#32 - ein logisches Modell für den Alltag
Psychische Erkrankungen können großen Einfluss auf die Betätigungen im Alltag haben. Unsere heutige Studie stellt dar, wie Ergotherapie im Hausbesuch zu mehr Wohlbefinden und Teilhabe bei komplexen Betätigungen beitragen kann.
Geschichten aus dem Alltag: Sarah macht Klingeltraining und Sara weint um Kürbisse.
Lust auf mehr Evidenz für dein Team?
Zum Mental Load & Equal Care Test geht es hier.
Das Factsheet mit Basisdaten zu psychischen Erkrankungen der DGPPN gibt es hier.
Die Studie aus dieser Folge:
Patmisari, E., Huang, Y., McLaren, C., Bhatia, P., Orr, M., Govindasamy, S., Hielscher, E., & McLaren, H. (2025). Review of community-based interventions for people with serious mental illness, focusing on learning instrumental activities of daily living and enhancing wellbeing. Scandinavian Journal of Occupational Therapy, 32(1), 2468421.
00:00 Begrüßung und Einstieg
Sara Mohr und Sarah Bühler begrüßen die Zuhörenden zur neuen Folge „Evidenz auf die Ohren“, dem Podcast für evidenzbasierte Praxis in der Ergotherapie. Die beiden sprechen über ihre Geschichten aus dem Alltag.
00:18 Einführung ins Thema: IADLs und Bedeutung in der Psychiatrie
Im Gespräch fokussieren Sara und Sarah auf die Bedeutung von IADLs (instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens), einem zentralen Betätigungsbereich in der Ergotherapie, insbesondere bei Klient*innen mit psychiatrischen Erkrankungen. Hierzu zählen komplexe Aktivitäten wie z.B. Telefonieren, Einkaufen, Kochen oder der Umgang mit Geld, die häufiges soziales und organisatorisches Geschick erfordern. Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen in diesen Bereichen oft Unterstützung, da sie aufgrund von Erfahrung von Stigmatisierung, Ausgrenzung und sozialer Isolation Gefahr laufen, IADLs zu vernachlässigen. Über die Jahre kann so ein Kreislauf aus Einsamkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung entstehen.
00:21 Warum gemeindenahe Ergotherapie?
Sara führt aus, dass gemeindenahe Ergotherapie, also im häuslichen Umfeld stattfindende Therapie, den Alltag von Menschen mit psychischen Erkrankungen am sinnvollsten unterstützt, weil Herausforderungen häufig im realen Wohn- und Lebensumfeld auftreten. Das Ziel ist es, Handlungsfähigkeit, Selbstständigkeit und Zufriedenheit möglichst langfristig zu erhalten. Die beiden Hosts fragen sich, wie effektiv gemeindenahe ergotherapeutische Interventionen tatsächlich sind und bringen hierzu eine neue Übersichtsarbeit ein.
00:22 Überblick über die Review-Studie
Die Studie (Review) hat untersucht, ob und wie gemeindenahe Ergotherapie (inkl. Hausbesuche) das Wohlbefinden und die Teilhabe bei Menschen mit psychiatrischen Diagnosen verbessert. Kriterien für die Aufnahme in das Review waren:
Klient*innen mussten mindestens 15 Jahre alt sein,
eine psychische Diagnose aufweisen,
eine gemeindenahe Intervention erhalten,
und das Studiendesign musste das Wohlbefinden nach Intervention messbar machen.
Insgesamt wurden 9.426 Studien gescreent; letztlich erfüllten 30 Studien die Kriterien – diese stammten mehrheitlich aus den USA, aber auch aus Australien, Kanada, Europa und Asien. Deutschland war nicht vertreten. Das Review berücksichtigt sowohl qualitative als auch quantitative Ansätze.
00:24 Methodik und Studiendesign
Beschrieben wird, dass die Studien eine breite Spannweite der Stichprobengröße hatten (von Einzelfallstudien bis hin zu Studien mit 244 Teilnehmer*innen, insgesamt 1.516 Personen). Es wurden drei Interventionsschwerpunkte ermittelt:
Einfache IADLs: Grundlegende Alltagskompetenzen (z.B. Planung von Assistenz, Terminorganisation, Haushaltsführung, Nutzung von Erinnerungsfunktionen auf Smartphones).
Komplexe IADLs: Kompetenzen für anspruchsvolle Alltagsaufgaben (z.B. Wocheneinkäufe, Orientierung im öffentlichen Nahverkehr, Vertragsmanagement, Umgang mit Geld, Arbeitsfähigkeiten).
Freizeitaktivitäten: Förderung von Bewegung, Zugang zu Vereinen und sozialen Gruppen, Hobbys finden und regelmäßige Gruppenaktivitäten etablieren.
00:30 Ergebnis: Ein logisches Modell
Im nächsten Abschnitt besprechen Sara und Sarah das im Review beschriebene Logic Model, das drei zentrale Bausteine umfasst: Input, Prozess und Outcome. Die Studien zeigen: In der gemeindenahen Ergotherapie – speziell im häuslichen Umfeld – müssen bestimmte Komponenten eingebracht werden. Daraus ergibt sich ein therapeutischer Prozess mit festgelegten Grundsätzen, der wiederum bestimmte Outcomes, also Ergebnisse für das Wohlbefinden der Nutzer*innen, produziert.
Die Studie fasst diese Outcomes wie folgt zusammen:
Verbessertes Wohlbefinden: Die ergotherapeutischen Interventionen führen dazu, dass sich die Klient*innen insgesamt wohler fühlen.
Erhöhte Teilhabe in der Gemeinde: Die Betroffenen nehmen wieder aktiver am gesellschaftlichen Leben und an Gemeinschaftsaktivitäten teil.
Mehr Selbstständigkeit im Alltag: Klient*innen bewältigen Instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens (IADLs) selbstständiger, z.B. Einkaufen, Nutzung von öffentlichem Nahverkehr, Haushaltsführung.
Bessere Lebensqualität: Insgesamt verbessert sich die Lebensqualität durch die gezielten ergotherapeutischen Maßnahmen im eigenen Lebensumfeld.
00:00:22 Sara Mohr: Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge Evidenz auf die Ohren Eurem Podcast für Evidenzbasierte Praxis in der Ergotherapie mein Name ist Sara Mohr und hier bei mir im digitalen Podcast Studio ist Sarah Bühler.
00:00:36 Sarah Bühler: Hallo.
00:00:38 Sara Mohr: Du darfst nicht, wenn ich uns rein moderiere, lachen!
00:00:43 Sarah Bühler: Ich spreche das so mit im Kopf und ich höre eindeutig Evidenz auf die Ohren und denke: Falsch! Ergo Unterwegs!
00:00:49 Sara Mohr: Ich bin hier jedes Mal unsicher, wie der Podcast heißt. Aber es ist zu spät. Wir können uns nicht mehr umbenennen, es ist zu spät bei Folge 32. Der Drops ist gelutscht.
00:01:02 Sarah Bühler: Ja.
00:01:05 Sara Mohr: Sarah, Wie geht es dir? Hast du eine Geschichte aus Dem Alltag dabei?
00:01:06 Sarah Bühler: Ja, verschiedene aus welchem Bereich magst du denn was hören?
00:01:13 Sara Mohr:. Ich mag zuerst was, was lustiges, dann was ergo-bezogenes und dann was Schönes.
00:01:24 Sarah Bühler: Okay also was lustiges. Ich mach mit unserem Hund gerade Klingeltraining.
00:01:28 Sara Mohr: ist das so wie Clickertraining bei Katzen?
00:01:30 Sarah Bühler: Nee, ist der bellt, wenn es klingelt. Es hat mich die ganze Zeit schon gestört, aber es hat mich noch nicht so sehr gestört, dass ich gedacht habe, ich brauche dafür ein Training. Aber jetzt mit Baby, weil wenn er dann wirklich bellt und dann das Baby erschrickt und dann gibt es Schreierei und das ist jedes Mal einfach Stress. Also stand mein Mann vorhin vor der Tür und hat immer wieder geklingelt und ich hab den Hund in seinen Korb geschickt, und wenn er dabei nicht gebellt hat, hat er einen Dekadi bekommen. Das war die letzte halbe Stunde, so der Nachbar von drüben kam schon und hat gesagt: “Oh, mein Mann, Hilfe braucht!” Ja, also gleichzeitig lustig und ja, nützlich, nützlich, wenn das klappt, genau, sehr cool. Sind schön, das ist ein schönes Bild, ja, kannst du dir vorstellen, sehr gut, ja. Gut, genau, also und später nach dem Podcast werden wir sehen, ob das gefruchtet hat, weil dann üben wir das noch mal und gucken, ob das auch hängengeblieben ist, dass er auch bei diesem Ton in seinen Korb geht.
00:02:35 Sara Mohr: Und dann gibt es ein Leckerchen, wenn man es gut gemacht hat.
