach Mensch, wir haben schon einen tollen Beruf. Wir können genau in die Richtung gehen.

01:12:17 Sara Mohr: Ja.

01:12:23 Sabine Brinkmann: Also, ich merke, über Ziele könnten wir echt noch länger sprechen. Ich springe mal weiter zur nächsten, der siebten: Keine Intervention, um einschränkendes und sich wiederholendes Verhalten, Aktivitäts- oder Interessensmuster zu reduzieren oder zu eliminieren, ohne die Bedeutung des Verhaltens für die autistischen Personen zu verstehen.

01:12:48 Sara Mohr: Das war ein langer Satz. Ich kann den noch mal kurz aufdröseln. Also, wir reden jetzt speziell über autistische Personen, und wir reden über diese repetitiven Verhaltensmuster, die ja ganz unterschiedlich aussehen können im Alltag dieser Personen. Und die Empfehlung sagt jetzt, wir sollen keine Intervention anwenden, um dieses repetitive Verhalten zu reduzieren oder zu eliminieren, ohne vorher verstanden zu haben, was dieses Verhalten bedeutet. Ich mag diese Empfehlung sehr gerne, weil da ja erst mal drin steckt und das ist etwas sehr Ergotherapeutisches, dass jedes Verhalten, jedes, für die Person immer eine Bedeutung hat. Niemand von uns zeigt irgendeine Verhaltensweise, ohne dass das eine Bedeutung für uns selber hat und diese Bedeutung zu verstehen, das ist die Aufgabe der Ergotherapie. Dazu muss man eben sehr genau hinschauen, gerade bei autistischen Personen, aber auch generell, um zu evaluieren, was ist denn diese Bedeutung. Ganz häufig handelt es sich bei autistischen Personen mit diesen repetitiven Verhaltensweisen um Stimming-Verhalten, also um Verhalten, das zur eigenen Regulation dient. Wenn ich das einfach eliminiere, weil es störend ist, zum Beispiel, weil es gesellschaftlich irgendwie stigmatisiert ist, dann füge ich der Person unter Umständen großen Schaden zu. Es gibt tatsächlich Studien dazu, das ist ganz gruselig, wenn man in dieses Rabbit Hole reinfällt – ich bin da mal reingefallen. Die zeigen, dass durch das Verbieten, das Eliminieren von diesem Stimming, von diesen repetitiven Verhaltensweisen, das selbstverletzende Verhalten, Depression und auch Suizidrisiko für die betroffenen Personen massiv ansteigt, weil ich den Personen einen ganz wichtigen Teil ihres Verhaltens wegnehme, ohne irgendwie eine Alternative zu etablieren, nur weil das Außen gestört sich fühlt durch dieses Verhalten.

01:14:57 Sabine Brinkmann: Ganz, ganz wichtiger Faktor, den du da erzählst. Also, ich denke, da muss man vielleicht wirklich noch mal ganz intensiv drüber nachdenken, was das im Rahmen der Ergotherapie dann tatsächlich auch bedeutet.

01:15:10 Sara Mohr: Die AOTA hatte dazu in ihren Empfehlungen so einen Entscheidungsbaum, den ich ganz cool fand. Den versuche ich jetzt mal – das ist natürlich eine sehr visuelle Geschichte, so ein Entscheidungsbaum – ich versuche mal, den euch zu erzählen. Es beginnt quasi damit, dass es heißt, okay, es gibt ein repetitives Verhalten und das wird als ein Problem identifiziert. Und das ist die erste Frage, die man sich stellen sollte: Wer hat denn das Problem, wer macht sich hier Sorgen? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten: Entweder die autistische Person selbst äußert, dass sie ein Problem mit dieser Verhaltensweise hat, oder jemand anders. Wenn die autistische Person selbst sagt, okay, diese Verhaltensweise, die ist schwierig für mich oder stört mich, vielleicht geht da auch eine Selbst- oder Fremdgefährdung mit einher. Es gibt ja durchaus gerade bei Kindern, aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen Stimming-Verhalten, das potenziell selbstverletzend ist, also dass Kinder zum Beispiel den Kopf auf den Fußboden schlagen oder so, weil sie keine andere Stimmingvariante für sich gefunden haben. Das ist natürlich was, wo wir auf jeden Fall intervenieren müssen, bevor die Person sich selbst verletzt, und wenn die autistische Person selbst sagt, okay, dieses Verhalten ist ein Problem für mich, dann sagt dieser Entscheidungsbaum ganz klar – der endet dann an dieser Stelle auch – okay, da bieten wir als Ergos Unterstützung an, wir arbeiten gemeinsam, warum wollen Sie dieses Verhalten ändern und was wären gegebenenfalls Alternativen, die wir etablieren können? Ein bisschen komplexer wird es, wenn jemand anders das Problem hat oder sich Sorgen macht um die autistische Person. Dann ist die nächste Frage: Besteht denn eine Fremdgefährdung, also dass andere Personen durch dieses Verhalten gefährdet werden – nicht gestört werden, sondern gefährdet? Dann muss ich natürlich genauer hinschauen. Das ist ein Verhalten, wo potenziell andere vielleicht verletzt werden oder ihnen geschadet wird. Da muss ich gucken, warum verhält die Person sich so: Gab es irgendeine Veränderung in der Umwelt, dass die Person, zum Beispiel das Kind, plötzlich angefangen hat, andere Kinder zu schlagen oder aggressiv auf andere Personen zu reagieren? Dann zu schauen, wie kann ich die Umwelt wieder anpassen, sodass die Person dieses Verhalten nicht mehr zeigen muss. Wenn keine Fremdgefährdung besteht, kann es trotzdem notwendig sein, genauer hinzugucken. Wenn das nämlich ein Verhalten ist, das neu aufgetreten ist oder in letzter Zeit stärker geworden ist. Und wenn das so ist, wenn das neue Verhaltensweisen sind, die stärker oder häufiger auftreten, dann könnte auch eine Intervention notwendig sein, auch wenn keine Fremdgefährdung besteht, weil das ein Zeichen sein könnte dafür, dass sich da gerade in der Umwelt was verändert hat, was für die Person potenziell irgendwie stressig ist oder ein Trigger ist, mit dem die Person nicht gut zurechtkommt. Wenn keine Fremdgefährdung besteht und das Verhalten sich in letzter Zeit auch nicht verstärkt oder verändert hat, dann schreiben die hier ganz klar – das ist der letzte Punkt in diesem Entscheidungsbaum – dann sollte das repetitive Verhalten nicht Inhalt der Intervention sein. Punkt. Vielmehr sagen sie, sollten die Angehörigen über den Sinn und die Wichtigkeit von diesem repetitiven Verhalten aufgeklärt werden, also dann gehen wir eher mit dem sozialen Umfeld edukativ vor und erklären, warum ist es wichtig, dass die Person, weiß ich nicht, alle Cremedosen in einer Reihe aufreiht jeden Morgen, bevor sie sich die Zähne putzt.