00:02:41 Sarah Bühler: Sehr schön. Schauen wir mal, genau. Also das war die erste Geschichte aus dem Alltag, dann was Ergo-bezogenes. Mhm, ich arbeite ja wieder n bisschen, so n paar Stunden die Woche, und ich find es mega entspannt, nur so n paar Klientinnen zu haben.
00:03:02 Sara Mohr: Ja, ja, das glaube ich.
00:03:04 Sarah Bühler: Weil man sich doch noch mal anders vorbereitet, so vielleicht doch einfach bisschen mehr Kapazität hat.
00:03:11 Sara Mohr: Ja.
00:03:12 Sarah Bühler: Finde ich sehr schön. Ja, dann mach ich momentan viel Handtherapie und muss sagen, es gelingt mir immer besser, da auch n Alltag mit einzubeziehen, beziehungsweise hab ich die Rückmeldung von Praktikanten, das ist so Alltagsbezogen, wäre auch, wenn es für mich gar nicht so alltagsbezogen vorkam.
00:03:31 Sara Mohr: Ja, es hat halt seine Grenzen.
00:03:31 Sarah Bühler: Ja, weil wir schon auch viel Übungen machen und so, aber wir fragen immer, ne.
00:03:32 Sara Mohr: In der Handtherapie gehabt.
00:03:35 Sarah Bühler: Was geht denn im Alltag, was geht nicht? Brauchen Sie n Hilfsmittel, wie auch immer, genau, und ich glaub, ich bin da auf einem guten Weg. Das heißt, der Alltagsbezug ist…
00:03:43 Sara Mohr: So über die Gespräche mit den Leuten dann quasi so. Ja, ja, cool.
00:03:47 Sarah Bühler: Ja.
00:03:48 Sara Mohr: Sehr schön. Sehr cool. Und die Dritte?
00:03:53 Sarah Bühler: Die Dritte, was war denn das dritte Thema?
00:03:54 Sara Mohr: Ne schöne…
00:03:58 Sarah Bühler: Schönes, momentan bisschen Zeit zu haben, einfach so. Ich arbeite ja deutlich weniger. Zeit zu haben, in den Garten zu gehen, das ist wirklich schön, und da hab ich vorhin Tomaten und Gurken geerntet.
00:04:11 Sara Mohr: Ach, kannst du schon ernten? Meine Tomaten sind noch grün, ich hab noch… Nee.
00:04:15 Sarah Bühler: Nein, die, die der Hund nicht frisst, die kann ich ernten. Der geht abends, darf der ab und zu bisschen in den Garten, und jetzt hab ich ihn dann auf der Terrasse erwischt mit 5 Tomaten, die er da gebunkert hat.
00:04:34 Sara Mohr: Ja, schön. Ja, Garten ist wirklich ne schöne Sache. Ich hab ja, ich hatte ja so viel angepflanzt im Hochbeet, ich hab sie auch immer wieder erzählt, und jetzt waren wir demletzt…
00:04:42 Sarah Bühler: Ja, was macht denn dein Borretsch?
00:04:44 Sara Mohr: Ja, dem Borretsch geht es gut, niemand braucht sich Sorgen machen um den Borretsch, aber ich hatte ja noch andere Dinge angepflanzt, unter anderem hatte ich mir 2 Kürbispflanzen gezogen, 2 wunderschöne Kürbispflanzen. Wir waren letzte Woche weg, als es so heiß war, und ich hatte extra… Ich hatte die noch mal gut gegossen, dann hatte ich die auch so ein bisschen abgedeckt, dass die Erde nicht so viel austrocknet, aber wir sind da auf dem Balkon im 4. Stock, da ist nichts drumrum, was viel Schatten macht, und dann war das in dieser Zeit, wo es so heiß war, vor ein paar Wochen. Und wir kamen zurück. Dem Borretsch ging es gut, aber die Kürbispflanzen waren beide komplett vertrocknet und es war so traurig, immer, weil ich hab, weißt du, die hatten schon Blüten, also das war klar, ich hätte da bestimmt 4 Kürbisse rausbekommen auf dem Balkon, wie cool wär das gewesen, und die waren einfach beide komplett vertrocknet, und ich hab echt… Ich musste, ich sag das jetzt im Podcast, ich muss n bisschen weinen, ich war wirklich traurig, es hat mich total… Ich hab die gezogen aus dem Samen, das war echt Arbeit über Wochen und Monate, und dann sind die einfach innerhalb von einer Woche…
00:05:39 Sarah Bühler: Ja, das glaube ich.
00:05:48 Sara Mohr: Ärgerlich, ja.
00:05:49 Sarah Bühler: Polly hat auch ne Zucchinipflanze ausgegraben. Die hatte schon eine Zucchini, eine Zucchini, eine Zucchini, da hat sie sie komplett ausgegraben.
00:05:56 Sara Mohr: Man darf sich nicht so, nicht so emotional attachen an Gemüse.
00:06:04 Sarah Bühler: Ja.
00:06:08 Sara Mohr: Sehr gut. Ich hab auch nur noch eine kleine Geschichte aus dem Alltag, ja. Und zwar eine gemeinsame, die brauch ich dir gar nicht erzählen, weil wir haben sie gemeinsam erlebt. Aber ich wollte den Leuten, die da draußen zuhören, gerne erzählen, dass wir einen sehr schönen Teamtag hatten. Zum Thema Flow. Eure Praxis hat mich ja eingeladen, dass ich kommen darf zu eurem Teamtag und n bisschen was über Flow und Flow im Team und Flow auf der Arbeit, aber auch Flow im Rahmen von Betätigungsbalance so im Alltag erzählen durfte, und das war sehr schön und es gab sehr leckeres Essen. Und ist n sehr cooles Team und es hat wirklich viel Spaß gemacht. Und ich durfte das ne Woche später noch für ne andere Praxis machen, weil es halt so sehr viel im Flow die letzten Tage… und das Angebot steht auch noch, wenn gerade jemand zuhört und denkt, Mensch, am Teamtag dieses Jahr, was machen wir denn? Man kann mich buchen, dann kommen wir gemeinsam mit dem Flow. Wir machen auch lustige Flow-Spiele im Team. Genau. Und ich hab noch eine letzte Geschichte aus dem Alltag. Ich hab noch einen Nachtrag zur letzten Folge, da haben wir ja mit Dilara und Alika über Feminismus gesprochen, und Kathrin hat mir geschrieben über Instagram und hat gefragt oder erzählt, dass sie oft den Mental-Load- und Equal-Care-Test macht. Denn gerade so, ja, mental load und so, die Mehrbelastung von einer Person zum Beispiel im Alltag, gerade… es ging um Haushaltstätigkeiten auch im Podcast.
00:07:44 Sarah Bühler: Da gibt es n Test.
00:07:46 Sara Mohr: Da gibt es einen Test und der…
00:07:46 Sarah Bühler: Ich will den.
00:07:47 Sara Mohr: …kostenfrei im Internet verfügbar. Ich mach den Link in die Shownotes. Ich kann… also, der ist so aufgebaut, ist echt ganz cool, das ist quasi ne Liste von Betätigungen. Die sind aufgeteilt in die Kategorien Haushalt und Wohnen, Fahren und Freizeit, Beziehungspflege, das sind so die drei Grunddinger. Und dann gibt es noch extra Dinger, die halt nicht für alle relevant sind. Aber dann gibt es zum Beispiel noch einen Block für mit Kindern, also geht es um Kita und Schule, Kleidung und Transport, Schlaf und Beziehung, Körper und Pflege, Geburtstage, Feste und so weiter. Und dann noch einen Block für mitpflegende Angehörige, was ja in der Therapie auch mal relevant sein kann. Und dann ist da immer aufgelistet, also zum Beispiel aus Haushalt und Wohnen, Betten frisch beziehen, und dahinter kann man dann ankreuzen, gibt es zwei Ankreuzkästchen. Entweder: Mache ich oder denke ich dran. Also beziehe ich die… Bin ich im Haushalt die Person, die die Betten frisch bezieht, ja oder nein, und bin ich auch die Person, die daran denkt, dass die Betten mal wieder frisch bezogen werden müssen, was dann der mental load wäre, und dann kann man eben eins oder beide oder keins dieser Kästchen ankreuzen.
00:08:58 Sarah Bühler: Ich mag den direkt runterladen, weil das was morgen fürs Team bei uns.
00:09:02 Sara Mohr: Ah ja, sehr gut. Ich schick dir nachher den…
00:09:06 Sara Mohr: Ja, also ich find den sehr cool. Ich hab den tatsächlich auch mal… Ich hab den schon ausgefüllt, mein Vater muss den noch ausfüllen. Ich möchte das gemeinsam reflektieren. Und ich… Ich fand es vor allem auch schön, ein großer Teil ist natürlich dieser Haushalt-und-Wohnen-Betätigungsblock, aber auch der Block Beziehungspflege. Also, wer denkt denn zum Beispiel dran, Paartermine zu organisieren, so Date-Night oder so was? Wer denkt dran, Erinnerungen und Fotos aufzubewahren? Wer denkt dran, gemeinsame Feste zu organisieren und so? Das fand ich ganz schön und mit Kindern ist da natürlich noch mal ein Riesenblock, wann was da alles zu denken und zu machen ist. Und das kann man da ganz gut aufdröseln und eben nicht nur, wer macht was, sondern wer denkt auch dran, dass bestimmte Dinge gemacht werden müssen, also wer trägt den mental load dabei. Genau. Link ist in den Shownotes, kann man für sich selber, aber auch in der Therapie, glaube ich, ab und zu mal ganz gut nutzen und ist kostenlos als PDF herunterladbar. Danke an Kathrin.
00:10:11 Sarah Bühler: Ja, vielen Dank.
00:10:14 Sara Mohr: Gut, wollen wir mit der Wissenschaft starten, ja. Ich hab eine kleine, feine Studie heute mitgebracht. Wir hatten, glaub ich, vor ein paar Folgen gesagt, wir hatten lange nix mehr so aus dem Psychbereich, und deshalb hab ich uns mal hands on eine Studie zum Thema Psych rausgesucht. Von diesem Jahr, und die ist erschienen im skandinavischen Ergo Journal. Und das Schöne ist ja, ich weiß gar nicht, ob ich es hier schon erzählt hatte: Das skandinavische Ergo Journal ist seit diesem Jahr, seit einem Jahr, komplett Open Access. Das heißt, ihr könnt die Studie auch auf jeden Fall nachlesen. Link zu allen Studien ist wie immer in den Shownotes. Die Studie ist ein Review, das heißt, es wurden zu bestimmten Suchbegriffen ganz viele Studien gesucht, dann wurden die rausgesucht, die zur Fragestellung passen, und dann wurden die Ergebnisse zusammen ausgewertet von diesen verschiedenen Studien. Aber worum geht es denn? Es geht um community based interventions for people with serious mental illness, also gemeindenahe Intervention für Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen. Und um so in das Thema psychiatrische Erkrankung mal reinzukommen, wollte ich mich noch ein bisschen einlesen und hab ein sehr schönes Fact Sheet gefunden von der DGPPN, also von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Die haben ein Factsheet von letztem Jahr, Link dazu auch in den Shownotes, mit so ein bisschen Daten und Fakten zu psychischen Erkrankungen in Deutschland. Und ich fand es ein bisschen… Ich fand es sehr spannend, die sagen zum Beispiel in diesem Factsheet, dass in Deutschland jedes Jahr 27% der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, 27%. Mehr als ein Viertel, also 17,8 Millionen Menschen, wenn jemand mit so großen Zahlen was anfangen kann. Und von diesen 27% nehmen pro Jahr aber nur 18% tatsächlich Kontakt zu Behandlerinnen und Behandlern auf. Also viele dieser 17,8 Millionen Menschen haben vielleicht eine Diagnose, haben Symptome, haben Beschwerden, aber keine… Nehmen aber keinen Kontakt oder nehmen keine Behandlung in irgendeiner Form auf. Die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland ist die Angststörung. Das sind 15%. Dann kommt an Stelle zwei die affektiven Störungen, das sind größtenteils Depressionen, und an dritter Stelle Störung durch Alkohol oder Medikamentenkonsum. Das sind so die drei häufigsten, und dann stand noch was sehr Spannendes in diesem Factsheet. Da stand nämlich drin, dass diese Zahlen, diese Prozentzahlen, wie viele Leute von was betroffen sind, von einer Datenerhebung von 2011 sind.
00:13:12 Sarah Bühler: Oh krass, also weit vor Corona.
00:13:15 Sara Mohr: Das, genau das ist da nicht mit drin und generell halt, also nur 14 Jahre alt, und die sagen aber auch, also diese Zahlen, diese epidemiologischen Daten, die wurden damals 2008 bis 2011 in der großen Studie… Da wurde eine repräsentative Stichprobe standardisiert mit einem klinisch-diagnostischen Interview befragt, um quasi zu gucken, wie viele von dieser repräsentativen Stichprobe haben welche psychische Erkrankung. Und dann wurde das eben übertragen auf die Gesamtbevölkerung. Das war eine sehr aufwendige Datenerhebung, und die hat man halt damals gemacht, und seitdem war das einfach nicht mehr drin. Seitdem müssen wir uns auf so ein bisschen kleinere Studien mit viel unsichereren Ergebnissen verlassen, es gibt aktuell eher Daten, also zum Beispiel das Robert Koch-Institut, das RKI. Erhebt regelmäßig mit einem Mental Health Surveillance, heißt das, Daten zu psychischer Gesundheit. Die machen aber halt nur eine telefonische Befragung und befragen dann halt Leute telefonisch, was sie für psychische Symptome haben. Und das ist dann halt kein, man kann halt gar nicht sagen, die Person, die ich gerade am Telefon hatte, hat eine Depression. Dafür, das kann ich halt in so einem Telefoninterview nicht rausfinden, aber ich krieg halt so ein bisschen mehr Indikatoren für die psychische Gesundheit in der Bevölkerung. Und laut diesen Daten aus diesem Mental Health Surveillance vom RKI, die sind, hab ich das Neueste gefunden von 2023, da lag der Anteil der Personen, deren depressive Symptome als auffällig zu bewerten sind, bei 20%.
00:14:52 Sarah Bühler: OK, ja.
00:14:53 Sara Mohr: Also auch immer noch viel? Ja, und nur 36% der Bevölkerung bewerteten ihren psychischen Gesundheitszustand als sehr gut oder gut. Nur ein Drittel. Also zwei Drittel haben 2022 gesagt, sie haben eher einen mittleren bis schlechten psychischen Gesundheitszustand. Das ist schon ein bisschen besorgniserregend. Mhm. Generell stehen psychische Erkrankungen in Deutschland zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Die anderen drei Ursachen, die dazu zählen, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumorerkrankungen und muskuloskelettale Erkrankungen, also die guten alten Rückenschmerzen zum Beispiel. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben aber zudem im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung eine um zehn Jahre verringerte Lebenserwartung. Und wenn wir über psychische Erkrankungen und Lebenserwartung sprechen, müssen wir auch über Suizid sprechen. Im Jahr 2022 haben sich etwa zehntausendeinhundert Menschen das Leben genommen und Schätzungen zufolge, das kann man natürlich nur schätzen, aber Schätzungen zufolge lassen sich zwischen 50 und 90% der Suizide auf eine psychische Erkrankung zurückführen. Was einfach nur mal diesen Leidensdruck klar macht und auch klar macht, wie schwer es da einfach manchmal ist, Hilfe zu bekommen. Jetzt gucken wir uns das Ganze, letzte Zahlenrunde, jetzt gucken wir uns das Ganze noch ein bisschen ergotherapiebezogen an. In 2023 entfielen laut GKV ungefähr ein Viertel, also 24,5% der Gesamtverordnungen mit ergotherapeutischen Heilmittelleistungen auf das Indikationsgebiet psychische Störung. Also ungefähr ein Viertel der Verordnung, die wir behandeln, sind für Menschen mit psychischen Störungen. Das ist ganz schön viel. Also, gucken wir uns das an. Und natürlich macht es Sinn, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen Ergotherapie bekommen, weil so eine psychische Erkrankung geht mit Betätigungseinschränkungen einher, so Bumsfallera. Deshalb geht es in dieser Studie auch um psychische Erkrankung und die Studie fokussiert sich so ein bisschen auf Menschen, vor allem, die seit längerer Zeit mit psychischen Erkrankungen leben, und vor allem auf Menschen, die mit einer Schizophrenie-Diagnose leben, also schon schwerere psychiatrische Erkrankungen. Und in dieser Studie tauchen jetzt zwei Begriffe auf, die wir kurz noch mal auseinanderdröseln, und da werden jetzt Ergos da draußen sein, die uns auslachen, dass wir diese Begriffe auseinanderdröseln, und da werden aber auch Ergos da draußen sein, die sagen: Gut, dass es jetzt noch mal jemand erklärt. Wir sprechen über ADLs, und ja, ich erklär jetzt nicht, was ADLs sind – Aktivitäten des täglichen Lebens. Aber was sind BADLs und was sind IADLs? Gut, dass du auch ein bisschen verunsichert guckst. Ich wusste: BADLs sind die Basic-ADLs, und IADLs sind instrumentelle ADLs, aber ich wusste dann nicht so genau… Also, BADL ist Basic. BADLs sind so was wie Toilette benutzen, essen, sich anziehen, also wirklich die grundlegenden Dinge, die ich für meine Selbstversorgung tun muss, aber wirklich die ganz einfachen Basisbetätigungen?
00:18:19 Sarah Bühler: Zur Selbstversorgung so.