01:18:35 Sabine Brinkmann: Oder alle Spielzeuge in Reihe legt.

01:18:36 Sara Mohr: Da war so ein schönes Bild auf der Präsentation, auf dem Kongress, das du rausgesucht hattest. Genau, da lag ein Kind im Bett, schlafend, ganz friedlich, und es hatte neben sich alle Kuscheltiere, ich glaube sogar nach Größe, in einer anderen Reihe.

01:18:54 Sabine Brinkmann: Ja, es war überwiegend so Quietscheenten, die da aufgereiht worden sind.

01:19:00 Sara Mohr: Genau, ja, das war Empfehlung Nummer 7.

01:19:03 Sabine Brinkmann: Ja, ich finde solche Entscheidungsbäume total klasse, weil das ist ja schon auch eine sehr herausfordernde Situation für Ergos, das zu klären. Das ist ja mitunter, sind ja Situationen, die nicht ganz easy sind, weil die Bedürfnisse von Lehrenden und Umfeld an einen herangetragen werden, und das kann uns ja durchaus auch schon mal in der Behandlung auch wirklich überfordern, da alle Perspektiven gut zu behandeln und irgendwie gerecht zu werden. Ich finde solche Visualisierungen, um sich selbst klar zu werden, unglaublich hilfreich. Vielleicht sowas auch tatsächlich – jetzt vielleicht nicht so wie das die AOTA gemacht hat mit extrem viel Text – aber sowas vielleicht in klienten- oder angehörigengerechter Art und Weise mit ins Gespräch zu nehmen, schafft noch mal Klarheit bei allen Beteiligten und lässt vielleicht auch dann die Entscheidungsprozesse der Ergotherapie noch mal transparenter werden.

01:20:02 Sara Mohr: Das find ich ‘ne coole Idee. Ja, sehr schön.

01:20:05 Sabine Brinkmann: Es gibt viel zu tun. Ich gehe aber mal zum nächsten, weil wir haben tatsächlich ja noch einige: Keine Reflexintegrationsprogramme für Personen mit persistierenden primären motorischen Reflexen ohne klare Verbindung zu einem betätigungsfokussierenden Ziel. Und da ist es so, da weiß ich, dass du eine klare Haltung zu hast. Da hast du, glaube ich, auch tatsächlich eine ziemlich coole Podcast-Folge zu aufgenommen.

01:20:36 Sara Mohr: Genau, Folge Nummer 13. Da gehen wir in aller Ausführlichkeit auf zwei Dinge ein. Ding Nummer Eins: Es gibt persistierende primäre motorische Reflexe, oder manche nennen es auch persistierende frühkindliche Reflexe. Die gibt es. Und Punkt Nummer Zwei: Die Integration von diesen Reflexen mit diesen Übungen ändert überhaupt nichts an der Performanz im Alltag. Also, nur weil ich diese Übungen mache, heißt das nicht, dass das Kind danach besser Fahrrad fahren kann. Und das ist ja aber genau das, worauf ich mich in der Ergotherapie fokussieren möchte, nämlich ob das Kind Fahrrad fahren kann. Die Empfehlung sagt jetzt auch, ich brauche dieses betätigungsfokussierte Ziel, ich brauche dieses Alltagsziel, an dem ich arbeite in Ergo. Und dann kommt an dieser Stelle, ich hör euch alle schon denken, immer der Punkt: Ja, aber ich kenne jemanden, bei dem hat es geholfen.