00:18:27 Sara Mohr: IADLs, instrumentelle – das sind Betätigungen, die mehr kognitive und organisatorische Fähigkeiten brauchen, also zum Beispiel telefonieren, Essen einkaufen, Essen kochen, mit Geld umgehen. Diese ganzen Sachen – also immer, wenn es ein bisschen kognitiv und organisatorisch komplexer wird, sprechen wir von instrumentellen ADLs. Und Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen brauchen häufiger Unterstützung, vor allem bei diesen instrumentellen ADLs, sicherlich teilweise auch bei den Basic ADLs, aber vor allem bei den IADLs, auch weil instrumentelle ADLs eher in der Gemeinde oder in sozialen Gruppen stattfinden, oder ich hab mehr soziale Kontakte, häufiger bei instrumentellen Aktivitäten, und das können dann ja auch immer Betätigungen sein, bei denen betroffene Personen Ausgrenzung erfahren, Diskriminierung erleben, Stigmatisierung erleben und diese Betätigung dann vielleicht auch eher vermeiden. Mhm, wir wissen, da gibt es auch Zahlen zu: Menschen mit psychischen Erkrankungen beschreiben häufiger, dass sie sich einsam fühlen, dass sie Einsamkeit erleben, dass sie wenige soziale Kontakte haben. Und das auch – wir reden ja hier über Leute, die über Jahre schon eine Diagnose haben –, dass eben auch über Jahre Unterstützungssysteme einfach wegbrechen. Und dadurch, dass diese Unterstützungssysteme wegbrechen, erleben dann Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen auch häufiger Dinge wie Wohnungslosigkeit, Armut oder sind häufiger gezwungen, zur Kriminalität überzugehen, und das macht dann da… das ist einfach ein riesengroßer, komplizierter, nicht so schöner Lebens-, eine nicht so schöne Lebenssituation, in der man sich dann da befindet. Und um jetzt diesen Personen Handlungsfähigkeit zu ermöglichen, Selbständigkeit zu ermöglichen, Zufriedenheit im Alltag zu ermöglichen und das auch möglichst lange aufrechtzuerhalten, macht es ja Sinn, dass Ergotherapie community based, also gemeindenah, stattfindet. Nämlich genau da in der Gemeinde – wenn wir sagen, instrumentelle Aktivitäten sind ein Problem, instrumentelle Aktivitäten finden häufig in der Gemeinde statt, dann macht es doch voll Sinn. Und jetzt wär’s doch auch schön, wenn jemand mal in einer Studie nachguckt, wie effektiv denn gemeindenahe Ergotherapie für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist. Kommt aus Kanada oder war nur da veröffentlicht die Studie – ich war schon, warte, das hab ich nicht gesagt.
00:20:57 Sarah Bühler: Weil da muss ja Community Base Ergotherapie dann ein größeres Ding sein wie hier.
00:20:57 Sara Mohr: Warte, ich gucke nach, also das Review wurde gemacht von Forschenden aus Australien. Aber das ist ja nur das Review gemacht wurde, wo die einzelnen Studien herkamen, das sag ich gleich noch mal, das hab ich hier in meinen Notizen drin stehen. Genau gemeint. Ja, du meinst, weil gemeindenahe Ergotherapie in Deutschland immer auch so ein Finanzierungsproblem ist. Ja, ja, die fassen den Begriff hier ziemlich weit. Also ich glaube, man kann sich ja auch angesprochen fühlen, wenn es einfach nur darum geht, dass man einen Hausbesuch macht bei jemandem mit einer psychischen Erkrankung, also in dem Setting behandelt, in dem die Person lebt.
00:21:28 Sarah Bühler: Genau das.
00:21:44 Sara Mohr: Ja, also das kriegen wir. Mit Hausbesuchen könnten wir das, was die Studie hier anspricht, abdecken. Genau. Und die haben eben gesagt: Na ja, da wär doch gut, wenn wir uns mal angucken, wie effektiv es denn ist, wenn wir Ergotherapie im häuslichen Umfeld dieser Leute stattfinden lassen. Und dann haben sie das mal gemacht, weil es gibt nicht nur eine Studie, die sich das anschaut. Es gibt einige, und deshalb haben sie eben gesagt: Wir machen ein Review und fassen mal die Ergebnisse dieser verschiedenen Studien zusammen. Und die haben dann bei ihrer Suche nach diesen Studien erst mal noch mal eine interessante Beobachtung gemacht. Sie haben gesagt, die meisten Studien, die sie gefunden haben, bei denen es um Menschen mit psychischen Erkrankungen ging, da fokussierte sich die Ergotherapie darauf, durch bestimmte Aktivitäten die kognitiven Symptome der Erkrankung zu beeinflussen. Also es wird in Studien geguckt, ob die Person nach Intervention X besser sich konzentrieren kann oder bessere soziale Interaktion zeigt oder so. Aber uns interessiert ja nicht, ob die Person sich besser konzentrieren kann, sondern ob die im Alltag besser zurechtkommt. Also verändert sich durch die Intervention der Alltag der Person, und das war eben auch die Fragestellung in diesem Review. Deshalb haben sie sich Studien angeschaut oder haben nur Studien mit reingenommen, die sich die IADLs angucken, also die instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens, die sich das Wohlbefinden der Person angucken und die Teilhabe in der Gemeinde verändern. Sie haben Studien reingenommen, bei denen es um Personen ging, die mindestens 15 Jahre oder älter sein mussten, also es sollte um Jugendliche, Erwachsene gehen. Die mussten irgendeine psychiatrische Diagnose definitiv haben, innerhalb dieser Studie eine gemeindenahe Intervention oder eine Intervention im häuslichen Umfeld erhalten haben, und es sollten in der Studie irgendwelche Aussagen getroffen worden sein über das Wohlbefinden der Person nach der Intervention. Und da haben sie neuntausendvierhundertsechsundzwanzig Studien gefunden. Und dann haben sie die aber natürlich noch mal gescreent und ein bisschen feiner gesiebt. Und dann sind sie am Ende mit 30 Studien in dieses Review gegangen. Und diese 30 Studien – jetzt kommen die Länder: Von diesen 30 Studien waren 19 aus den USA.
00:24:01 Sarah Bühler: OK.
00:24:03 Sara Mohr: Zwei waren aus Australien. Und dann jeweils eine Studie aus Kanada, China, Großbritannien, Indien, Italien, Taiwan, Südafrika, den Niederlanden und Japan.
00:24:16 Sarah Bühler: OK, Deutschland gar nicht mit dabei.
00:24:18 Sara Mohr: Deutschland war nicht dabei. Das waren vier qualitative Studien. Die meisten, nämlich 21, waren quantitativ, und fünf Studien waren Mixed Methods, also qualitative und quantitative Elemente. Es gab Studien, die hatten nur eine teilnehmende Person, also Einzelfallstudien, und die Studie mit den meisten Teilnehmenden hatte 244 Teilnehmende, und so kamen sie insgesamt mit diesen 30 Studien auf eintausendfünfhundertsechzehn Teilnehmende. Und wir springen von hier – das war jetzt genug Methodik – einmal direkt zu den Ergebnissen, weil diese Studie macht was sehr Schönes in den Ergebnissen. Die haben ein Bild, und es ist ein sehr einfaches Bild. Ihr könnt euch das, weil die Studie Open Access ist, auch selber angucken. Link ist in den Shownotes. Aber man kann es auch gut beschreiben: Es sind quasi drei Kästen nebeneinander, wie so ein kleines Flowchart, man liest es von links nach rechts. Der linke Kasten ist der Input, der mittlere Kasten ist der Prozess und der rechte Kasten ist das Outcome. Man nennt das auch ein Logic Model, ein logisches Modell. Ich gebe etwas rein, dann passiert ein Prozess, und dann kriege ich ein Outcome. Und sie haben quasi gesagt: OK, durch diese Studien, die wir hier gereviewt haben, können wir sagen, ich muss in der gemeindenahen Ergotherapie, in der Ergotherapie im häuslichen Setting, einen bestimmten Input geben. Ich muss bestimmte Komponenten da reingeben, dann passiert ein therapeutischer Prozess, der bestimmten Regeln folgen sollte, da gehen sie dann gleich drauf ein, und dann kriege ich fünf Outcomes, die das Wohlbefinden dieser Leute verändern. Deshalb reden sie von Input, Prozess und dann Outcomes, und wir gucken uns jetzt mal an, was sie bei diesen drei Blöcken jeweils vorschlagen, basierend auf diesen Studien.
Beim Input sagen sie: Na ja, es gibt quasi drei Bereiche, die wir abdecken, die die Studien in dem Review abgedeckt haben. Es gab Studien, die haben sich auf die einfachen instrumentellen Aktivitäten fokussiert, also wo es um so Grundroutinen im Alltag ging. Das war in Interventionen, wo die Leute dabei begleitet wurden, zu organisieren, dass sie persönliche Assistenz bekommen, die zum Beispiel mit ihnen zu Terminen geht, Arzttermine oder Behördentermine oder so. Aber auch, wenn die Intervention so eine Edukation von grundlegenden Aktivitäten war, also wie putze ich denn zum Beispiel ein Badezimmer oder mein Zimmer? Aber auch, wie finde ich denn zum Beispiel Videos im Internet, die mir erklären, wie man ein Badezimmer putzt? So grundlegende Sachen, Smartphone-Skills, damit ich mir ein Reminder stellen kann und an meine Medikamente denke. Und diese – diese Ergo-Klassiker von Ablaufplänen für Alltagsroutinen, also einen Wochenplan zu machen: Wann sollte denn was passieren? Oder wenn es um Haushaltstätigkeiten geht, einen Monatsplan: Wann muss geputzt werden? Das waren so diese einfachen IADLs, die da als Input reinkamen.
Dann gab’s Interventionen, die haben sich mehr auf die komplexen IADLs fokussiert. Also so einen Wocheneinkaufplan für mehrere Personen oder wie orientiere ich mich denn zum Beispiel in der Gemeinde, wie nutze ich öffentliche Verkehrsmittel, Nutzung von Navigationsapps, Management von Geld – und zwar nicht nur, wie viel Kleingeld habe ich im Portemonnaie, sondern wirklich, wie führe ich denn ein Konto, wie schließe ich denn Verträge ab und solche Sachen. Und dann natürlich auch Strategien für soziale Fähigkeiten, zum Beispiel am Arbeitsplatz, Verhaltensweisen zur Arbeit.
Und der dritte Bereich, der da als Input reingeflossen ist, neben den einfachen und den komplexen IADLs, waren Freizeit-ADLs: Wie kann ich denn mehr Bewegung in meinen Alltag haben, kriege ich eigentlich Zugang zu Vereinen, die mich interessieren, oder zu Freundesgruppen, die ich gerne hätte? Und da waren dann eben Therapieinhalte: Sportarten zu finden, die einem Spaß machen, Hobbys zu finden, die einem Spaß machen, oder auch regelmäßige Treffen mit Gruppen zu organisieren. Das ist der Input.
Und im zweiten Kasten, im Prozess, geht es dann darum: OK, wie läuft, wie sollte denn jetzt die Therapie ablaufen laut diesen Studien? Diese Therapie, die im häuslichen Setting bei diesen Leuten zu Hause passiert. Und sie sagen, OK, es sind sechs Punkte zu bedenken. Das erste ist, wir brauchen individuelle Ansätze, die von Zielen geleitet sind und auf Rollen ausgerichtet. Also das überrascht jetzt irgendwie auch keinen – damit die Klient*innen motiviert sind, sollten die Ziele Sinn ergeben für ihren Alltag.
00:29:16 Sarah Bühler: Ja.
00:29:18 Sara Mohr: Ja, brauchen wir jetzt nicht diskutieren, und sie sollten idealerweise auf die Rollen ausgerichtet sein, die die Person neu ausüben möchte oder wieder ausüben möchte – also in Bezug zu den Rollen im Alltag dieser Person. Dann der zweite Punkt ist: strukturierte Programme und Learning by Doing. Den fand ich sehr schön, die sagen: OK, wenn es zu den individuellen Zielen von dieser Person ein passendes strukturiertes Programm gibt, dann bitte dieses manualisierte Programm benutzen. Wenn es keins gibt, was da gerade passt, dann betonen diese Studien, wie wichtig das ist, in dieses Learning by Doing zu kommen, also direkt mit den Personen in die Umsetzung zu kommen. Wenn es darum geht, dass ich, weiß ich nicht, im Fußballverein mitspielen will und ich muss dann mit dem Bus hinfahren und das Busfahren ist das Problem, dann fahren wir mit dem Bus mal diesen Weg und gucken, wie das klappt. Die nennen das – ich fand den Ausdruck sehr schön – hier, die nennen das Hands-on-Activities. Und ich finde es so schön, weil aus der neuen Welt, aus der Neurocom, und Hands-on heißt für mich immer: Ich fass die Leute an, ja. Und Hands-on in der Psyche ist aber hands-on: Wir machen das jetzt einfach mal.
00:30:30 Sarah Bühler: Ja, wär mir auch. Also wir in Deutschland haben ja gerade auch die Möglichkeit, sonst, wenn wir keinen Hausbesuch haben, das über die Beratung zur Integration ins soziale Umfeld zu machen. Und über die Blankoverordnung können wir jetzt, meine ich, sogar zweimal pro Quartal eine Beratung zur Integration ins soziale Umfeld machen.
00:30:46 Sara Mohr: Ja, das ist ja cool. Das ist schon gut. Das Ganze ist: das erste Mal benutzen, Massen-Betätigungsanalyse, und guckst dir so ein bisschen den Kontext und alles an, dann erarbeitest du weiter Sachen und dann machst du zwischendrin noch mal so eine Reevaluation und…
00:30:58 Sarah Bühler: Mhm, genau, ich bin nicht sicher, ob es pro Quartal ist oder pro Blanco zweimal. Das müsste ich noch mal nachlesen, gucken.
00:31:08 Sara Mohr: Und sie sagen also, wenn diese Hands-on-Activities nicht möglich sind, also wenn die direkte Umsetzung der Betätigung in der Therapie nicht möglich ist – keine Ahnung, weil es eine Betätigung ist, die sehr lange dauert oder die einfach zum Beispiel nicht mit der Therapeutin, dem Therapeuten anwesend umgesetzt werden kann –, dann sollen Rollenspiele zum Einsatz kommen oder die Person angeregt werden, quasi Alltagsexperimente selber durchzuführen. Das ist ja ein Wort, das ich gerne mag.
00:31:37 Sarah Bühler: Ja.
00:31:38 Sara Mohr: Wir machen jetzt einfach mal ein Experiment.
00:31:42 Sarah Bühler: Wird auch eigentlich gut angenommen, weil das so suggeriert, dass es auch schiefgehen darf.
00:31:47 Sara Mohr: Genau, weil wir haben es ja nur mal ausprobiert, und dann, ah, jetzt haben wir gemerkt: Okay, so klappt es nicht. Ist so ein bisschen wie bei den Kindern im Koop: Wir machen jetzt mal einen Plan und dann gucken wir, ob der Plan funktioniert oder nicht. Der nächste Punkt, den sie sagen, der wichtig ist für den Prozess, ist die Beteiligung des Support-Systems. Also das Einbeziehen von den Personen, die den Alltag teilen mit den betroffenen Personen, sagen sie, ist grundlegend, weil wenn die positiv am Prozess beteiligt sind, dann sind die super wichtige Informationslieferantinnen über den Alltag und was da eigentlich so los ist und was da klappt und was nicht klappt, und die können halt super stark als Motivation wirken, wenn Dinge gemeinsam gemacht werden. Und sie sagen explizit, dass auch Peers Teil des Support-Systems sind, also andere von psychischen Erkrankungen betroffene Personen. Und deshalb kann es auch Therapieinhalt sein, den betroffenen Personen Zugang zum Beispiel zu Selbsthilfegruppen zu ermöglichen oder zu einem anderen informellen Austausch mit anderen betroffenen Personen, weil das ein wichtiger Pfeiler von diesem Support-System sein kann.
00:32:59 Sarah Bühler: Mhm, meine Erfahrung ist, man muss aber das erste Mal mitgehen oder zumindest telefonisch den Weg begleiten.
00:33:07 Sara Mohr: Telefonisch den Weg zur Selbsthilfegruppe begleiten.
00:33:10 Sarah Bühler: Ja, vorher anzurufen, zu sagen: “Ah, gehen Sie heute, wie ist denn das? Mhm, ja, gehen Sie denn los? Soll ich noch mal anrufen?” Sonst fällt es vielen tatsächlich schwer, tatsächlich loszugehen. Und bisher waren alle dann begeistert.
00:33:33 Sara Mohr: Eigentlich ja, ich glaube, Selbsthilfegruppen haben einen viel zu schlechten Ruf – dieses Klischee von: Wir sitzen im Kreis, und jeder erzählt, wie schlecht es ihm geht. Und ich habe – also die Selbsthilfegruppen, die ich kennenlernen durfte, waren natürlich wieder Neuro-Selbsthilfegruppen, aber ist ja egal – das waren einfach… Entweder waren es superlustige Gruppen, die einfach auch gerne Zeit miteinander verbracht haben, oder es war wirklich ein super informativer Austausch untereinander, wo man sich gegenseitig Tipps gegeben hat und auch einfach dieses Gefühl kriegen konnte: “Na ja, okay, ich habe jetzt zwar nicht den perfekten Tipp für mich gefunden, aber wenigstens bin ich nicht alleine mit dem Problem.” Ja, leider, leider schade, dass das… Aber ich glaube, das Image ändert sich so ein bisschen. Oder hast du das Gefühl, das ändert sich – das Image von Selbsthilfegruppen?