01:21:29 Sabine Brinkmann: Ich wollte gerade sagen, also es gibt da doch immer wieder, also auch wenn ich das so thematisiere in der Lehre, gibt es immer wieder, aber bei dem Kind hat es…

01:21:37 Sara Mohr: Ja, aber die Tochter vom Cousin meines Friseurs, ja, ja. Das ist schön für die Tochter vom Cousin des Friseurs, auf jeden Fall super, aber wir dürfen nie von Einzelfällen auf die Gesamtheit schließen. Wir wissen nicht, was passiert ist bei der Tochter des Cousins des Friseurs. Und bei Studien zur Reflexintegration – und es gibt, hört die Podcast-Folge, es gibt gut gemachte Studien, das ist mal ausnahmsweise mal kein Feld, wo wir sagen: “Ah, wir haben nicht genug Studien, wir können es nicht so gut sagen.” Nee, wir haben ausreichend Studien, die zeigen, dass wir keine Kausalität feststellen können zwischen Übungen zur Reflexintegration und Betätigungsperformanz. Also wir können einfach – und das kann man auch in allen diesen Beispielen, diesen Einzelfällen nicht sagen – es ist die Reflexintegration, die geholfen hat. Und alle von euch, die in der Pädiatrie arbeiten, wissen das: Gerade wenn es darum geht, dass Kinder irgendwie Betätigung XY nicht können – der schreibt immer so unordentlich oder der ist im Unterricht immer so unaufmerksam oder Hausaufgabensituation eskaliert immer oder Fahrradfahren kann er immer noch nicht – ein Faktor, der ganz oft schon hilft, ist, dass man mit den Eltern erarbeitet, wie sie mehr Quality Time mit ihrem Kind verbringen können, wie sie mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen. Und das oft schon ganz viel am Verhalten des Kindes ändert, und diese Übungen zur Reflexintegration sind ja häufig Übungen, die die Eltern mit ihren Kindern regelmäßig – ich glaube, sogar einmal am Tag, je nachdem welcher Theorie man da anhängt – durchführen, das heißt, plötzlich gibt es eine halbe Stunde jeden Tag, wo Mama oder Papa sich ganz intensiv mit mir beschäftigen. Und dann ist es ziemlich wumpe, was in dieser halben Stunde passiert. Hauptsache, Mama und Papa nehmen sich mal richtig viel Zeit für mich. Wie gesagt, auch in den Studien kann man nie zeigen, dass es die Reflexintegration ist, die wirkt. Das heißt, ich muss mich in der Ergotherapie auf die Betätigung fokussieren und auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Deshalb macht es auch immer Sinn, die Eltern dabei zu haben in der Therapie. Genau.

01:23:47 Sabine Brinkmann: Ja, und das, was die Empfehlung ja noch sagt: ohne die Verbindung zu einem betätigungsfokussierenden Ziel. Das kann man auch noch mal ganz klar sagen. Also selbst wenn man dann der Meinung ist, hier muss reflexintegrativ gearbeitet werden, warum auch immer, sollte im Hinterkopf immer die Betätigung stehen. Also für was mache ich das tatsächlich?

01:24:11 Sara Mohr: Ja.

01:24:12 Sabine Brinkmann: Was soll denn anschließend dadurch besser werden? Dass das Kind besser schaukeln kann oder Fahrrad fahren kann oder mit Geschwisterkindern spielen kann – also das sollte schon auch in der Akte eher stehen als als abgesprochenes Thema da sein.

01:24:35 Sara Mohr: Sehr gut. Guck mal, das haben wir schnell durch.

01:24:37 Sabine Brinkmann: Ja, obwohl das so eine wichtige ist, ne. Ja, die nächste, das ist dann eher so wieder mein Gefilde, die neunte tatsächlich schon: Verwende bei Personen mit einem gelähmten Arm keine Schlingen, die den Arm über längere Zeit in einer Beugehaltung halten. Also gelähmter Arm – hier Ursachen können ja verschiedene sein, ob es ein Schlaganfall ist oder ein Unfall, wo eine Nervenläsion da ist oder ein Bandscheibenvorfall im höheren Segment, das ist etwas… Oh, also wir haben in unserer Präsentation da so ein paar Beispiele hinterlegt mit Fotos und das tut mir regelrecht schon weh, wenn ich sie sehe. Ja, das ist auch etwas, was ich immer wieder beobachtet hab in der Klinik, in der ich arbeiten durfte über so viele Jahre. Da hatten wir eine Orthopädie als auch eine Neurologie, und wenn Patienten dann hemiplegisch waren, zum Beispiel, dann wurde ganz schnell aus der Orthopädie eine Lagerungshilfe geholt. Das sind dann diese Lagerungshilfen, die man kennt, vielleicht für Personen, die sich den Arm gebrochen haben oder so, oder irgendwie die Schulter stützen sollen, wenn sie eine Schulter-TEP bekommen.

01:25:50 Sara Mohr: Mhm, und das sind ja diese Schlingen, wo der Arm in, also Ellenbogen 90 Grad Flexion und dann in Innenrotation ganz nah am Bauch gehalten wird.

01:25:57 Sabine Brinkmann: Genau, genau. Und das finde ich schon für Patientinnen und Patienten, oder Klientinnen und Klienten, oder wie man sie auch immer nennen möchte, total heftig, schon wegen der Fraktur am Arm, weil wenn die das länger haben, also länger diese Orthesen tragen, dann ist es einfach so, dass sie den Arm nicht mehr strecken können, obwohl vielleicht das Problem an der Schulter war, und das ist bei hemiplegischen Patienten und Klienten da echt noch mal exponentiell heftiger, weil die nutzen den Arm im Alltag nicht, und die Wahrscheinlichkeit, dass er dann angewandt wird, ist noch geringer, und wenn dann so mit eigenständigen Basteleien passiert…

01:26:38 Sara Mohr: Ja, manchmal machen Leute sich das ja selber.

01:26:40 Sabine Brinkmann: Ja, genau, also ob es jetzt irgendwie ein Gürtel ist oder irgendwie Pflegematerial direkt um den Hals legen und dann den Arm da rein. Also ich sehe immer noch die übermatten Hände da hängen.

01:26:52 Sara Mohr: Nach vorne so runterhängen auch, ja.

01:26:54 Sabine Brinkmann: Genau, also eigentlich wirklich etwas, was das Ganze noch eher verschlimmert, als dass es es verbessert. Aber ich kann auch die Klienten verstehen, die das sich selbst basteln, weil es ist natürlich unangenehm, wenn der Arm da so durch die Gegend fliegt beim Laufen.

01:27:01 Sara Mohr: Ne, ja, absolut. Ich hatte auch schon Leute, da fallen mir direkt drei ein, die zum Erstgespräch in die Praxis kamen und sich selber sowas gebastelt hatten. Dann hing der Arm, ich weiß nicht, der eine hatte das irgendwie mit einer Jacke, also sich die Ärmel zusammengeknotet und dann so halb über eine Schulter, und dann… konnte ich nicht evaluieren, wie der da drin hing, aber der hing da einfach aus diesem Bedürfnis heraus. Na ja, sonst, wenn ich laufe, dann ist es total unangenehm, natürlich, das Eigengewicht des Arms zieht dann, das kann durchaus auch nervlich Schmerzen machen. Natürlich muss man da was tun, aber halt nicht so eine Schlinge, weil diese Schlingen, wie du sagst, die sind dafür gemacht, den Arm ruhig zu stellen, und zwar kurzzeitig, zum Beispiel nach einer Fraktur. Kurzzeitig, und das ist halt nix für lange. Ich möchte ja nicht, dass der betroffene Arm ruhiggestellt wird. Ich will ja, dass der aktiv ist, dass der was tut im Alltag. Und das verhindert einfach komplett alle Chancen auf irgendeine neuroplastische Veränderung, wenn ich den Arm da ruhig stelle über längere Zeit. Nichtsdestotrotz, natürlich kann ich den auch nicht da so rumbaumeln lassen und dafür gibt es ja richtig schöne Orthesen, das sind so Textilorthesen, die das Schultergelenk oben stabilisieren und wo gleichzeitig der Arm vollumfänglich beweglich ist. Und die gibt es auch, und die können die Leute sich verordnen lassen, die kriegen die ohne Probleme, dann muss man meistens mal so eine Therapieeinheit investieren, um ihnen zu zeigen, wie die angelegt wird. Weißt, es ist gar nicht so intuitiv, wie man die anlegt. Ich hab da schon in Pflegeeinrichtungen tatsächlich öfter, ich hatte mal eine Zeit lang immer in meiner Hausbesuchstasche so bunte Klebepunkte. Und dann hab ich an diese Textilorthesen, weil die haben oft Klettverschlüsse, und welcher Klettverschluss gehört wohin? Dann hab ich irgendwann angefangen, bunte Klebepunkte zu machen – also, dann müssen die beiden grünen Punkte zusammengeklebt werden und die beiden roten Punkte zusammengeklebt werden, damit die Pflege die Person dabei unterstützen konnte, diese Schulterorthese anzulegen.

01:29:10 Sabine Brinkmann: Ja, aber da wär vielleicht ja dann auch mal der Einsatz der Nähmaschine oder so, oder dass man das dann auch langfristig irgendwie so markiert.

01:29:16 Sara Mohr: Stimmt, das geht jetzt auch, ja.

01:29:19 Sabine Brinkmann: Mit einem guten Textilstift oder so, weil ein Klebepunkt fällt ja doch mal ab. Und ja, bitte, bitte die Sachen auch mal reinigen. Also ja.