00:34:15 Sarah Bühler: Kann ich nicht sagen. Also, ich glaub, viele haben doch Hemmungen hinzugehen, das erste Mal.
00:34:20 Sara Mohr: Ja, ich glaub, ich wär auch nervös, wenn man erstmal in eine neue Gruppe geht.
00:34:24 Sarah Bühler: Ja, voll.
00:34:28 Sara Mohr: Spannenderweise zu diesem Thema Selbsthilfegruppen schreiben die auch hier in dem Artikel, dass es Studien gibt oder dass eine der Studien, die sie hier integriert haben in diesem Review, sogar gezeigt hat, dass die gegenseitige Unterstützung durch Peers dazu führt, dass die Personen eine größere Adhärenz an die Therapie zeigen – also die Personen, die in Selbsthilfegruppen sind oder die sich regelmäßig mit anderen Betroffenen treffen, die nehmen zuverlässiger an Therapiesitzungen teil, die nehmen regelmäßiger ihre Medikamente, die sind eigenständiger, quasi in ihrer Gesundheitskompetenz. Und da kann so ein Peer-Support ein ganz wichtiger Faktor sein. Und als letzten in dieser Kategorie schreiben sie – das fand ich ganz schön – Support und Support-System kann übrigens auch durch Tiere erfolgen. Schreiben sie: Haustiere können auch Teil des Support-Systems sein und damit dann auch ein wichtiger Punkt, der in der Therapie zu bedenken ist. Dann sollte im Prozess eben diese Integration in den Alltag und in die Gemeinde verfolgt werden. Also es wird noch mal betont, die Intervention sollte idealerweise so viel wie möglich direkt im Alltag der Person stattfinden. Und ich muss die Inhalte der Intervention halt auch sehr genau abstimmen auf die Wünsche und Ziele der Person, die in ihrer Umwelt möglich sind. Genau, da kommen wir nachher noch mal so ein bisschen zu dem Punkt. Dann beschreiben einige der Studien den Einsatz von Technologien, vor allem, um zum Beispiel Alltagsprobleme zu lösen, also zum Beispiel wurden in den Interventionen an Smartphone-Skills gearbeitet oder es wurde geschaut, wie man bestimmte Apps oder bestimmte Homepages nutzen kann, um Informationen zu finden. Außerdem haben ein paar Studien beschrieben, dass so Virtual Reality genutzt wurde, um, wenn die Leute das Ziel hatten, mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren – ja, also ein bisschen mehr, weiß nicht, ob das schon als Sport zählt, aber sich mehr zu bewegen –, eben durch so ein bisschen Gamification, ist so ein bisschen Motivation.
00:36:36 Sarah Bühler: Ja.
00:36:38 Sara Mohr: Genau. Und dann schreiben sie aber auch, die Autorin, dass bei dieser Kategorie, wo es um Technologien geht, bei so einer Intervention immer zu bedenken ist: Wenn ich mit einer Technologie arbeite, ist das eine Technologie, die für die Person nachher in ihrem Alltag tatsächlich zugänglich ist? Also es bringt mir herzlich wenig, wenn bei mir jemand in der Praxis irgendein fancy VR-Spiel toll findet, sich das privat aber niemals wird leisten können. Das ist so ein bisschen der Punkt – als ich das gelesen hab, hab ich laut genickt, weil ich glaube, das passiert uns relativ häufig, dass die Leute bei uns in der Praxis was sehen oder was mitbringen zum Hausbesuch, irgendein Gerät, und die dann bewusst oder unbewusst vermittelt bekommen, dass sie sich das auch kaufen sollten. Und häufig sind so Therapiemittel, die wir haben, ja echt schweineteuer.
00:37:34 Sarah Bühler: Ja, und viele braucht man auch nicht. Nee, es gibt doch immer einen Alltagsgegenstand, mit dem ich auch was machen kann.
00:37:41 Sara Mohr: Ja, ist jetzt bei VR natürlich ein bisschen schwierig.
00:37:45 Sarah Bühler: Ja, okay.
00:37:46 Sara Mohr: Also, das muss ich halt vorher reflektieren. Zeig ich der… Ich weiß ja zumindest grob den finanziellen Hintergrund meiner Klientel.
00:37:49 Sarah Bühler: Ja, genau. Ja, und dann muss hier jetzt halt kein Medizinprodukt VR sein, sondern wahrscheinlich reicht auch ein normales VR-Spiel, das man sich runterladen kann.
00:37:56 Sara Mohr: Welchen Sinn hat es jetzt? Genau das ist dann eben die Überlegung. Okay, jetzt merke ich, Gamification bringt der Person total viel, damit die sich mehr bewegt in ihrem Alltag. Okay, da müssen wir gemeinsam nach Alternativen gucken, also es kann halt nicht die Lösung sein, dass die sich das gleiche System kauft oder… ja, da wär ich ganz vorsichtig. Und als letzten Punkt hier beim Prozess schreiben sie, dass viele Studien im Prozess darauf achten, dass Selbstwirksamkeit im Zentrum steht und dass kognitive Strategien entwickelt werden. Also so alle Interventionen, die darauf abzielen, dass die Planung von diesen komplexen Betätigungen besser gelingt – also wie zu lernen: Wie schreibe ich denn Strukturierungslisten, damit ich auch an alles denke, oder wie gehe ich denn mit einem bestimmten finanziellen Budget um in meinem Alltag? Also wirklich diese kognitiven Strategien, aber auch edukative Anteile – also zum Beispiel: Was ist denn gesunde Ernährung? Und die Personen, die in diesem Bereich Unterstützung erfahren, haben im Prozess… haben danach auch berichtet, dass sie sich besser darin fühlen, eigenständig im Alltag dann Entscheidungen zu treffen. Gerade nach so einer Edukation kann ich dann besser entscheiden, was ich jetzt gerne essen möchte und was nicht, und das steigert dann wieder das Selbstwirksamkeitsempfinden. Das waren so die Rahmenbedingungen, die sie vorschlagen, oder die Inhalte, die sie vorschlagen für den Prozess.
Und dann kommen wir zum dritten Kasten, zum Output. Also da haben sie jetzt geguckt: Was haben diese Studien, alle diese 30 Studien, für Ergebnisse berichtet? Also wenn ich diesen Input, diese Themen, reinpacke, wenn ich den Prozess so und so strukturiere, mit welchen Outcomes kann ich denn rechnen? Was bringt denn dann diese Ergotherapie im häuslichen Umfeld? Und sie sagen, das hat dann Auswirkungen auf fünf Bereiche des Wohlbefindens – “Five Wellbeing Domains” nennen sie das – und der erste Wohlbefindenbereich ist die Umwelt. Und sie sagen: Okay, wir müssen einerseits die Umwelt mitdenken in der Intervention, aber wir sehen eben auch in den Umwelten, wenn es den Leuten besser geht – nämlich zum Beispiel dadurch, dass die Studienteilnehmenden mehr Transportmittel nutzen, mehr in der Gemeinde unterwegs sind, mobiler einfach sind und eben auch mehr an Gruppen teilnehmen, sei das jetzt in einem Verein oder an Selbsthilfegruppen oder auch generell einfach an Aktivitäten in der Gemeinde. Also man sieht, dass die Leute in ihrer Gemeinde präsenter sind; das fängt damit an, dass sie eine Begleitung haben, die mit ihnen zum Arzt geht oder zur Behörde geht, aber eben auch, dass Freizeitaktivitäten in der Gemeinde ausgeführt werden – das ist ein Outcome, das wir sehen. Und ganz spannend haben sie beobachtet: Das soziale Wohlbefinden hat sich vor allem bei den Personen gesteigert, die wirklich ganz konkret darin angeleitet und begleitet wurden, proaktiv Verabredungen mit Freundinnen und Freunden zu vereinbaren. Also wirklich als Therapieinhalt – wenn so ein Bedürfnis geäußert wurde: “Ich würd mich gern mehr mit Menschen treffen, ich hätt gern mehr Freunde, ich hätt gern mehr soziale Kontakte”, dann wirklich das zum Therapieinhalt zu machen, proaktiv zu schauen, welche Gruppen gibt es denn, wie gehe ich mit denen in Kontakt? Muss ich da anrufen, schreibe ich da eine Chatnachricht, wie kriege ich Kontakt mit dieser Gruppe? – und das in der Therapie dann auch gemeinsam zu gestalten. Und das leitet über zum nächsten Outcome des Wohlbefindens, nämlich soziale Verbundenheit. Da sehen sie eben: Die Studien, die diesen Peer Support in der Therapie thematisiert haben, da steigert sich auch das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Leute. Generell ging es in dem Themenkomplex so darum, welche Wege kann man denn finden, wie die Person an Gruppenaktivitäten teilnehmen kann? Und wenn dieser Weg gefunden wurde, dann sehen wir eben – das überrascht uns auch wieder alle nicht –, dass sich das soziale Wohlbefinden steigert als Outcome. Es steigert sich auch das emotionale Wohlbefinden und die Resilienz – das ist auch ein Outcome. Also wenn ich so komplexe ADLs, IADLs zu meiner Zufriedenheit umsetzen kann, dann bringt das ja auch was für mein emotionales Wohlbefinden. Ich fühle mich vielleicht selbstbewusster, ich habe vielleicht eine größere Auswahl an Coping Skills. Gleichzeitig reduziert sich durch diese ganzen sozialen Sachen, die wir eben besprochen haben, zumindest zeigen das ein paar Studien, das Gefühl von Einsamkeit und von Alleinesein. Und dann gab’s noch eine Kategorie, auf die die Studien Auswirkungen gezeigt haben, die hieß messbare Fähigkeiten – und das fand ich sehr schön, weil in dieser Kategorie ging es wirklich darum, was können wir denn messen, was sich bei den Leuten verändert. Weil so Wohlbefinden ist… Immer ist gut, wenn sich das Wohlbefinden steigert, weil das natürlich immer eine rein subjektive Angabe ist. Und wir können messen, dass die Leute mobiler sind, also mehr Bewegung im Alltag haben, mehr Schritte machen, einen größeren Bewegungsradius haben – was vorher vielleicht nur einmal in der Woche von zu Hause zum Supermarkt und zurück war, wird jetzt größer, weil jetzt treff ich mich noch im Verein, jetzt treff ich mich da noch mit einer Freundin, jetzt fahr ich auch mal zum Shoppen in die nächste Stadt, und das führt zu einem Gefühl von Autonomie und von Teilhabe dann. Man sieht, dass die Leute nach diesen Interventionen mehr und stabilere soziale Beziehungen haben – jetzt zwei Freundinnen, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Und wir sehen einen Zuwachs von Fertigkeiten, zum Beispiel beim Zubereiten von Mahlzeiten oder im Haushaltsmanagement oder was so diese ganzen Alltagsroutinen angeht, also die IADLs, die getargetet werden, die führen dann zu einem Zuwachs von Fertigkeiten. Und das Ganze endet dann in der Kategorie persönliche Erfüllung und Bedeutsamkeit. Personen, die diesen Input und diesen Prozess erfahren haben, sehen dann auch eher einen Sinn in ihrem Tun und in ihrem Leben und fühlen sich gebraucht. Das fand ich auch noch mal einen ganz spannenden Aspekt, der da leider nur so am Ende so ein bisschen angeklungen ist. Aber wenn ich mich natürlich in diese sozialen Netzwerke reinbegebe, dann bin ich ja auch in Rollen, wo ich gebraucht werde. Und dieses Gebrauchtwerden ist ja, glaube ich, was, was unglaublich viel mit Teilhabe zu tun hat.
Genau. Dieses schöne Bild – was muss eigentlich rein in so eine Intervention, wie sollte die Intervention ablaufen und mit welchen Outcomes kann ich dann rechnen – ist aus dieser Studie herausgefallen. Und das ging jetzt alles ein bisschen fix, glaub ich, das war jetzt… Sorry.
00:45:19 Sarah Bühler: Voll die schöne Studie.
00:45:20 Sara Mohr: Uns ist jetzt vielleicht nicht die Kinnlade zwischendrin runtergefallen, aber ich finde diesen Review so wichtig, weil der halt wirklich… Ja, für uns Ergos ist es vielleicht Captain Obvious, aber vielleicht nicht für die Ärztin, die sagt: “Na ja, aber der Herr Meier braucht doch keinen Hausbesuch.” Da könnte ich mit so einem Review ankommen und sagen: “Hmmm, wär aber voll gut, weil der Herr Meier hat die und die Erkrankung und die Studie zeigt, Ergotherapie im Hausbesuch kann für den Herrn Meier total was bringen in diesen und diesen Bereichen.”
00:46:00 Sarah Bühler: Ja. Ja, ich sitze hier und kann nichts sagen. Stimme ich zu.
00:46:07 Sara Mohr: Hast du momentan, habt ihr momentan in der Praxis Leute mit psychiatrischen Erkrankungen, wo ihr einen Hausbesuch hinfahrt?
00:46:15 Sarah Bühler: Muss ich überlegen, weil ich ja keine Hausbesuche mache. Ja, viele, aber ein paar.
00:46:22 Sara Mohr: Ich hatte auch immer mal so ein paar und…
00:46:25 Sarah Bühler: Ja, also ich würde sagen, jeder Therapeut hat oder jede Therapeutin hat so drei oder vier. Ja, also kommt hin mit den 24 oder wieviel Prozent waren es, die… Ja, gut, also kommt hin.
00:46:35 Sara Mohr: Ich hab das ein paar Mal erlebt tatsächlich, dass bevor ich in den Hausbesuch fahren durfte, also bevor wir eine Verordnung bekommen haben, Hausbesuch… haben die Leute erst mal eine Verordnung ohne Hausbesuch bekommen und dann hat es halt mit den Terminen nicht geklappt. Dann wurde nicht abgesagt, man ist nicht gekommen und dann stellte sich raus, na ja, es ging einfach an dem Tag nicht, die Person hat es an dem Tag nicht geschafft, das Bett zu verlassen, oder es war irgendwas anderes gewesen und dann war das immer und immer wieder. Und dann musste immer an irgendeinem Punkt einfach ein Gespräch mit der vorhandenen Ärztin oder dem verordnenden Arzt stattfinden, um zu sagen: “Ey, das macht hier keinen Sinn, wenn die Person alle drei Monate einmal in die Praxis kommt, kann ich es auch lassen.”
00:47:18 Sarah Bühler: Ja, ja, gut, jetzt gibt es noch die Möglichkeit Teletherapie, also das nutzen tatsächlich einige. Dass man so auch zu Hause begleiten kann, wir nicht hinmüssen, die nicht aus dem Haus müssen und trotzdem eigenverantwortlich dann bespricht: Was steht denn heute an, so Tagesplan, so was in die Richtung macht und sagt: “OK, und jetzt bis Sie gestartet sind, bleib ich mal dabei,” das geht tatsächlich per Teletherapie ganz gut.
00:47:43 Sara Mohr: Das ist cool.
00:47:44 Sarah Bühler: Genau. Also da weiß ich, dass bei uns… Also dass die Teletherapie vor allem für auch Psych-Klientinnen genutzt wird.
00:47:55 Sarah Bühler: Ja.
00:47:56 Sara Mohr: Ja, das find ich, das find ich, glaub ich, eine echt coole Sache. Ich hab ja leider noch nie Teletherapie benutzt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das gerade in dem Kontext, weil das ist niedrigschwellig für die Leute, die können da dran teilnehmen, wie du sagst, auch wenn ich mal nicht aus dem… rauskomme. Und ich krieg ja trotzdem… Natürlich krieg ich nur einen begrenzten Einblick in den Alltag zu Hause, aber ich kriege einen Live-Einblick in die Alltagsbedingungen.
00:48:18 Sarah Bühler: Ja, ja, und die lernen halt auch, die Dinge dann zu tun, auch wenn niemand physisch dabei ist. Ja, und das ist ja was, was dann vielleicht auch gerade bei Insta oder Social Media… gibt es ja häufig auch Aufräumgruppen, wo sich Leute im Live treffen, um aufzuräumen oder was zu tun. Ja, und da kann man da ja dann auch hinleiten, so ein Stück weit, ja.
00:48:37 Sara Mohr: So Body Doubling. Stimmt, stimmt, das ist cool. Ja, weil, gerade weil du gerade gesagt hast, dass es… Ja, dann quasi… Oder wir hatten es ja vorhin auch von Betätigungen, die schwieriger sind, wenn jemand dabei ist. Oder was, glaube ich, auch im psychischen Bereich ist – das hatte eine Klientin von mir immer mal wieder gesagt: Wenn wir dann was gemacht haben, wenn ich da war, also keine Ahnung, dann war Thema Bett regelmäßig frisch beziehen und dann haben wir, wenn ich da war, das Bett frisch bezogen. Da hat sie mir gesagt: “Ja, aber wenn Sie nicht da sind, mache ich es halt nicht.” Und in dem… in dem Buch – warte, ich hol es kurz, warte – in dem Buch “Betätigungszentrierung in der psychosozialen Ergotherapie: Ein Wegweiser für Praxis und Lehre” von der lieben Nicole und der lieben Rebecca, Rebecca Lang und Nicole Kaldewei, geht es unter anderem darum: Wie mache ich denn in der Psych Betätigungsanalyse, wenn ich genau diese Situation habe? Wenn ich da bin, kann die Person das machen, dann tritt das Problem nicht auf oder es geht um Betätigungen, die einfach in der Therapie nicht stattfinden können, weil es irgendwie drum geht, abends mit einer Freundin auf eine Party zu gehen oder so – das kann ich halt nicht live in der Therapie machen –, oder es geht um intime Betätigungen wie sich duschen oder so, wo ich jetzt… Die haben dieses Betätigungsanalyse-Kapitel in diesem Buch, ist so toll – und das sag ich als Neurotante, die ja eigentlich mit Psych wenig bis gar nichts am Hut hat –, weil die wirklich verschiedene Möglichkeiten aufzeigen, unter anderem zum Beispiel, dass ich dann eben mit der Person im Gespräch aufdrösele, welche Schritte gehören denn dazu, und dann immer wieder in so kleine Alltagsexperimente reingehen mit der Person und dann quasi das nächste Mal wieder im Gespräch eine Betätigungsanalyse machen. Also richtig coole Alternativen, gerade für diesen Psychbereich. Große Empfehlung für dieses Buch. Genau, wollen wir noch drei Do’s machen, Sarah? Drei Do’s für Hausbesuche bei Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Ergotherapie.