01:29:27 Sara Mohr: Man kann die waschen, die sind aus Textil, damit man die waschen kann, Leute.

01:29:30 Sabine Brinkmann: Genau.

01:29:36 Sara Mohr: Wir haben alle diesen Geruch sofort…

01:29:36 Sabine Brinkmann: Der Geruch, der kommt mir sofort in die Nase, ja. Also wie gesagt, ich kann das verstehen, dass die Personen sich auch ganz schnell selbst Lösungen finden. Also wie du das vorhin sagst, mit dem Pullover in die Jackentasche stecken, oder irgendwie auch eine Crossbody-Bag umlegen und das da rein, und es verhindert nicht nur die Bewegung, sondern es lässt mitunter, darüber, dass dann das Ellenbogengelenk schwer wird, auch noch die Subluxation verstärken. Also es ist auf doppelter Sicht… Und wenn dann die Schlinge nur um den Hals hängt, ist es auch dort nicht ganz unproblematisch, weil dann das Gewicht des Armes halt wirklich an einer Stelle hängt, die jetzt nicht unbedingt dafür gemacht ist, irgendwelche schweren Lasten zu tragen.

01:30:13 Sara Mohr: So ein Arm, der hat ein paar Kilo, das ist nicht ohne, ja.

01:30:27 Sabine Brinkmann: Ja, also lieber da den Sanitätsfachhandel – der ist sehr kompetent – und dann mit Klebepunkten oder mit Farbe arbeiten. Also das ist echt, das muss wirklich anvisiert werden, das Anlegen, weil sonst liegen die tatsächlich in der Ecke. Gut, wir sind bei der letzten Empfehlung angekommen: Biete keine Geh- oder Gangtrainingsmaßnahmen an, die nicht direkt mit der funktionellen Mobilität verknüpft sind. Ja, das ist auch etwas, tatsächlich, da habe ich eine ganze Menge mit meinen Studierenden drüber diskutiert, als ich denen unseren Vortrag vorgestellt habe, weil wenn man auf so einen Neurokongress geht, durfte ich jetzt die letzten Jahre häufiger mal hin, dann sieht man da die tollsten Gangtrainingsgeräte, also super Roboter und tolle Gewichtsentlastungsgeräte zum Trainieren, so Lokomaten zum Laufen, Laufbänder, die die wildesten Sachen machen können, wie irgendwie berghoch laufen und so weiter. Also da ist die Technik ja ziemlich ausgereift. Und jetzt kommt so eine Empfehlung, die man ja durchaus auch kritisch sehen kann.

01:31:44 Sara Mohr: Mhm, genau, und prinzipiell finde ich es… Also, als ich diese Empfehlung gesehen habe, und habe ich nur so überflogen, gesehen, “Ah, Gangtraining – wahrscheinlich steht drin, dass ihr Ergos das nicht machen sollt, weil die Physios da viel kompetenter sind”, aber genau das steht nicht drin. Also ich finde es sehr gut, dass wir aus der Denke rauskommen, dass die Physios die Beine machen und wir die Arme. Nein, Mobilität hat natürlich ganz viel mit Alltag zu tun. Aber da steht eben, ich muss es mit der funktionellen Mobilität verknüpfen, und die wenigsten von uns werden wirklich Teil unseres Alltags sein, auf einem Laufband zu laufen. Vielleicht im Homeoffice, vielleicht, wenn ich wieder ins Fitnessstudio gehen möchte und da auf dem Laufband laufen möchte, aber ansonsten ist Laufband laufen ein anderes Laufen als zu Hause bei mir über drei Bordsteine zum nächsten Bäcker zu laufen. Das heißt, Ergos, ja, macht Geh- oder Gangtrainingsmaßnahmen, aber immer mit dem Ziel: In welcher Umwelt muss die Person denn nachher laufen? Muss sie nachher mit dem Rollator in den Bus einsteigen können? Das ist eine ganz andere Geschichte, als an zwei G-Stangen auf dem glatten Klinikboden zu laufen. Und ich weiß gar nicht, ob ich das hier im Podcast schon mal erzählt hatte, aber ich bin ja momentan beteiligt an der Leitlinie zur Therapie der Mobilität nach Schlaganfall. Und eines der ersten Dinge, die wir beim ersten Treffen diskutiert haben, in dieser sehr interdisziplinären Runde, war: Wenn wir eine Leitlinie zur Mobilität nach Schlaganfall machen, wie definieren wir denn Mobilität?

01:33:22 Sabine Brinkmann: Oh, da bin ich jetzt gespannt, wie aktuell, weil wir haben im Hintergrund agiert. Ob das da was verändert hat in der Definition?