00:50:47 Sarah Bühler: Offen sein. Wertfrei. Sowieso immer, sowieso immer, ja.
00:50:57 Sara Mohr: Offen sein glaube ich auch für die Umwelt, in die ich da reingerate, und das Setting und den Kontext und das wirklich ganz bewusst wahrzunehmen. Was ist denn hier überhaupt möglich und was ist nicht möglich, so wie die Person jetzt hier gerade lebt, mit den Menschen, mit der Umwelt, mit dem finanziellen Hintergrund?
00:51:13 Sarah Bühler: Ja. Genau, also so ein Realitätsbezug. Also, was ist machbar, was nicht?
00:51:26 Sara Mohr: Fokus auf Betätigungen, die… Ich fand diesen Hinweis eigentlich ganz schön: wirklich auch, also wirklich diesen Rollenbezug da noch mal reinzubringen. Welche Rollen sind denn wichtig der Person? Ey, mal so eine gute alte Rollencheckliste, okay, und was gehört für Sie alles dazu, Schwester zu sein? So, und dann zu den Betätigungen hinzuarbeiten und zu gucken: Was braucht es da?
00:51:50 Sarah Bühler: Ja, ich find’s ja immer noch, das MOHO bei Psych…
00:51:50 Sara Mohr: Du bist MOHO-Fan, gell?
00:51:56 Sarah Bühler: In diesem Kontext ja, weil ich find einfach auch die Volition und so was. Und ja, find ich, ist eine gute Sache, da die MOHO-Assessment in der Tasche zu haben und die MOHO-Brille aufzuhaben.
00:52:15 Sara Mohr: Ja, ich glaube, das ist ein sehr gutes Do. Also bin ich ja so durch die MOHO-Assessment bin ich ja Fan vom MOHO geworden, ich hab mich ja lange gewehrt. Weil ich so ein visueller Mensch bin, ich fand das MOHO einfach furchtbar hässlich, also die Visualisierung von dem Modell… ich hab keinen Zugang gefunden über diese Visualisierung. Die Assessments haben mich dann aber… Die haben mich dann gekriegt, als wir damals im Bachelor gezwungen wurden, das OPHI II zu machen, das Occupational Performance History Interview. Habt ihr uns gezwungen? Ja, jetzt nur mal kurz hier: Ich wollte nicht, man muss das machen für eine Hausarbeit mit zwei Klienten, glaube ich, sogar zwei Klientinnen.
00:52:58 Sarah Bühler: Ich weiß es nicht mehr, ja.
00:53:00 Sara Mohr: Und das war richtig gut. Ja, das war richtig gut.
00:53:04 Sarah Bühler: Es macht einfach Sinn.
00:53:04 Sara Mohr: Das hat wirklich… und ich hab das dann gemacht – bei dem einen Klienten erinnere ich mich noch sehr gut dran, das war einer… Wir haben doch alle diese Klient:innen, wo wir wissen, mit denen kann ich jeden Quatsch auch mal machen, ne. Und ich bin zu dem hingegangen und hab gesagt: “Hör zu, ich muss hier für die Uni, diese Hausarbeit, kann ich mit dir einfach kurz dieses blöde Assessment machen, ist vollkommen wurscht.” Der war mitten im Therapieprozess, das war gar nicht der Zeitpunkt für ein Assessment, aber ich hab ihn gefragt und der war so nett und hat gesagt: “Ja, klar.” Und dann haben wir das gemacht.
00:53:37 Sarah Bühler: Und dann lief der Therapieprozess anders weiter.
00:53:39 Sara Mohr: Aber sowas von. Der hat da nämlich geendet und es war… das war gut, dass er “ja” gesagt hat, weil das war so ein lieber Mann, ein ganz lieber Mann, aber so ein Langzeitklient, ne, der, ich weiß nicht, wie viele Jahre in die Praxis kam. Das war eine angenehme Therapie, aber wir hatten eigentlich kein Ziel mehr und es war aber auch…
00:53:57 Sarah Bühler: Im Gespräch mit ihm ganz schwierig zu kommunizieren. Weil guckt ja immer, ist ja eine Routine.
00:54:00 Sara Mohr: Ja. Genau. Und er kam gerne, und er mochte das wirklich gerne, und es war für ihn so ein wichtiger Teil seines Alltags. Der kam nicht nur, der hatte noch andere Therapien am selben Tag, das war genau getaktet, der hatte seinen Zeitplan da so, das waren ganz wichtige Dinge, was ihm auch Stabilität gegeben hat. Und immer, wenn ich im Gespräch auch nur in die Richtung ging, hat er zugemacht. Und durch dieses Assessment kam er so ins Selber-Reflektieren. Ich hab da gar nicht viel zugetan, ich hab nur diese Fragen gestellt und mir Notizen gemacht, dass er am Ende meinte… hat er mich gefragt: “Warum haben wir denn jetzt so viel darüber gesprochen, was ich zu Hause mache und nicht mache?” Also, ja, bei Ergotherapie geht es eigentlich darum, dass du möglichst selbständig das alles so machen kannst und so. Und dann meinte er: “Ja, aber ich kann ja alles machen, was ich will.” Also, ja, ich weiß. Dann meinte er mal, das OPHI II ist ein History Interview, es geht so um die Lebensgeschichte auch und wie sich die entwickelt hat, und er hat dann… er kam tatsächlich durch die Selbstreflexion, er kann die Sachen zwar nicht mehr so machen wie vor seiner Erkrankung, aber er kann sie machen. Und es war ihm vorher nicht zu vermitteln, und nur durch dieses Assessment kam er dahin. Und das hat dann noch so ein paar Wochen, vielleicht sogar noch zwei, drei Monate gedauert, bis er dann aber an dem Punkt war, wo er von sich aus sagen konnte: “Nee, ich bin jetzt noch mal in mich gegangen, und eigentlich brauche ich das hier nicht.” Und dann haben wir noch einen Kaffee getrunken. Ja genau, das war… ja, und ab dann waren das MOHO und ich dann noch ein bisschen Freunde, ja. Genau. Also, bitte, kleiner Schlenker, Entschuldigung.
00:56:02 Sarah Bühler: Kleiner Schlenker war das. Kleinschrittig vorgehen und Alltags- oder so Aktivitätenexperimente machen, die auch fehlschlagen dürfen.
00:56:10 Sara Mohr: Ja, sehr gut. Das ist ein sehr gutes Wort: Alltagsexperimente.
00:56:13 Sarah Bühler: Ich hätt noch ein viertes Do: Sachen aufschreiben, weil ich glaub, also wenn man Sachen aufschreibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass man sie tatsächlich umsetzt.
00:56:22 Sara Mohr: So dass ich mir in der Therapie quasi schon einen Plan mache: Was will ich jetzt machen bis zum nächsten Mal? Oder wie meinst du Sachen aufschreiben?
00:56:28 Sarah Bühler: Ja, ja, dass man tatsächlich aufschreibt, was man vorhat, auch dann selbst zu Hause, vielleicht jeden Tag, dass man abends überlegt: Was mach ich denn am nächsten Tag oder an dem Tag? Was steht heute an, wie ist meine Energie heute, was ist realistisch? Tatsächlich aufschreiben.
00:56:44 Sara Mohr: Ja, das ist gut. Ich glaube, ich schreibe viel zu wenig mit meinen Klienten, ich halte Sachen also klar in meiner eigenen Doku, aber… Sehr gut. Ich schreib mir ja auch alles auf.
00:56:58 Sarah Bühler: Sonst vergesse ich es ja, du auch. Ja, vergess das schon. Ich habe geschrieben, ist weg. Sehr schön.
00:57:08 Sara Mohr: Super. Dann würde ich sagen, machen wir an dieser Stelle einen Deckel drauf, ja.
00:57:15 Sarah Bühler: Tschüss.
00:57:17 Sara Mohr: Und wir hören uns beim nächsten Mal wieder.
(Dieses Transkript wurde mit Unterstützung von KI generiert.)
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