01:33:31 Sara Mohr: Die Debatte war heiß, es wurde vorgeschlagen: Na ja, Mobilität ist gleich Gehen, und zwar Gehen ohne Hilfsmittel. Weil das hätte dazu geführt, dass natürlich diese Leitlinie in ihrem Umfang rein pragmatisch viel einfacher zu bearbeiten ist. Also muss ich nur noch Studien gucken, in denen es irgendwie ums Gehen geht. Und dann? Wurden wir Ergos – ich bin da noch mit einer anderen lieben Kollegin drin, Grüße an Elisabeth an dieser Stelle – wir Ergos, aber auch die Physios, haben gesagt: Na ja, Moment, aber Mobilität fängt ja schon damit an, dass ich mich im Bett umdrehen kann. Also da fängt es ja schon an: Kann ich mich an die Bettkante setzen, kann ich aufstehen, kann ich einen Rollator benutzen, kann ich einen Gehstock benutzen, komme ich Bordsteine hoch und runter, habe ich Mobilität in der Gemeinde, kann ich mit meinem Rollstuhl an alle Orte, wo ich gerne möchte – das ist ja alles Teil der Mobilität. Dann waren alle so ein bisschen… Ja, wenn wir es so definieren, dann wird das aber ein ganz schön großes Projekt hier. Und wir so: Ja. Ja gut, dann dauert es halt ein bisschen, dann ist das so und dann dauert es halt ein bisschen länger. Es war wirklich eine sehr spannende Debatte, weil natürlich hat das auch den Medizinerinnen, die da waren, eingeleuchtet, dass das wichtig ist für den Alltag der Person. Und es sind ja auch immer Patientenselbstvertretungen dabei, also Leute, die selber in dem Fall einen Schlaganfall hatten, die auch gesagt haben: Ja, natürlich war das erstmal für mich wichtig, dass ich mich im Bett selber umdrehen kann oder dass ich mir allein die Schuhe anziehen kann – das hat einer tatsächlich als Beispiel gerade gesagt: Schuhe anziehen ist für mich Teil meiner Mobilität. Aber wir mussten da irgendwo den Mittelweg finden zwischen – was macht, hier pragmatisch auch Sinn und was ist so jetzt die reine Ergoperspektive da drauf – und wir haben uns dann schlussendlich dafür entschieden, dass wir, ich hab jetzt die genaue Definition nicht im Kopf, aber dass wir die Nutzung von Verkehrsmitteln tatsächlich nicht mehr mit reinnehmen, dass wir die rauslassen, aber dass wir schon auch so beginnende Mobilität mitdenken, also Gehen mit Unterstützung zum Beispiel. Das Thema ploppt aber auch in den Diskussionen immer mal wieder auf. Wir hatten demnächst eine ganz spannende Session, wo wir Evidenzen bewertet haben zu – ach, ich weiß gar nicht mehr, ich glaube, Gehgeschwindigkeit quasi, wie die erhöht werden kann durch welche Therapiemaßnahmen. Und dann haben wir uns in eine sehr theoretische Diskussion verfranzt, wo es darum ging, ab welchem Cut-Off – ich glaube der 6-Minuten-Gehtest – denn ein klinisch relevantes Outcome ist. Also es wurde sehr, sehr theoretisch und dann hat sich irgendwann die Patientenselbstvertreterin gemeldet und gesagt: Das ist ja alles gut und schön, was Sie hier besprechen, aber was heißt das denn jetzt: Schaffe ich es in der Grünphase über die Ampel oder nicht? Das war so gut. Ich dachte, genau das ist ja die Alltagsfrage, die sich stellt: Bin ich schnell genug, um bei Grün über die Ampel zu kommen? Und das sagt eigentlich auch diese Empfehlung, also ich brauche als Zielsetzung eine funktionelle Mobilität: Wozu will die Person gehen, wohin will sie laufen, geht es darum, vom Bett ins Badezimmer zu kommen oder geht es darum, den Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einer Dreiviertelstunde zu bewältigen? Und entsprechend muss ich meine Geh- oder Gangtrainingsmaßnahmen anpassen.

01:37:03 Sabine Brinkmann: Also auch da ganz klar. Wenn ich jetzt so einen Rehabilitationskontext denke, ist Vertikalisieren ein ganz großes Ziel. Das Ziel des Vertikalisierens, also aus dem Liegen in den Stand oder in den Gang bringen, hat ja nicht nur den Effekt, dass jemand irgendwohin läuft, sondern dass Tonus, Aufmerksamkeit, aber auch Darmprozesse – also ganze Kreislaufprozesse – in Gang gehalten werden, um die Person im ersten Schritt natürlich auch wieder ins Überleben zu bringen. So, und das ist natürlich dann am Anfang das Ziel, und wenn ich in der Klinik arbeite, ist dann das Ziel, vielleicht irgendwann bis zum Schrank oder bis zur Toilette zu laufen. Und das wird dann auch schon interessant, weil dann vielleicht die Sturzgefahr… Das sind also, wie du schon sagtest, man muss funktionelle Mobilität wirklich sehr groß definieren und funktionale Mobilität ist ja nicht nur das Gehen, sondern auch die Mobilität im Rollstuhl und das Nutzen von Verkehrsmitteln, wie du das sagst, und da denke ich schon, wenn so eine Leitlinie erstellt wird, dass vielleicht die Breite des Themas definiert werden sollte, aber dann natürlich einschränken, weil wir haben über diese Komplexität nur wenig Studien. Also da ist es dann so, ich weiß nicht, ist es eine S3-Leitlinie, wo dann vielleicht auch Expertenmeinung mit integriert werden kann, dann wird es natürlich sehr, sehr schwierig, das auch auf Studienebene zu belegen und dadurch klare Evidenzen zu bringen, aber das zu benennen, find ich total wichtig, und diese Situation, den Patientinnenvertretern – das kenne ich zu Genüge – wenn es dann zu theoretisch wird, ist das so wertvoll, dass…

01:38:46 Sara Mohr: Total.

01:38:47 Sabine Brinkmann: …dass da dann wirklich auch Personen sitzen, die das dann noch mal wieder ins richtige Licht rücken, weil wir stehen immerhin in Dienstleistungen für diese Personen. Ja, und klar, es ist signifikanter, irgendwie drei Sekunden schneller zu sein, aber hat das denn jetzt einen Einfluss auf meinen Alltag?

01:39:06 Sara Mohr: Ja, genau, genau.

01:39:07 Sabine Brinkmann: Na, ist ja schön, in der Klinik gerade laufen zu können, aber wenn zu Hause dann eine Türschwelle ist und ich die nicht bewältigen kann, ja, das ist so what, dann bringt es mir nichts, dann bleib ich vielleicht dann doch im Rollstuhl sitzen, zu Hause.

01:39:15 Sara Mohr: Dann bringt es mir nichts, ganz genau, ganz genau.

01:39:20 Sabine Brinkmann: Weil die Sturzgefahr so groß ist.

01:39:21 Sara Mohr: Genau, und da ist es auch noch mal eine… Also, wir haben jetzt nicht gesagt, ihr sollt kein Geh- oder Gangtraining machen, wir haben auch nicht gesagt, ihr sollt keine Laufbänder benutzen. Ich glaube gerade diese Laufbänder sind ja gut als vorbereitende Maßnahmen, also zum Beispiel, wenn ich in einem sicheren Rahmen erst mal die Voraussetzung schaffen muss fürs Gehen – Laufband, hochrepetitiv, hochfrequent, super gut, gerade wenn jemand zum Beispiel auch Sturzangst hat und es erstmal wirklich in diesem sicheren Rahmen braucht und es gibt auch diese Laufbänder, wo man mit Gurten in so einem Tragesystem drin ist, wo wirklich nichts passieren kann. Als Start super, aber ich muss das früher oder später – lieber früher als später – mit der Mobilität im Alltag einfach verknüpfen, sonst hab ich diesen Übertrag nicht und dann kann die Person ganz toll im Laufband laufen, aber kommt eben alleine zu Hause doch nicht ins Bad.

01:40:12 Sabine Brinkmann: Da wieder ein klares Plädoyer an das Betätigungsprofil, ja.

01:40:17 Sara Mohr: Genau.

01:40:18 Sabine Brinkmann: Und auch hier wieder den Kontext, in dem man die Dienstleistung durchführt, ist auch relevant. Also den auch dort zu betrachten als Betätigungswelt, für die Situation natürlich zu bedenken, was ist die Situation danach? Aber Voraussetzung schaffen, Vorbereitung im klinischen Situation schließt einen Fokus auf Betätigung nicht aus. Ja, das waren die zehn, ne.

01:40:44 Sara Mohr: Das waren die zehn. Es steckt sehr, sehr, sehr viel drin. Wie gesagt, auf der Homepage in den Shownotes habt ihr auch noch mal Links dazu, jede einzelne Empfehlung wär eine eigene Podcastfolge wert, aber das sind sie, wie sie aktuell sind. Und Sabine, jetzt so am Ende noch mal ein kleiner Ausblick: Hast du Wünsche, wenn es neue oder überarbeitete Practice Smart-Empfehlungen gibt? Für zukünftige Empfehlungen.

01:41:16 Sabine Brinkmann: Ja, also ich denke, die sind schon ganz gut. Wie die Schweizer das gemacht haben, kann man manche Prinzipien vielleicht zusammenfassen, weil sie in gleiche Bereiche reflektieren oder referieren. Aber wenn ich jetzt so meinen Alltag anschaue mit den Themen, mit denen ich mich jetzt gerade so umgebe, ist ganz klar die digitale Rehabilitation, die Anwendung von Apps und das ganze Drumherum. Es wird immer digitaler, wir haben Themen wie ChatGPT und Co., also KI und die Rehabilitation wird immer digitaler. Ganz viel wird abgegeben an die App und da wär ich gespannt, was da so die Zukunft bringt, und ich kann mir vorstellen, dass wir da unglaublich profitieren würden, wenn wir da Empfehlungen geben könnten.

01:42:08 Sara Mohr: Ja, das stimmt, das ist ein sehr spannendes Thema, wo es auch gar nicht so leicht ist, tatsächlich eine Übersicht über die Evidenzen zu bekommen. Ich glaub, das muss man sehr differenziert betrachten, weil das unglaublich viel Potenzial hat, aber es ist eben auch kein Allheilmittel. Und da so die Grenzen rauszufinden, das wird noch sehr spannend in den nächsten Jahren.

01:42:35 Sabine Brinkmann: Glaube ich. Gibt es Themen, die du relevant findest?

01:42:38 Sara Mohr: Ich glaube, ich hätte gerne fachbereichsspezifische Empfehlungen – also zumindest für die Ergotherapie, weil wir haben jetzt viel Pädiatrie und Neuro eigentlich drin gehabt, ein bisschen auch Ortho, aber es war jetzt zum Beispiel, wenn ich jetzt noch mal drüber gucke, zum Beispiel für die Psych gar nichts drin.

01:42:56 Sabine Brinkmann: Arbeitsrehabilitation.

01:42:58 Sara Mohr: Genau. Also da hätte ich gerne, dass man in den Feldern vielleicht noch mal zehn individuelle Empfehlungen oder fünf individuelle Empfehlungen für die einzelnen Fachbereiche macht, das würde, glaub ich, auch helfen, das noch mal ein bisschen gezielter tatsächlich umzusetzen in der Praxis. Das fände ich spannend.

01:43:15 Sabine Brinkmann: Abschließend muss man ganz klar sagen, die Art der Wissensvermittlung finde ich einfach cool. Da sind so zehn wirklich tolle Empfehlungen rausgekommen, die regelmäßig reflektiert werden, und sie sind so niederfrequent, also man kann sie so verstehen, es wird beschrieben und… Also die Art der Knowledge Translation, also die Translation oder die Übersetzung von Evidenzen in die Praxis, find ich wirklich toll gelungen. Also es ist definitiv ein Projekt – das eigentlich schade ist, dass es vorbei ist. Also klar, vielleicht ist man aufgerufen, es einfach weiterzumachen.

01:43:52 Sara Mohr: Mhm, ja, ja, vielleicht müssen wir eine Arbeitsgruppe gründen. Alle, die mitmachen wollen, bitte einmal melden an dieser Stelle, dass wir die einmal für Deutschland adaptieren. Oh ja, und vielleicht noch weiterentwickeln.

01:44:05 Sabine Brinkmann: Das wäre echt cool, aber es müsste natürlich auch Zeit in Anspruch nehmen. Aber es macht sicherlich Spaß.

01:44:11 Sara Mohr: Das ist ein Projekt, wie gesagt, die Schweizer haben vier Jahre lang jetzt daran gearbeitet.

01:44:17 Sabine Brinkmann: Aber das ist auch so die Zeit, wenn man eine neue Leitlinie auf den Markt bringt, dauert die mitunter auch so lang. Das ist gerade jetzt S3-Leitlinie, da stecken ja auch Empfehlungen dahinter.

01:44:23 Sara Mohr: Ja. Sehr gut.

01:44:30 Sabine Brinkmann: Ja, Mensch, also ich glaube, die Podcastfolge könnte jetzt noch zwei Stunden weitergehen.

01:44:35 Sara Mohr: Wir können jetzt hier noch weiterquatschen, aber ich bin total froh, dass du dabei warst. Ihr da draußen, dürft jetzt euren Schlips wieder anziehen. Wenn euch danach ist, ihr dürft ihn aber auch auslassen. Und dann würde ich vorschlagen, wir machen an dieser Stelle einen Deckel drauf.

01:44:52 Sabine Brinkmann: Ja, Dankeschön.

01:44:52 Sara Mohr: Ich bedanke mich, dass du da warst.

01:44:55 Sabine Brinkmann: Ich bedanke mich für die Einladung, hat mir Spaß gemacht, obwohl ich ja am Anfang ziemlich aufgeregt war.

01:44:59 Sara Mohr: Hat man gar nicht gemerkt.

01:45:00 Sabine Brinkmann: Aber mit dir zu quatschen, macht es immer Spaß, gerade über solche Themen.

01:45:08 Sara Mohr: Dann würde ich sagen, bis zur nächsten Folge.

01:45:11 Sabine Brinkmann: Alles Gute, Dankeschön.

(Dieses Transkript wurde mit Unterstützung von KI generiert.)

Die Studie in Bildern

1 Comment

MIM
26. September 2025

Haha, ich muss zugeben, diese Podcast-Folge ist ja eine richtige Ergo-Perle! Die Diskussion über Seilzüge bei Hemiplegie ist ja mal ein klassisches Hilfe, ich glaube, ich bins überdreht-Thema. Aber ehrlich, das mit den Reflexintegrationen und den sinnlosen Memory-Spielen – da wird einem wirklich klar, was für ein komplexes Universum Ergotherapie ist. Und die Idee, die Angehörigen bei der Zielformulierung zu unterstützen, ist ja mal ein Gedanke, der wirklich ins Auge fällt. Aber was mir am besten gefallen hat: Die Anerkennung, dass wir alle nicht immer die perfekten SMART-Ziele haben, sondern manchmal auch ein nur mal so ein Ziel ausreichen. Da bin ich voll dabei!MIM

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